Stand: 13.07.2017 18:02 Uhr

documenta 14: "Teilweise zu schematisch"

Bei ihrer 14. Ausgabe hat die große Ausstellung für zeitgenössische Kunst, die documenta, Neues gewagt: Zum ersten Mal wurde sie nicht an ihrem Gründungs- und Stammort in Kassel eröffnet, sondern an einem zweiten Standort, in Athen. Nun geht die documenta dort zu Ende, während es in Kassel mit der Kunst noch weiter geht bis Mitte September. Wie war Athen? Ist das Konzept von Adam Szymczyk, dem künstlerischen Leiter, aufgegangen? Fragen an Ralf Schlüter, stellvertretender Chefredakteur des Kunstmagazins "art".

NDR Kultur: Herr Schlüter, Sie waren in Athen, haben darüber in der Juni-Ausgabe Ihres Magazins auch geschrieben. Wie hat die documenta in Athen gewirkt? Hat man die Kunst als Unterschied zum sonstigen Alltag in der Stadt wahrgenommen?

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Ralf Schlüter ist stellvertretender Chefredakteur des Kunstmagazins "art".

Ralf Schlüter: Als sie eröffnet wurde, war es in vieler Hinsicht eine konventionelle Kunstausstellung. Sie fand statt in Museen und hauptsächlich an Kunstorten, teilweise aber auch in der Stadt - aber nicht übermäßig. Es war nicht so, dass man das Gefühl hatte, die documenta ist so richtig in die Stadt gekommen und wendet sich an die Bevölkerung.

"Von Athen lernen" - das Motto von Adam Szymczyk, oft zitiert, vehement verteidigt. Lassen Sie uns diesen Satz deuten - hat das funktioniert?

Schlüter: Der Satz bezieht sich ja auf das architekturhistorische Buch "Lernen von Las Vegas" von Robert Venturi, und da geht es darum, dass man sich die Architektur einer Stadt anguckt, um daraus etwas über den Kulturzustand zu lernen. Ich glaube, darauf bezieht sich Szymczyk hier. Wenn man das so betrachtet, hat man in Athen sicherlich etwas über europäische Geschichte, über Unterdrückung, über Kolonialismus, über Abhängigkeit und über Transfer von Kultur lernen können. So, wie man den Spruch normalerweise aufnimmt, wenn man das hört - wir gehen jetzt mal alle nach Athen, dort kann uns Athen etwas beibringen und wir kommen belehrt zurück -, so direkt hat das nicht funktioniert.

Über 160 Künstler waren in Athen, haben die Stadt bespielt mit vielen politischen Deutungsmustern: immer wieder der Hinweis auf Machtstrukturen; die Finanzkrise; die Flüchtlingssituation; also Hierarchien, Ökonomien. Waren diese Themen immer klar und deutlich? Oder hatten Sie hier und da auch Schwierigkeiten, die Werke zu entziffern?

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Schlüter: Ich glaube, dass die Themen sehr deutlich sind. Es geht bei dieser documenta um Leid und Unterdrückung und darum, dass große Länder, hegemoniale Mächte kleine Länder, kleine Gruppen unterdrücken und ausbeuten. An der einen oder anderen Stelle ist es vielleicht ein bisschen undeutlich, was es genau damit zu tun haben soll, aber im Prinzip kann man es entziffern.

Ich würde sogar noch einen Schritt weiter gehen und sagen: Man kann es zu gut entziffern, es ist viel zu deutlich. Es ist immer sehr eindeutig, wer hier der Schuldige ist. Es ist ein geschichtsphilosophisches Schema, das der Sache zugrundeliegt, dass am Ende immer die kleinen Gruppen und die Machtlosen die Opfer sind, es kaum Wechselwirkungen gibt und man machtlos der Kulturhegemonie gegenübersteht. Mir war das teilweise zu schematisch.

Wenn ich Sie richtig verstehe, hat die documenta - was sie ja eigentlich gar nicht wollte - doch den Zeigefinger erhoben, wirkt hier und da doch belehrend. An welchen Stellen haben Sie das so empfunden?

Schlüter: Es gab ganz viele Stellen, wo man das gemerkt hat. Ich kann ein besonders plattes Beispiel nennen: Es gab eine Performance in Kassel, wo es darum ging, dass man in eine Tanzsituation einbezogen wurde. Da war ein Schild, auf dem stand: "Man wird hier zum Instrument als Betrachter, und das zeigt, wie wir alle instrumentalisiert werden im Neoliberalismus." So etwas gab es an mehreren Stellen, dass man das Gefühl hatte, man wird zu Kunstwerken geführt, und die sollen einem eine einfache Botschaft mitgeben. Das steht doch im großen Gegensatz zu der ursprünglichen Idee, die Szymczyk formuliert hatte, dass es Möglichkeitsräume geben soll, die dort eröffnet werden. Das steht dazu im Gegensatz, und das habe ich an ganz vielen Stellen auch so erlebt.

Seit über einem Monat ist die documenta ja auch in Kassel zu sehen: mit Werken der Künstler, die in Athen ausgestellt haben. Wie haben sich die beiden Ausstellungsorte verzahnt oder ergänzt?

Ralf Schlüter © NDR

documenta 14: "Teilweise zu schematisch"

NDR Kultur -

Während die documenta in Kassel noch bis Mitte September andauert, geht sie am zweiten Standort, in Athen, nun zu Ende. Der Kunstexperte Ralf Schlüter zieht eine Bilanz.

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Schlüter: Die haben sich durchaus ganz gut ergänzt. Diese Kritik würde ich nicht üben, dass da keine Verzahnung stattgefunden hätte. Es gab mehrere Ebenen, auf denen das passiert ist. Es gab zum Beispiel den Parthenon der Bücher in Kassel von der argentinischen Künstlerin Marta Minujín, das sich auf die Akropolis in Athen bezieht. Solche architektonisch-kulturell-historischen Verbindungen gab es ganz viele, die Künstler haben das auch aufgesucht und etwas damit gemacht. Und dann gab es Künstler, die einfach an beiden Orten etwas gemacht haben, was sich miteinander in Beziehung setzt. Es gab schon Arbeiten, wo das sehr gut funktioniert hat und wo diese Verzahnung stattgefunden hat.

Athen – Kassel, das war die Idee von Adam Szymczyk. Ist das eine Zäsur in der documenta-Geschichte? Wenn Sie das rückblickend sehen und auch in die Zukunft gucken: Kann man überhaupt noch eine documenta-Ausgabe machen, ohne einen zweiten Standort mit zu bedenken?

Schlüter: Ob das eine Zäsur gewesen sein wird, kann man erst bei der nächsten oder sogar bei der übernächsten documenta entscheiden. Ich kann aber mal spekulieren: Es könnte sein, dass das sogar das Gegenteil einer Zäsur ist, dass man eher wieder zurückgeht, dass man sagt: Diese Aufsplittung in zwei Städte - das haben wir jetzt relativ weit getrieben. Es gab ja schon Vorläufer: Vorherige documenta-Macher hatten ja andere Spielorte mit einbezogen, teilweise sogar ganz entlegen, in Kabul in Afghanistan. Man könnte sagen: Damit ist es jetzt mal gut, wir gehen zurück nach Kassel und versuchen dort wieder ein relevantes Statement zu machen. Ich könnte mir vorstellen, dass das der nächste Schritt ist - aber wer weiß.

Das Interview führte Claudia Christophersen.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 13.07.2017 | 19:00 Uhr

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