Stand: 08.04.2020 11:06 Uhr  - NDR Kultur

Annette Baumann: Raubkunst auf der Spur

Wem gehört dieses Bild wirklich, das da im Museum hängt? Nicht immer ist die Antwort klar. Jedes Kunstwerk will hinterfragt werden: Wer hat es ursprünglich besessen? Wie ist es in den Besitz einer Galerie, eines Museums, eines Sammlers gekommen? Am Internationalen Tag der Provenienzforschung wollen wir auf Spurensuche gehen - und zwar mit der Miss Marple der Provenienzforschung, der Kunsthistorikerin Annette Baumann.

Frau Baumann, weltweit steht gerade vieles still, auch die Museen haben geschlossen. Da könnte man doch diesen 2. Internationalen Tag der Provenienzforschung auch gleich um ein Jahr verschieben, oder?

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Annette Baumann hat 2019 im Sprengel Museum Hannover die Schau "Verfemt - gehandelt. Die Sammlung Doebbeke im Zwielicht: von Corinth bis Kirchner" kuratiert.

Annette Baumann: Wir haben das Anliegen, die Arbeit der Öffentlichkeit gegenüber sichtbar zu machen und gemäß der Washingtoner Prinzipien transparent zu arbeiten. Wir wollen über einzelne punktuelle Berichte hinaus auf die Kontinuität der Arbeit aufmerksam machen. Das ist uns ganz wichtig, weil wir als Netzwerk angewachsen sind und diesen Zusammenschluss gern nach außen zeigen möchten.

Hat sich denn der Blick auf Kunst, bei der man nicht genau weiß, wo sie herkommt, in den letzten Jahren verändert?

Baumann: Ich glaube, alle haben feststellen können, dass die Arbeit der Provinienzforschung nicht eine rein sachbezogene Arbeit ist, sondern immense kulturelle, kulturgeschichtliche Kontexte aufzeigt. Wir lernen sehr viel über Sammler, über ursprüngliche Eigentümer, über die eigene Sammlungsgeschichte in einer Stadt, in einem eigenen Museum. Natürlich sind heute nicht mehr alle Museen historisch gewachsen. Es gibt Neugründungen in der Zeit nach 1945. Aber es ist ganz wichtig, die Ankaufsgeschichten eines Hauses zu hinterfragen und zu verstehen.

Wie hat sich die Forschung in den letzten Jahren verändert oder vielleicht auch verbessert?

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Baumann: Der Informationsfluss ist in den vergangenen Jahren angewachsen und hat sich verbessert. Eine wichtige und zentrale Rolle spielt auch das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste, das sich 2015 neu aufgestellt hat, nachdem es zu dem Kunstfund Gurlitt kam. Es gab mehr Fördergelder für einzelne Projekte. Es gibt daneben die stetigen Stellen, finanziert durch kommunale Träger und Träger auf Landesebene. Wir versuchen, einen vernetzten Forschungsaustausch herzustellen.

Was finden Sie in den Depots der Stadt oder zum Beispiel des Sprengel Museums, wo sie vorwiegend arbeiten?

Baumann: Wir prüfen die Zeit der Erwerbungen, die vor 1945 getätigt wurden. Natürlich gibt es sehr viele Erwerbungen, wie auch die Sammlung von Conrad Doebbeke, die nach 1945 erfolgt sind. Auch die Stadt hat nach 1945 weiter erworben. Solche Provenienzen werden geprüft, weil manchmal Galerien verzeichnet sind, aber der Ursprungseigentümer unbekannt ist. Oder in Bestandsverzeichnissen ist ein Name eines Eigentümers geführt, aber er ist in seiner Position und in seinem Schicksal nie hinterfragt worden. Man wusste in den vergangenen Jahren nicht, wer diese Person ist, welches Schicksal mit diesem Namen verbunden ist. War er jüdisch? War er ein verfolgter Bürger? Ist er enteignet worden? Das sind die zentralen Fragen, und das muss man der Reihe nach klären.

Was sind die größten Herausforderungen, denen Sie bei Ihrer Arbeit begegnen?

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Baumann: Zu den größten Herausforderungen zählt, wenn keine ursprünglichen Aufzeichnungen vorliegen, keine Ursprungsquelle, kein Inventar. Das passiert sehr häufig in Privatsammlungen. Deshalb ist der Begriff der Miss Marple eigentlich ganz richtig, denn man muss sich detektivisch überlegen, welche parallelen Überlieferungen hilfreich sein können und wo man solche Überlieferungen finden kann. Deshalb ist es sehr hilfreich, mit Kolleginnen und Kollegen in anderen Museen und Einrichtungen in Kontakt zu stehen, weil sich in den dortigen Archiven vielleicht Angebotslisten zu Gemälden finden. Manchmal waren Sammler bekannt und haben viel korrespondiert, aber vielleicht nicht mit der Stadt Hannover oder den damaligen Museumsdirektoren, sondern mit der Nationalgalerie in Berlin zum Beispiel.

Was, wenn ein Bild doch nicht zurückverfolgt werden kann? Wie soll ein Museum mit so einem Bild umgehen?

Baumann: Mir ist es wichtig, solche Lücken öffentlich zu machen, auch in der Hoffnung, dass sich vielleicht an anderer Stelle Informationen finden. Wir haben die Sammlungen eigentlich schon immer öffentlich gemacht, es gibt sie auch online - es stehen also viele Ressourcen zur Verfügung. Wichtig ist, in einem internationalen Austausch zu stehen.

Wie kann die Provinienzforschung in Zukunft vorangetrieben und verbessert werden?

Baumann: Ich würde mir wünschen, dass wir Provinienzforscherinnen häufiger die Möglichkeit haben, Interventionen oder Ergebnisse in Ausstellungen in den Museen zu zeigen. Wir brauchen noch viel mehr Publikationsmedien und Möglichkeiten, um weiter publizieren zu können. Vonseiten der Archive wäre es sehr wichtig, dass weitere relevante Archivbestände digitalisiert werden können und so der Forschergemeinde leicht zugänglich im Internet zur Verfügung stehen. Das ist an einzelnen Stellen schon gelungen, aber hier sehe ich noch weitere Möglichkeiten.

Das Gespräch führte Andrea Schwyzer

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 08.04.2020 | 19:00 Uhr

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