Die Direktorin des Hamburger Völkerkundemueseums, Barbara Plankensteiner. © Museum für Völkerkunde Hamburg Foto: Paul Schimweg

Provenienzforschung: "Es gibt einen Wandel in der Haltung"

Stand: 19.04.2021 19:30 Uhr

Am Montag ist in der Hamburger Kunsthalle die Jahrestagung des Arbeitskreises Provenienzforschung eröffnet worden. Den Auftakt bildete die Podiumsdiskussion "Spurensuche und Aufarbeitung", an der Barbara Plankensteiner, Direktorin des MARKK in Hamburg, teilnahm.

Die Direktorin des Hamburger Völkerkundemueseums, Barbara Plankensteiner. © Museum für Völkerkunde Hamburg Foto: Paul Schimweg
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Frau Plankensteiner, der Arbeitskreis Provenienzforschung wird in diesem Jahr 20. Was hat sich in den letzten Jahren in der Debatte verändert?

Barbara Plankensteiner: Seit einem Jahr gibt es Förderungen für Provenienzforschung im kolonialem Kontext. Das ist schon ein entscheidender und wichtiger Schritt für unsere Museen.

Warum hat es so lange gedauert, bis diese Aufarbeitung losgegangen ist? Denn das Ganze befindet sich schon seit Jahrzehnten in den deutschen Sammlungen und könnte eigentlich schon längst aufgearbeitet werden.

Plankensteiner: Ich glaube, dass es ein mangelndes Verständnis über die Notwendigkeit dieser Aufarbeitung gab, die jetzt gegeben ist. Das Gespräch findet seit 2015 in Deutschland statt. Es gab dann mehrere Initiativen zu diesem Thema, auch von den Museen selbst, und es wurde diese eigene Abteilung im Deutschen Zentrum für Kulturgutverluste gegründet.

Wie weit ist man jetzt? Gibt man tatsächlich zurück? Oder ist man nach wie vor in einem Evaluierungsstatus?

Plankensteiner: Zurückgegeben wird, wenn man in konkreten Gesprächen mit Gemeinschaften oder Herkunftsstaaten ist. Die Provenienzforschung dient dazu, festzustellen, wo es einen unrechtmäßigen Erwerb gibt. Wie die einzelnen Häuser das gestalten, kann ich nichts sagen. Aber wenn wir Klarheit zu einem Thema haben, dann würden wir proaktiv versuchen, einen Kontakt mit der dazugehörigenn Gemeinschaft oder dem jeweiligen Herkunftsstaat herzustellen und der Sache nachzugehen.

Wie gehen Sie im MARKK vor? Wie evaluieren Sie Ihre Bestände und wie nehmen Sie mit ursprünglichen Besitzern Kontakt auf?

Plankensteiner: Wir sind gerade bei unserem ersten Projekt, wo wir uns mit westafrikanischen Sammlungen beschäftigen, die im Kontext der Hamburger Handelsbeziehungen in unser Haus gelangt sind. Wir gehen Personen nach, von denen wir manchmal nur einen Namen haben, und versuchen herauszufinden, wo sie sich befunden und was sie dort gemacht haben. Wir bewerten die Sammlungsgegenstände im Austausch mit Kollegen in den Herkunftsländern, ob es sich um relevante Objekte handelt, die man nicht so einfach hätte erwerben können, weil es in unserer Dokumentation hierzu kaum Informationen gibt.

Könnte bei dieser Aufarbeitung möglicherweise Frankreich eine Vorbildfunktion haben, wo Präsident Macron alle Museen verpflichtet hat, die Provinienz ihrer Sammlung aufzuarbeiten?

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Plankensteiner: Ich glaube, zum Thema Provenienzforschung hat Deutschland vorher gehandelt. Die französischen Kollegen sind mit uns ins Gespräch getreten, wie wir das angehen. Sie haben im Nachgang zu der Veröffentlichung von Felwine Sarr und Benedicte Savoy auch begonnenen, Provenienzforschung zu betreiben. Der große Unterschied zu den deutschen Museen ist, dass zumindest das Quai Branly, die größte Nationalsammlung in Frankreich, seine Datenbank mit Informationen zur Herkunft der Sammlung online gestellt hat.

Das ist aber noch keine Provenienzforschung. Das ist nur eine Angabe, wer die Objekte eingebracht hat. Diese Informationen haben wir in vielen Fällen auch. Da kommt es darauf an, was diese Person dort gemacht hat: War sie Teil der Kolonialverwaltung oder einer Kolonialtruppe? Ist das Objekt als Kriegsbeute mitgekommen? Diese Arbeit beginnen die französischen Kollegen erst jetzt, genauso, wie wir in Deutschland.

Wie groß schätzen Sie die Bereitschaft der Museumsmacherinnen und -macher ein? Ein bisschen verwundert hat zuletzt zum Beispiel Herr Parzinger von der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, der eingeräumt hat, dass es im Zusammenhang mit den Benin-Bronzen wahrscheinlich in der Vergangenheit Fehler gegeben hätte. Eine Rückgabe hat er aber nicht angekündigt. Fehlt es da möglicherweise an einem Antrieb?

Plankensteiner: Ich glaube, dass sich die Museen zu spät mit dieser Fragestellung beschäftigen. Früher hat man es vielleicht in Ausstellungen erwähnt, aber dann keine weiteren Schritte gesetzt. Es gibt etzt einen grundsätzlichen Wandel in der Haltung, dass das nicht genügt. Man muss mit den Vertreterinnen dieser Gemeinschaften in Kontakt treten, um festzustellen, ob es ein Bedürfnis gibt, die Dinge zurückzubekommen. Das ist entscheidend.

Das Gespräch führte Jürgen Deppe

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Das MARKK fördert die Wertschätzung für Kulturen und Künste der Welt. Im Zentrum des Programms stehen seine globalen Kunst- und Kulturbestände. extern

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 19.04.2021 | 18:00 Uhr