Stand: 17.07.2021 00:00 Uhr

Jürgen Flimm wird 80: "Die Neugier hört nicht auf"

von Heide Soltau
Jürgen Flimm © Staatsoper im Schiller Theater Foto: Bernd Thissen
Jürgen Flimm wuchs in Köln auf. Von 1985 bis 2000 war er Intendant des Hamburger Thalia Theaters.

Jürgen Flimm ist ein hinreißender Geschichtenerzähler, im großen wie im kleinen Kreis. Ein Charmeur, der selbst Interviews gelegentlich zum Plaudern nutzt.

"Ich wollte zum Theater und ich wusste nicht, wie man das macht", erzählte er vor ein paar Jahren. "Ich wollte auch immer Regisseur werden, das war mir völlig klar. Und dann habe ich einen Schauspieler gefragt, was ich denn tun solle: Ob ich nach Stuttgart auf die Schauspielschule gehen sollte, wo ich schon einen Platz hatte, oder in Köln studieren. Da hat der gesagt: 'Jürgen, studier! Es gibt so viele Doofe am Theater.'"

Die Münchner Kammerspiele - ein Kulturschock

Über einen Ferienjob als Aufnahmeleiter beim WDR lernte Flimm den Regisseur Hans Schweikart kennen. Dieser verschaffte ihm einen Gastvertrag als Regieassistent an den Münchner Kammerspielen. "Da war ich zum ersten Mal in der großen Theaterwelt, mit sagenhaften Schauspielern", erinnert sich Flimm. "Ich habe einen Kulturschock gekriegt bei der Geschichte."

Besonders aufgefallen ist er dort nicht - und ohne Schweikarts Fürsprache hätte er wohl gehen müssen. So aber durfte er bleiben und assistieren. Nur selbstständig inszenieren ließ man ihn nicht, was dem jungen Flimm arg zusetzte. Zudem brauchte er Geld: Er hatte eine Frau mit fünf Kindern geheiratet.

Flimm: "Das Thalia galt bei uns gar nichts"

Aussenansicht vom Thalia Theater in Hamburg © imago/imagebroker
Das Thalia Theater war Jürgen Flimm eigentlich zu reaktionär. Der damalige Intendant Boy Gobert holte ihn denn och nach Hamburg.

Wieder war es ein älterer Kollege, der ihm half: Boy Gobert, damals Intendant am Hamburger Thalia Theater. Gobert machte ihm ein Angebot als Regisseur. "Ich habe mir davon natürlich überhaupt nichts versprochen, weil ich es ganz furchtbar fand, dieses Thalia Theater. Das war total reaktionär, das galt bei uns gar nichts", sagte Flimm rückblickend. Doch: "Dann hat Gobert sich mit mir getroffen und wir haben furchtbar viel Rotwein getrunken. Es war ein wahnwitzig lustiger Abend."

Das war der Durchbruch. 1971 begann die steile Karriere des Theaterregisseurs Jürgen Flimm: Er wurde Oberspielleiter am Thalia Theater, 1979 Intendant am Schauspielhaus der Stadt Köln und 1985 zurück nach Hamburg, als Intendant des Thalia Theaters. Da hatte er längst auch seine erste Oper inszeniert, ein Werk von Luigi Nono: "Das habe ich 1978 in Frankfurt gemacht und kam dazu wie die Jungfrau ans Kind. Der Operndirektor hatte 'Dantons Tod' von mir im Fernsehen gesehen und daraufhin hat er mich engagiert."

Beliebt bei Künstlern, Sponsoren und dem Publikum

Flimms Karriere fußt auf einer Mischung aus Talent und Glück und einem umtriebigen kommunikativen Wesen. Flimm kann mit Künstlern ebenso gut wie mit Politikern, Sponsoren und dem Publikum. Für Beständigkeit in seinem Leben sorgt seit 1990 seine zweite Ehefrau.

Ein Szenenbild aus Jürgen Flimms "Rheingold"-Inszenierung bei den Bayreuther Festspielen. © dpa - Fotoreport Foto: DB Jochen Quast
Auch bei den Bayreuther Festspielen führte Jürgen Flimm Regie. Von 2000 bis 2004 inszenierte er dort den "Ring des Nibelungen".

Nicht zuletzt waren es seine Regiearbeiten in den 80er- und 90er-Jahren, die ihn in die Spitzenklasse deutscher Theaterleiter beförderten. Jürgen Flimm gehörte nicht zu den Revoluzzern des Regietheaters, war nie ein Stückezertrümmerer sondern vertritt bis heute moderate Positionen. "Ich war immer an er Innensicht der Texte interessiert". sagt er:" Was kann man aus den Texten herausholen, wie kann man die Zuschauer mitnehmen auf so einer Reise? Es war immer ein Theater, das sich beschäftigt hat mit der mangelnden Barmherzigkeit."

Bis 2018 Intendant in Berlin

Ihn interessieren die Geschichte und die Psychologie der Figuren. Das gilt auch für seine Operninszenierungen. Nach Stationen als Chef der Ruhrtriennale und als Intendant der Salzburger Festspiele leitete Flimm von 2010 bis 2018 in Berlin die Staatsoper Unter den Linden.

Und was ist sein Lebensmotto? "Neugier! Und dass die Neugier nicht aufhört, das ist wahnsinnig schön."

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Klassisch in den Tag | 17.07.2021 | 07:20 Uhr