Stand: 18.03.2020 14:51 Uhr  - NDR Kultur

Friedrich Hölderlin zum 250. Geburtstag

Der Philosoph, Literaturwissenschaftler und Schriftsteller Rüdiger Safranski hat die Lebensgeschichten von Schiller über Goethe bis E.T.A. Hoffmann erzählt. Eine Figur, die in seiner Schiller-Biografie noch als Nebendarsteller auftaucht, bekommt in seiner aktuellen Biografie die Hauptrolle: Friedrich Hölderlin, der vor 250. Jahren geboren wurde.

Herr Safranski, "Was also ist das für ein Feuer, das in Hölderlins Leben und Poesie brennt?" fragen Sie in Anlehnung an Hölderlins bekannte Elegie "Brod und Wein". Haben Sie darauf eine Antwort gefunden?

Rüdiger Safranski © dpa/lsw Foto: Patrick Seeger
Rüdiger Safranski hat die Biografie "Hölderlin - Komm! ins Offene, Freund!" vorgelegt.

Rüdiger Safranski: Es ist eine Antwort, die ihn uns zunächst etwas fremd macht. Hölderlin ist ja in einer Zeit um 1800 unterwegs, in der alle von der Antike geschwärmt haben: Goethe, Schiller, die Romantiker. Hölderlin ist vielleicht der einzige in diesem Kreis, der ein religiös-existentielles Verhältnis zur Antike hatte. In einer Situation, wo er befürchtet, dass uns der religiöse Zusammenhang entschwindet, weil das Christentum schwach wird, hat er an der griechischen Art der Religiosität Feuer gefangen - seine Gedichte geben da zum Teil Auskunft. Das ist die ganz besondere Farbe und das besondere Feuer, das bei Hölderlin brennt.

Hölderlin hatte protestantischen Hintergrund. Seine Mutter wollte, dass er Dorfpfarrer wird, aber er wollte schon immer Dichter sein. Er wählte den Umweg über die Philosophie. Er emanzipierte sich aber letztlich von der Philosophie und sah in der Poesie den wahren Weg zur Erschließung der Welt. Kann man das so sagen?

Safranski: Das kann man so sagen. Er musste sich von der Philosophie emanzipieren, obwohl die Philosophie damals in ihrer Blüte stand. Aber Hölderlin hatte noch größere Erwartungen von der Poesie, und das ist das, was ihn so faszinierend macht: Er legt ein ungeheures Gewicht auf die Poesie als ein Organ unserer geistigen Gesundheit. Er ist davon überzeugt, dass wenn die Poesie aus dem Leben verschwindet, dann auch etwas entscheidend Humanes verschwindet. Er nannte das die "Götternacht", weil er den poetischen und den religiösen Geist nicht so sehr aufs Engste verbunden sah. Eigentlich war Hölderlin ein Autor, der eine Heiligsprechung der Poesie vorgenommen hat.

In Krisenzeiten ist immer wieder die Philosophie gefragt, um Antworten oder Orientierung zu geben. Kann auch die Poesie ein guter Ratgeber oder wenigsten ein Trostspender sein in diesen Tagen?

Weitere Informationen
Eine Skulptur des Künstlers Waldemar Schröder, die Friedrich Hölderlin darstellt © picture alliance/Marijan Murat/dpa

Michael Thomas liest Friedrich Hölderlin

Friedrich Hölderlins "Hyperion oder Der Eremit in Griechenland" setzt die europäische Tradition des empfindsamen Briefromans fort. Es ist ein Selbstbekenntnis und eine hymnische Feier der Natur. mehr

Safranski: Ein Trost. Poesie ist keine Instanz, die pragmatische Antworten gibt, sondern etwas, was den Zauber des poetischen Geistes vermittelt. Hölderlin versucht, an diesem Geist festzuhalten. Das macht auch seine Zerrissenheit aus, weil Hölderlin ein ganz moderner Mensch ist: Er ist schon in der aufgeklärten Zeit, in der Zeit, die den religiösen Geist immer mehr verabschiedet, die sehr prosaisch ist, wo die Poesie eine schöne Nebensache ist. Seine Ansprüche an die Schönheit und an die Poesie sind so groß, dass es auch eine zerreißende Spannung für ihn ist. Deswegen ist er auch im gewissen Sinne so eine tragische Figur: Er ging vielleicht auch daran zugrunde, er konnte das nicht durchhalten.

Sie schreiben: "Poesie ist nicht an die Wirklichkeit gefesselt, sie schafft neue Wirklichkeiten; sie ist nicht einfach nur weltabbildend und welterklärend, sondern im eminenten Sinne weltschaffend." Wie würden Sie die Essenz der Welt beschreiben, die Hölderlin mit seinen Werken geschaffen hat?

Safranski: Sein Traum war, dass es zwischen den Menschen offen und frei zugeht: füreinander offen, für den Himmel offen, für die Erde offen. Er hatte auch eine politische Vision: Er war Demokrat, Jakobiner, er war begeistert von der Französischen Revolution - und das war sein Thema. Die Religion war für ihn ein Teil, freie, offene Verhältnisse zwischen den Menschen herzustellen. Dass die Leute das Gefühl haben, im Leben gehe es um mehr als nur um materiellen Nutzen - wir sind noch zu ganz anderen Aufgaben berufen. Das ist Hölderlins Vermächtnis. Offenheit war für ihn alles. Im Augenblick begreifen wir, was Offenheit ist, wo wir jetzt mit Recht angehalten werden, uns etwas zu sichern und zu verschließen. Umso mehr merken wir, wie sehr das Offene zu uns gehört.

Das Gespräch führte Alexandra Friedrich

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 18.03.2020 | 19:00 Uhr