Stand: 10.07.2018 17:20 Uhr

Regula Venske: "Herzliches Willkommen an Liu Xia"

Die Witwe des chinesischen Schriftstellers und Friedensnobelpreisträgers Liu Xiaobo, die Dichterin Liu Xia, ist nicht mehr in China; sie ist am späten Nachmittag in Berlin eingetroffen. Ein Gespräch mit der Präsidentin des PEN- Zentrums Deutschland Regula Venske über die Hintergründe dieses Vorgangs.

Frau Venske, seit 2010 stand Liu Xia unter Hausarrest, im vergangen Jahr starb ihr Mann in Haft, und jetzt ist sie plötzlich frei. Wie kam das zu diesem Zeitpunkt, und wie eng waren Sie mit dem Vorgang befasst?

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Regula Venske ist seit über einem Jahr Präsidentin des PEN- Zentrums Deutschland.

Regula Venske: Sie ist nicht plötzlich frei, sondern da ist lange Vorarbeit erfolgt und nötig gewesen. Seit 2010 haben wir uns - im Verbund mit vielen anderen Akteuren weltweit - für die Freilassung Liu Xiaobos eingesetzt und für die Freilassung Liu Xias aus diesem Hausarrest, der ja eine Sippenhaft war, denn es hat nie eine Anklage gegen sie gegeben. Sie ist Ehrenmitglied des deutschen PEN, sie ist selber Autorin, Künstlerin und Fotografin, und wir haben uns schon letztes Jahr, als ihr Mann im Sterben lag, sehr dafür eingesetzt, dass beide nach Deutschland kommen. Diese Bemühungen auf hoher politischer Ebene haben schon seit einem Jahr stattgefunden. Jetzt sind wir sehr froh, dass nun diese gute Nachricht kam.

Gerade war Li Keqiang, der chinesische Ministerpräsident, in Berlin - und keine 24 Stunden später darf Frau Liu ausreisen. Welchen Zusammenhang gibt es da? Und: Gab es oder gibt es eine Gegenleistung?

Venske: Wir Schriftsteller haben ja die Aufgabe - und wir kommen ihr auch nach -, unsere Regierung zu kritisieren. In diesem Fall würde ich aber doch der Bundesregierung ein großes "Danke schön" aussprechen, denn da hat man sich sehr für sie eingesetzt. Was eine Gegenleistung angeht, dazu kann ich keine Stellungnahme abgeben - das muss man jetzt weiter beobachten.

Wie kann man diese Erlaubnis zur Ausreise bewerten - ist das wirklich Freiheit für Frau Liu? Ihr Bruder, Liu Hui, ist noch in China und könnte von der Regierung als Druckmittel benutzt werden.

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Liu Xia darf nach Deutschland ausreisen

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China hat die unter Hausarrest stehende Witwe des chinesischen Friedensnobelpreisträgers Liu Xiaobo ausreisen lassen. Liu Xia verließ das Land in einem finnischen Flugzeug. Sie wird heute noch in Berlin erwartet. extern

Venske: Das ist richtig, und das war auch für sie etwas, was sie sehr in einen Konflikt gestürzt hat, denn natürlich wäre es schöner, wenn der Bruder auch hätte ausreisen dürfen. Darauf kann man vielleicht noch hoffen, ich weiß aber nicht, wie begründet diese Hoffnung ist.

Was ist Freiheit? Wenn man die Texte von Liu Xiaobo liest, auch die, die er im Gefängnis geschrieben hat, dann gewinnt man den Eindruck, dass da ein innerlich freier Mensch geschrieben hat. Aber natürlich ist Liu Xia durch diese ganze Zeit schwer traumatisiert. Wir werden erst einmal Verständnis dafür haben müssen, dass sie Ruhe braucht, dass sie abgeschirmt wird. Auch wir würden sie gerne schnellstmöglich in unsere Arme schließen, aber man muss respektieren, wenn da ein Ruhebedürfnis ist und sie erst mal ankommen muss.

Es heißt, sie komme nach Berlin, auch um sich behandeln zu lassen. Es ist die Rede von einem schlechten Gesundheitszustand. Wissen Sie, wie es ihr geht?

Venske: Wir haben uns sehr große Sorgen gemacht, das ist ja auch öffentlich gewesen. Ihr Vertrauter, der in Berlin lebende Schriftsteller Liao Yiwu, hat mit ihr immer wieder telefonieren können und hat dann berichtet, dass sie am Telefon eine Viertelstunde lang geweint hat. Sie war also auch stark suizidal gefährdet, zum einen durch die Trauer um ihren Mann, aber auch durch diese traumatische Hausarresterfahrung. Dieser Hausarrest ist mit einer Belastung verbunden, die wir uns gar nicht vorstellen können: Sie konnte über viele Jahre keinen Schritt gehen, den sie gehen wollte, sie wurde nur kontrolliert, sie konnte ihren Mann in Abständen unter Aufsicht besuchen, auch die Telefonate wurden kontrolliert oder gesperrt. Manchmal ist es ihr gelungen, etwas aus diesem Hausarrest herauszuschmuggeln, man kann Videos auf YouTube sehen, wo sie ein Gedicht vorliest und wo man sieht, was für eine zarte, zerbrechliche Frau sie ist. Es ist nicht vorstellbar, warum ein so großer Machtapparat sich gegen eine so kleine Frau so positioniert und sie so dermaßen drangsaliert. Da muss sie jetzt erst mal zu Ruhe kommen und das verarbeiten.

Sie haben eine wichtige Frage aufgeworfen: Warum hat die chinesische Regierung Frau Liu so lange drangsaliert? Werden da nicht Schriftsteller und Journalisten zunehmend als Faustpfand, als politische Druckmittel missbraucht?

Venske: Ja, das ist wirklich interessant. Die Machhaber weltweit fürchten offenbar nichts so sehr wie das Wort. Es ist schon eine starke Waffe.

Dass das Wort eine Waffe ist, das ist vielleicht die eine Seite der Medaille, aber könnte es nicht auch sein, dass gerade diese Waffe vor allem im Ausland gehört wird und dass man das dann politisch benutzt?

Venske: Dass da Menschen instrumentalisiert werden, das ist klar, da gibt es genug Beispiele. Trotzdem würde ich gerne ein ganz herzliches "Willkommen" an Liu Xia sagen. Wir freuen uns, dass sie hier ist und hoffen, dass ihre engen Freunde sie gut auffangen - sie hat ja auch Freunde in Berlin. Man kann allen Beteiligten, die sich dafür eingesetzt haben, "Danke schön" sagen.

Das Interview führte Martina Kothe

Die neue gewählte Präsidentin der Schriftstellervereinigung PEN, die Autorin Regula Venske, © Bernd Thissen/ (c) dpa - Bildfunk

Regula Venske: "Herzliches Willkommen an Liu Xia"

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Die Witwe des chinesischen Schriftstellers Liu Xiaobo, die Dichterin Liu Xia, ist am späten Nachmittag in Berlin eingetroffen. Regula Venske dankt der Bundesregierung für ihren Einsatz.

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NDR Kultur | Journal | 10.07.2018 | 19:00 Uhr

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