Stand: 22.04.2020 15:33 Uhr

So meistert der Rowohlt Verlag die Corona-Krise

Seit Anfang der Woche sind in Deutschland die Buchhandlungen wieder geöffnet. Die gesamte Buchbranche - von den Autorinnen und Autoren über die Verlage und Hersteller bis zu den Buchhandlungen - atmet auf. Ein Interview mit Florian Illies, Leiter des Rowohlt Verlags in Hamburg.

Herr Illies, atmen Sie auch auf?

Der Autor Florian Illies © Patrick Bienert
Florian Illies leitet seit 2019 den Rowohlt Verlag in Hamburg.

Florian Illies: Ja, natürlich atmen wir auf. Das ist ein guter und beruhigender erster Schritt. Zugleich kann man nur hoffen, dass das, was jetzt gut und wichtig für Buchhandlungen ist, auch vernünftig im Sinne der Gesundheits- und Schutzmaßnahmen ist. Da bewegen wir uns auf einem schmalen Grat, und deswegen muss man immer gut abwegen. Rein aus der Sicht des Verlegers und derer die Bücher lieben, die Bücher machen und die Bücher gerne zu den Menschen bringen wollen, ist das natürlich ein sehr guter Weg, dass die Buchhandlung wieder offen sind.

Wie sehr haben die Corona-Maßnahmen Sie als Verlag eingeschränkt? Der Versandbuchhandel ging trotzdem weiter und viele stationäre Buchhändlerinnen und Buchhändler haben viel Kreativität entwickelt, um Bücher an die Leserinnen und Leser zu bringen. Das dürfte Sie als Verlag gar nicht so richtig tangiert haben, oder?

Illies: Doch, es hat alle Verlage in Deutschland berührt, weil die Menschen in den ersten Wochen des Schocks andere Sorgen hatten, als Bücher zu kaufen - und jetzt alle sehr dankbar sind, dass die Normalisierung wieder beginnt. Natürlich wurden auch in dieser Krisenzeit Bücher verkauft - aber andere als in anderen Zeiten. Viele Eltern waren vor allem damit beschäftigt, ihren Kindern sinnvolle Beschäftigungen zu suchen - und das sind die Bücher gewesen, die sich in den Märzwochen sehr stark verkauften.

Unsere beiden Verkaufsschlager waren auf der einen Seite "Die Pest" von Albert Camus, ein großer Klassiker, von dem wir Tausende pro Tag verkaufen konnten. Ein sehr altes Buch, das eine erschreckende Aktualität gewonnen hat. Aber es ist auch ein ganz anderes Buch ganz nach oben in der Bestsellerliste gekommen: "Im Grunde gut", das Buch eines niederländischen Soziologen, der sagt, die Menschen seien doch viel besser.

In vielen Verlagen hat eine große Verschiebung aller Programme stattgefunden. Ist das überhaupt noch nötig, wenn jetzt der Branchenmotor wieder anspringt?

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Die Buchhandlung Beckwermert in Bad Rothenfelde: Inhaber Matthias Beckwermert (rechts) mit Angestellter. © Birgit Schütte Foto: Birgit Schütte

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Illies: Das ist schon sinnvoll, weil jeder Verlag für sich schauen muss, was zu einem bestimmten Zeitpunkt sinnvoll ist. Angenommen, wir haben ein Buch über die Schule: Was ist eine gute Schule heutzutage? Wir glauben, dass es kein guter Moment ist, dieses Buch auf den Markt zu bringen, wenn keine Schule ist. Diese Fragen beschäftigen viele Verleger und Verlagshäuser. Ist ein Thema gerade überhaupt relevant? Oder dominieren andere Themen so stark, dass es gar keine Chance auf dem Markt hat? Das sind Bücher, die verschoben werden, die in andere Programme wandern.

Auch ökonomische Fragen sind wichtig, weil zurzeit die ganzen Multiplikationsmöglichkeiten fehlen, die sonst Bücher vor allem von Debütanten bekannt gemacht haben. Es gibt keine Lesungen in den Buchhandlungen - und ohne Lesungen können vor allem junge Autoren, die ihr erstes Buch veröffentlichen, überhaupt nicht in den Markt kommen und bekannt werden. Es ist dann sinnvoll, zu warten, bis ein besseres Umfeld da ist, bis es wieder Lesungen und Veranstaltungen geben kann, um diese Bücher bekannt zu machen.

Lesungen sind jetzt erst mal auf längere Frist nicht möglich. Kann da der Verlag den Autorinnen und Autoren trotzdem helfen? Haben Sie eine Idee?

Illies: Es wird zurzeit mit ungeheurer Kreativität - von den Buchhandlungen, von den Verlagen, von verschiedenen Medien - daran gearbeitet, doch Autoren Bühnen zu schaffen. Es ist wunderbar zu sehen, mit wie viel Leidenschaft versucht wird, Lösungen zu finden. Aber es ist schwierig, und es ist kein adäquater Ersatz. Wir alle müssen darüber nachdenken, wie man Wege finden kann, den Autoren finanziell unter die Arme zu greifen. Denn es ist für viele eine existenzielle Situation.

Das Gespräch führte Jürgen Deppe

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Aufgeschlagenes Buch © Fotolia.com Foto: Donald Joski

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NDR Kultur | Journal | 22.04.2020 | 19:00 Uhr