Franzi (Lena Klenke) und Hanna (Banafshe Hourmazdi) sitzen bei Dreharbeiten der vom ZDF produzierten Serie "Loving Her" auf einem Bett. © picture alliance/dpa/ZDF | Marcus Glahn Foto: Marcus Glahn

Queere Serien im Mainstream angekommen

Stand: 03.07.2021 13:37 Uhr

Die ARD-Serie "All you need" über homosexuelle junge Männer in Berlin erreicht in der Mediathek fast drei Millionen Abrufe. Und das ZDF zeigt mit "Loving Her" in seiner Mediathek die Geschichte der lesbischen Hannah.

Franzi (Lena Klenke) und Hanna (Banafshe Hourmazdi) sitzen bei Dreharbeiten der vom ZDF produzierten Serie "Loving Her" auf einem Bett. © picture alliance/dpa/ZDF | Marcus Glahn Foto: Marcus Glahn
Beitrag anhören 4 Min

von Bettina Peulecke

Hannas Geschichte war lange im deutschen Fernsehen kaum sichtbar. Dafür sind nicht die flexiblen Beziehungsstrukturen oder die Frage, warum Hanna sich verliebt, sie glücklich oder verzweifelt ist, verantwortlich, sondern hauptsächlich die Tatsache, dass eine Frau Frauen liebt. Völlig entgeistert ist der Kumpel ihrer neuen Freundin, als sie gesteht, noch nie mit einem Mann Sex gehabt zu haben:

"Hast Du nicht Angst, dass Du etwas verpasst?"
"Hast Du nicht Angst, dass DU etwas verpasst?!"
"Nein"
"Siehst Du!"
"Ist dann kein Problem für Dich, dass Lara bi ist?"
"Warum sollte das ein Problem sein?" Filmszene aus "Loving her"

Ästhetik der Streaming-Dienste als Maßstab

Und warum ist es überhaupt ein Problem, Liebesbeziehungen jenseits von Heterosexuellen Normen zu zeigen? Schließlich sind sie Teil unserer Gesellschaft. Authentisch und lebensnah will man nun vermehrt im öffentlich-rechtlichen Fernsehen auf verschiedene Beziehungsmodelle und -dynamiken blicken. Christoph Pellander ist der verantwortliche Redaktionsleiter für die ARD-Erfolgsserie "All you need" über vier schwule Männer in Berlin. Er sagt, man sei ganz bewusst neue Wege gegangen.

"Und auch das Thema Sex gehört natürlich dazu. Wir sagen immer: 'Same Sex and the City' - und auch da sollte es authentisch sein. Denn früher hätten wir als Macher sicherlich darüber nachgedacht, an der einen oder anderen Stelle wegzuschneiden oder wegzublenden", so Pellander. "Heute bei 'All you need' bleibt die Kamera drauf und wir trauen uns deutlich mehr. Gerade das jüngere Publikum hätte uns sicher vorgeworfen, zu prüde oder zu verstaubt an die Serie heranzugehen. Und visuell, handwerklich haben wir aber - in meinen Augen - eine Ästhetik erreicht, die die jungen Zuschauer von Streaming-Diensten kennen und auch gewohnt sind. Und da müssen wir auch mit anderen Projekten in der ARD-Mediathek hin."

Meilenstein für "LGBTQI+"-Community?

Robbie (Frederic Brossier, r) und Vince (Benito Bause) in einer Szene der Folge "Der Umzug" der fünfteiligen schwulen ARD-Miniserie "All You Need". © picture alliance/dpa/ARD Degeto | Andrea Hansen Foto: Andrea Hansen
Filmszene aus "All You Need".

"All you need" hat zweifelsohne für viel Aufmerksamkeit gesorgt - nicht nur bei den jüngeren Zuschauern. "In meinen Augen ist dies ein Meilenstein in der Repräsentanz von 'LGBTQI+'-Menschen in den Medien", sagt Pellander und ergänzt: "Die Serie ist 'Talk of the town' in der Community."

Als sich im Februar mit der Initiative #actout im SZ-Magazin 185 Schauspielerinnen und Schauspieler öffentlich als nicht heterosexuell outeten, waren die Reaktionen auch immens. Der Schauspieler Jonathan Berlin war einer von ihnen und sagt: "Ich empfinde es erstmal als etwas sehr Befreiendendes, dass man jetzt in Interviews nicht mehr denkt: Oh, kommt jetzt etwa ein privates Thema? Dass man da jetzt quasi ganz frei sprechen kann."

"Umdenken in Köpfen findet statt"

Klara Deutschmann © picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild | Jens Kalaene Foto: Jens Kalaene
Klara Deutschmann ist seit Dezember 2018 Vorstandsmitglied im Bundesverband Schauspiel.

Auch gab es plötzlich Gespräche zu dem Thema, in den Redaktionen und in den Sendern kam es zu einer Kommunikation, die es vorher so nicht gegeben hat, erinnert sich Berlin. Und noch etwas Anderes, Beachtliches ist passiert, erzählt Klara Deutschmann. Sie ist Schauspielerin, und Vorstandsmitglied beim Bundesverband Schauspiel, wo sie unter anderem auch für den Bereich Diversität und Gleichstellung zuständig ist. Und nach #actout passierte es, "dass ich mich mit Kolleginnen unterhalten habe, die - weil sie mit der ganzen Thematik gar nicht so in Berührung kamen - richtig vor den Kopf gestoßen waren, wie es überhaupt sein kann, dass homosexuelle Schauspielerinnen und Schauspieler Schwierigkeiten mit einem Outing haben, weil dies zum Beispiel irgendeinen Einfluss auf die Besetzung haben könnte", sagt Deutschmann. "Und dadurch, dass es jetzt eben diesen Austausch darüber gibt, findet auch in den Köpfen ein Umdenken darüber statt, was super wichtig ist."

Queere Serien zielen sicherlich auch auf ein neues, jüngeres Publikum. Auf jeden Fall sind sie aber eine Bereicherung der Fernsehlandschaft und leisten einen Beitrag dazu, dass ein Teil unserer Gesellschaft zunehmend abgebildet wird, ohne sich erklären zu müssen.

Weitere Informationen
Anhänger der Keshet Deutschland bei der Christopher Street Day Parade in Berlin © picture alliance/dpa/Revierfoto

Verein "Keshet" will queeren Juden eine Plattform bieten

Der Verein kämpft für die Sichtbarkeit von queer-jüdischen Menschen. Ein Gespräch mit dem Gründungsmitglied Monty Ott. mehr

Ein Stadion in Regenbogenfarben © Sven Simon Pool via sampics Frank Hörmann Foto: Sven Simon

Kommentar: Unpolitische UEFA?

Heute hat die UEFA als Ausrichterin der Europameisterschaft die Regenbogenbeleuchtung verboten. Alexander Solloch kommentiert. mehr

Eva Meckbach © picture alliance/dpa Foto: Horst Galuschka

"Ich habe gemerkt, dass die Menschen mich anders sehen"

Eva Meckbach ist eine von 185 Schauspielerinnen und Schauspielern, die sich im "SZ-Magazin" geoutet haben. Ein Gespräch. mehr

 

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch unterwegs | 02.07.2021 | 15:40 Uhr

NDR Logo
Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: https://www.ndr.de/kultur/Queere-Serien-im-Mainstream-angekommen,queer110.html