Stand: 06.08.2019 13:22 Uhr  - NDR Kultur

Ramona Stelzer will Fischleder groß rausbringen

von Anina Pommerenke

Diesen Sommer nehmen wir Sie bei NDR Kultur mit auf eine Tour durch die Ateliers von Kunstschaffenden in ganz Norddeutschland. Wir schauen ganz unterschiedlichen Künstlerinnen und Künstlern bei ihrer Arbeit über die Schulter und besuchen sie am Ort ihres Schaffens. In Wismar in Mecklenburg-Vorpommern hat Ramona Stelzer im Mai ein neues Atelier eröffnet. Sie ist Schmuck-Designerin und hat eine Mission: Sie möchte Fischleder in Deutschland nach vorne bringen.

Um gleich die wichtigste Frage vorweg zu stellen: Fischleder - stinkt das nicht? "Nein, das tut es nicht", sagt Ramona Stelzer lachend und ergänzt: "Die Fischhaut wird gegerbt, dadurch wird sie zum Leder. Daher hat sie auch einen typischen Ledergeruch."

Aus einem Abfallprodukt wird Kunst

Stelzer trägt einen von ihr selbst entworfenen und handgefertigten Ohrring - ein vergoldeter Hänger mit Tilapia-Leder, dem Leder von einem kleinen Speisefisch aus Südafrika. Fischleder ist ein Abfallprodukt aus der Lebensmittelindustrie, das man weiter nutzen kann. Doch Gerber, die Fischhaut zu Leder verarbeiten können, gibt es nur noch wenige. Stelzer hat einen im Bayerischen Wald gefunden.

"Der Ursprung von Fischleder kommt von einem Naturvolk aus Sibirien", erklärt die Künstlerin: "Die haben an einem Fluss gelebt, der Lachse beherbergt hat - das war deren Lebensgrundlage. Dann haben sie die Häute gegerbt und sich ihre Kleidung und Zelte daraus genäht. Der bayerische Gerber ist ein Nachfahre von diesem Naturvolk und hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht, diese Tradition am Leben zu halten."

Fischleder - ein enorm vielfältiges Material

Stelzer ist zum ersten Mal im Design-Studium mit dem Material in Kontakt gekommen. Eine Professorin der Hochschule Wismar hatte es ihr gezeigt. In ihrem hellen und modern eingerichteten Laden in der Einkaufsstraße in der Wismarer Altstadt hängen verschiedene Fischleder zum Anschauen und Anfassen an Holzklammern. Manche sind lackiert, andere sind bunt eingefärbt. So wird auf einen Blick die Vielfalt des Materials deutlich. "Scholle ist zum Beispiel hautzart, wie Papier fast. Stör im Gegensatz dazu ist sehr dick, hart und fest. Ein Barsch ist ganz weich und fühlt sich fast wie Nappaledder an. Und die Oberflächenstrukturen unterscheiden sich eben ganz stark", verdeutlicht Stelzer.

Jede Fischart hat ihr eigenes Muster

Das Rochenleder ist zum Beispiel mit vielen kleinen Punkten übersät. Denn der Rochen hat eigentlich kleine Hornkügelchen auf der Haut, die für die Weiterverarbeitung geschliffen und poliert werden. So hat jedes Fischleder am Ende ein ganz individuelles Muster: "Die Schuppen kommen vor dem Gerben ab. Was übrig bleibt, ist die Schuppentasche - also das, wo die Schuppe mal drin saß. Und diese Schuppentaschen ergeben dann die klassische Zeichnung, die man vom Fisch kennt."

Ramona Stelzers Laden ist auch gleichzeitig ihr Atelier. An ihrem runden Schreibtisch aus Holz können Kunden der Schmuck-Designerin und Goldschmiedin über die Schulter schauen.

Skandinavien ist Vorreiter in Sachen Fischleder

"Vor mir habe ich jetzt ein Barschleder, was geglättet worden ist, in Anthrazitfarben. Und das ist ein Aushauerwerkzeug, damit kann man sich dann eben eine runde Scheibe aus dem Leder aushauen."

Diese runden Scheiben sind ein zentrales Element in ihrer Schmuckkollektion. Stelzer verarbeitet sie unter anderem zu Ohrringen oder Ringen weiter. Doch Fischleder ist so reißfest, dass sogar Taschen und Schuhe daraus gefertigt werden können. Auch solchen Produkten von anderen Designern gibt die Künstlerin in ihrem Laden Raum. Denn schließlich will sie Fischleder als Material bekannter machen. Dass es derzeit noch ein Schattendasein fristet, kann sie sich kaum erklären.

"Ich glaube, ein Grund könnte vielleicht sein, dass wir keine große Seefahrernation waren oder sind. In den skandinavischen Ländern ist das ein total normales und natürliches Material." Und vielleicht erobert es ja dank Ramona Stelzer bald auch Norddeutschland.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Matinee | 07.08.2019 | 07:20 Uhr

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