Ein altes Radio © imago

"Rundfunken macht Spaß, wenn man es nicht verpatzt!"

Stand: 12.12.2020 14:37 Uhr

Am 22. Dezember 1920 gab es die erste Rundfunksendung in Deutschland. Totzukriegen ist das Radio nicht. Gedanken von Alexander Solloch.

von Alexander Solloch

"Radio, Radio, Radio - das schnellste Medium der Welt." Als Fußballreporter Günther Koch diese Worte ins Mikrophon rief, im Mai 1999, schrieben er und seine Kollegen selbst Rundfunkgeschichte mit der wohl spannendsten Bundesliga-Konferenz aller Zeiten. Ja, Radio ist schnell, unmittelbar und emotional. Was ist da nur für eine grandiose Erfindung gelungen, am 22. Dezember 1920. Vor 100 Jahren gab es die erste Rundfunksendung in Deutschland. Zwar ist das Radio seitdem häufig totgesagt worden, aber totzukriegen ist es nicht. "Rundfunken macht Spaß, wenn man es nicht verpatzt!" - sagte einst Harry Rowohlt mit der wohl brummigsten Stimme der Radiogeschichte. Wie kann diese schöne Geschichte fortgeschrieben werden? Darüber macht sich NDR Kultur-Literaturredakteur und Fußballfan Alexander Solloch Gedanken.

Radio Müller

Dem Elend der Krise lässt sich doch auch manch Interessantes abgewinnen. Und wie eigentlich immer, wenn Interessantes geschieht, spielt das Radio dabei eine Rolle. Es lautete ja der Beschluss: Auch während der Pandemie muss weiter Fußball gespielt werden. Die riesigen Arenen - gebaut für 30.000 bis 80.000 jubelnde, singende, grölende, jedenfalls: laute Menschen - sind jetzt Schauplätze geisterhaften Gebarens. Das ist schrecklich und schlimm, aber momentweise auch ganz lehrreich. Jeder Tritt gegen den Ball, jedes Reißen eines Muskelbündels sind jetzt einwandfrei zu hören vom Publikum am Bildschirm oder Radio; und vor allem: jede Lautäußerung von Trainern, Schiedsrichtern und Spielern. Einer vor allem tut sich als permanenter Kommentator des Spielgeschehens hervor, er rennt, passt, schießt, und dazwischen und währenddessen redet er in einem fort, Sinnvolles, manchmal vielleicht auch Rätselhaftes: Thomas Müller, der langjährige Nationalspieler. Jetzt endlich versteht man, warum ihm einst ein Trainer diesen sonderbaren Spitznamen gab: "Radio Müller".

Alexander Solloch von NDR Kultur © NDR / Christian Spielmann Foto: Christian Spielmann
Alexander Solloch ist Literaturredakteur bei NDR Kultur.

Thomas Müller selbst ist 31, ein Senior unter den Fußballern, einer, der schon alles gesehen hat, mutmaßlich auch mal ein Radiogerät. Nun aber, da die Reporter Ohrenzeugen seiner fußballbegleitenden Nebenaktivitäten werden, fragen sie fassungslos nach, was denn das sei, und seine jungen Mitspieler antworten voller Stolz: "Ja, das ist eben unser Radio Müller!" Man ist erstaunt: Diese 18-, 20-, 25-Jährigen, sind das nicht die, deren Mediennutzungsverhalten ausschließlich um Instagram, Snapchat und TikTok kreist und vielleicht ein bisschen noch um Netflix? Die, die ein Radio allenfalls dann noch in Betrieb nehmen könnten, wenn es sich um ein Webradio handelte, das sich anklicken lässt, ohne dass ein komplizierter Ein- und Ausschaltmechanismus betätigt werden müsste?

Gemach. Zunächst einmal ist festzuhalten, dass es ja etwas zu bedeuten haben muss, wenn die Jungen so von ihrem Leistungsträger denken: "Ja", heißt das, "zwar ist das Radio alt. Aber es hat uns doch noch vieles zu sagen. Es gibt uns Orientierung, gibt uns Halt; und in Anbetracht des Quatsches, der manchmal aus ihm heraustönt, wohl auch Spaß. Missen wollen wir es jedenfalls nicht!" Das Radio, so hören wir’s aus diesen Gedanken der jungen Mitspieler von Thomas Müller hinaus, ist kurios und gut. Das wäre doch schon mal was! Am Anfang geben wir uns mit wenig zufrieden, um dann aufs Allerhöchste hinaus zu wollen. So ist ja, wenn man’s recht bedenkt, vor 100 Jahren auch das Radio ins Leben der Menschen getreten.

Ein Meilenstein der Medien- und Kulturgeschichte

Keiner der Ingenieure, die sich um die Erfindung und Entwicklung des Radios verdient gemacht haben, dachte daran, dass ihre Leistungen zu einem Phänomen führen könnten, welches man später "lineares Hörfunkprogramm" nennen würde, also eine dramaturgisch ausgedachte Abfolge von Sendungen, deren wesentliches formales Prinzip die Regelmäßigkeit ist und die inhaltlich, im günstigen Fall, das Publikum informieren, inspirieren und unterhalten können. Um dieser schönen Ziele willen ist das Radio ursprünglich nicht erfunden worden. Es ist erfunden worden, weil man es konnte, "ein Zufallsprodukt", wie Bertolt Brecht meinte, und mindestens für Deutschland trifft das einwandfrei zu. 

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Als um das Jahr 1918 herum die Funk-Technologie so ausgereift war, dass sie die Möglichkeiten der Telegrafie weit überragte, und zugleich der Krieg so verloren war, dass das Militär einstweilen keine Ansprüche mehr auf irgendetwas anzumelden hatte, wusste man erst einmal gar nicht so recht, was man nun damit anstellen sollte. Die Post konnte zwar schnell die Zuständigkeit für die Organisation der neuen Technologie ergattern, funkte aber zunächst einmal mehr oder weniger ziellos vor sich hin. Der Hochfrequenztechniker Hans Bredow wurde 1919 noch verlacht, als er "Rundfunk für jedermann" forderte, worunter er sich eine Art "gesprochener Zeitung" vorstellte. Vor 100 Jahren dann, am 22. Dezember 1920 um 14 Uhr, sendete die Hauptfunkstelle Königs Wusterhausen bei Berlin ein kleines Weihnachtskonzert. Die ersten Worte der ersten Rundfunksendung in Deutschland lauteten: "Hallo, hallo, hier Königs Wusterhausen auf Welle 2700", dann spielten Mitarbeiter der Reichspost (ein überliefertes Foto zeigt, dass auch mindestens eine Mitarbeiterin unter ihnen war) auf Klarinette, Streichinstrumenten und am Klavier "Stille Nacht, heilige Nacht". Der internationale Berufsverband der Ingenieure IEEE hat dieses Ereignis vor wenigen Jahren offiziell zu einem "Meilenstein der Technikgeschichte" erklärt. Es ist aber auch ein Meilenstein der Medien- und Kulturgeschichte.

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Dass das Radio - vor allem in den ersten beiden Jahrzehnten seines Bestehens - auch schlimmen Zwecken dienstbar gemacht wurde, kann keine Geburtstagsrede verhehlen. Seine Fähigkeit, in Windeseile eine riesige Zahl an Menschen zu erreichen, macht es natürlich auch zu einem hervorragenden Transportmittel von Lügen und Propaganda. In den zwölf Jahren, in denen das Radio "Volksempfänger" hieß, ist es ein wichtiges Instrument von Verbrechern gewesen, eines von vielen Tatwerkzeugen. Jede Technik ist immer nur so gut wie die Menschen, die sie nutzen. 

Ebenso unabweisbar liegen die vielen Vorzüge des Mediums auf der Hand. Seine Schnelligkeit, seine Fähigkeit zur prompten und doch differenzierten Information, wie sie gerade in Krisenzeiten - also immer - nachgefragt wird, ist einfach nicht zu übertreffen, da kann das Netz machen, was es will: Das Radio wird immer schneller sein. Es tut obendrein alles ihm Mögliche (und das ist gar nicht mal so wenig), um das kulturelle Leben in Schwung zu halten und sein Verblühen zu verhindern. Schriftstellerkarrieren wie die von Martin Walser, Siegfried Lenz oder Wilhelm Genazino wären vermutlich weitaus komplizierter verlaufen, wenn ihnen das Radio nicht über die Jahre hinweg eine Bühne für ihre Hörspiele und Essays geboten hätte, und "Bühne" bedeutet hier auch ganz handfest: ein ökonomisches Fundament für ihre künstlerische Arbeit. 

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Gedanken zur Zeit | 13.12.2020 | 19:00 Uhr