Stand: 21.01.2020 15:13 Uhr  - Kulturjournal

Rechtsextreme provozieren in KZ-Gedenkstätten

von Tom Fugmann

Es sind bewusste Provokationen von rechter Seite: Besucher von KZ-Gedenkstätten antisemitische T-Shirts, zweifeln NS-Verbrechen an oder posten Selfies mit rechtsradikalen Symbolen. In Bergen-Belsen und Moringen in Niedersachsen ist es in den vergangenen Monaten zu solchen Zwischenfällen gekommen. Bundesweit melden Gedenkstätten ähnliche Vorfälle - bis hin zu Hakenkreuz-Schmierereien. Es ist eine erschreckende Entwicklung: 75 Jahre nach Kriegsende hat nicht nur der Antisemitismus in Deutschland zugenommen, sondern Rechte verhöhnen auf diese Weise die Opfer des Holocausts.

Wie Rechte sich in KZ-Gedenkstätten verhalten

Kulturjournal -

Besucher von KZ-Gedenkstätten zweifeln NS-Verbrechen an oder posten Selfies mit rechtsradikalen Symbolen. 75 Jahre nach Kriegsende verhöhnen Rechte Opfer des Holocausts.

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In Moringen wurde eines der ersten Konzentrationslager im Dritten Reich errichtet. Vor Kurzem besuchten Neonazis die Gedenkstätte. Auf einem Foto, das sie auf Facebook posteten, posieren sie in T-Shirts, auf denen "Zensiert" steht und "Fuck you Israel". Es zeigt, dass sie offensichtlich provozieren wollen. Schon vorher waren sie bei einer Führung aufgefallen. "Es wurden Dokumente als gefälscht dargestellt", erzählt Dietmar Sedlaczek, Leiter der Gedenkstätte Moringen. "Dass man Zeitzeugen nicht glauben könne. Es gipfelte gewissermaßen darin, dass einer der Beteiligten auf eigene Hafterfahrungen zu sprechen gekommen ist. Und sagte, dass eine Haft im KZ auch nicht schlimmer gewesen sei als die eigene Haft. Und das ist natürlich ein Tabubruch."

KZ-Besucher leugnet Existenz von Gaskammern

Nicht nur in Moringen, auch andernorts provozieren rechtsextreme Geschichtsrevisionisten und Holocaustleugner immer wieder in Gedenkstätten, die an die Nazidiktatur erinnern. 2014 wurden Zäune und Eingangstore der KZ-Gedenkstätte Langenstein in Sachsen-Anhalt niedergewalzt. 2017 beschmierten Neonazis in Bremen einen Gedenkort, der an die Zwangsarbeiter erinnert, die hier starben - mit der Aufschrift "Stoppt den Schuldkult". 2018 provozierte eine Besuchergruppe aus dem AfD-Umfeld in der Gedenkstätte Sachsenhausen. Ein Teilnehmer leugnete die Existenz von Gaskammern. Dies sind drei Beispiele von vielen.

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05:19
Hallo Niedersachsen

Umgang mit provokanten Fragen in Gedenkstätte

Hallo Niedersachsen

In der Gedenkstätte Bergen-Belsen zweifeln manche Besucher die NS-Verbrechen an. Jens-Christian Wagner, Geschäftsführer der Stiftung niedersächsische Gedenkstätten, im Studiogespräch. Video (05:19 min)

Wagner: AfD macht Geschichtsrevisionismus gesellschaftsfähig

"Ich glaube, das ist eindeutig feststellbar, dass diese Verschiebung des Sagbaren nach rechts eine Folge andauernder geschichtsrevisionistischer Provokationen aus den Reihen der AfD ist", sagt Jens-Christian Wagner, Leiter der Gedenkstätte Bergen-Belsen. "Wenn ein Bundestagsabgeordneter vom Vogelschiss redet, der die 12-jährige NS-Diktatur gewesen sei, dann wird sich mancher Zeitgenosse denken, na, dann kann ich das auch sagen. Und jede dieser Provokationen führt dazu, dass die Grenzen des Sagbaren immer weiter nach rechts verschoben werden. Im Grunde macht diese Partei Geschichtsrevisionismus gesellschaftsfähig."

Die Gedenkstätte Bergen-Belsen erinnert an das nationalsozialistische Konzentrationslager, in dem 52.000 Häftlinge starben - Männer, Frauen, Kinder. Inzwischen gibt es Besucher, die diese Verbrechen anzweifeln. "Zum Beispiel wird Bergen-Belsen mit den Rheinwiesenlagern verglichen", so Wagner. "Das sind Lager, die die Amerikaner im Frühjahr 1945 eingerichtet haben, in denen einige Tausend deutsche Soldaten zu Tode gekommen sind. Und dann wird das gleichgesetzt. Völlig ungeachtet der Tatsache, dass das eine Ursache, nämlich Bergen-Belsen, und das andere Wirkung ist. Und dass die Todesraten völlig unterschiedlich waren. In Bergen-Belsen sind 50 Mal so viele Menschen umgekommen wie in den Rheinwiesenlagern."

Gedenkstätten erinnern, wie Diktaturen funktionieren

Die Bedeutung von Gedenkstätten wächst. Denn die letzten Zeitzeugen, die noch vom Grauen des Holocaust berichten können, werden nach und nach sterben. Deshalb müssen Orte wie Bergen-Belsen oder Moringen daran erinnern, wie Diktaturen funktionieren und wo es enden kann, wenn Menschen stigmatisiert, ausgegrenzt und schließlich umgebracht werden. Und deshalb sind diese Orte im Visier der Rechten.

"Deutschland ist immer noch eines der stärksten weltoffenen und liberalen demokratischen Länder Europas und weltweit", so Wagner. "Und wer daran etwas ändern möchte - und das wollen die Rechtspopulisten, sie wollen geschlossene Grenzen, sie wollen den autoritären, illiberalen Staat, so wie Viktor Orban das sagt -, der muss die Axt anlegen an unsere Erinnerungskultur. Weil nämlich die Offenheit, die demokratische Verfasstheit unseres Staates, auch eine Folge einer sehr intensiven Auseinandersetzung mit den NS-Verbrechen ist."

In der Gedenkstätte Moringen will man deshalb nicht nur an den Holocaust erinnern, sondern aktive politische Bildung betreiben: Nationalsozialistische Begriffe, die schleichend Eingang in den Sprachgebrauch gefunden haben, werden an die Wand projiziert. Sie sollen warnen: Erst verändert sich die Sprache. Dann folgen die Taten.

Weitere Informationen

Holocaust: Die Gedächtniskultur in Norddeutschland

Am 27. Januar 1945 befreite die Sowjet-Armee die Häftlinge aus dem KZ Auschwitz. Auch im Norden gab es etliche Konzentrationslager. Wie wird dort an den Holocaust erinnert? mehr

Dieses Thema im Programm:

Kulturjournal | 20.01.2020 | 22:45 Uhr

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