Luftaufnahme über die Jugendherberge Prora und nicht sanierte Gebäudeteile © picture alliance/dpa | Foto:  Stefan Sauer

Prora auf Rügen: Pläne für neues Dokumentations- und Bildungszentrum

Stand: 16.03.2021 15:07 Uhr

von Axel Seitz

Prora - der Ort an Rügens Ostküste - wird seit mittlerweile 85 Jahren vor allem mit dem "Seebad der 20.000" verbunden. 1936 begannen die Nationalsozialisten damit, hier ein Urlauberdomizil zu errichten, in dem gleichzeitig eben 20.000 Menschen ihre Ferien verbringen sollten. Aus diesem Vorhaben wurde damals nichts. Nach Jahrzehnten ist Prora inzwischen durch Hotels und Ferienwohnungen doch zu einem Urlaubsort geworden, für den mehrere Anbieter werben. Mit Slogans wie: "Exklusive Ferienappartements mit bestem Meerblick warten auf Ihren Besuch" oder "Traumhafter Urlaub an einem der schönsten Ostseestrände auf der Insel Rügen".

Blick auf eine lange Reihe Balkone von Hotels und Wohnungen in der Anlage Prora auf Rügen © picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild Foto: Jens Büttner
Ein Teil der Gebäude wurde bereits zu Ferienwohnungen ausgebaut.

"Es gibt bereits Reaktionen von Besuchern, die sich gar nicht mehr vorstellen können, dass es eigentlich eine NS-Anlage ist, weil die historischen Spuren verschwunden sind", berichtet Katja Lucke. Die Historikerin ist seit 2015 wissenschaftliche Leiterin des bestehenden Dokumentationszentrums Prora. Sie gibt außerdem zu bedenken: "Es gibt auch Reaktionen von Leuten, die sagen: 'Ist doch nicht alles schlecht gewesen, was die Nazis gemacht haben.' Und das sollte sicherlich nicht so sein."

Historischen Kontext von Prora wieder sichtbar machen

Katja Lucke sieht durchaus ein Problem darin, wie sich der Ort in den vergangenen Jahren verändert hat: "Wir haben jetzt die Entwicklung zu einer Art Wellness-Oase. Das Gute daran ist, dass man ein Nutzungskonzept gefunden hat, das am Ende des Tages dafür sorgt, dass das Gebäudeensemble als solches weiter zu sehen bleibt." Doch es gebe auch eine Kehrseite, sagt Lucke: "Es hat sich hier viel verändert und der kritische Umgang steht nicht mehr so richtig vorne. Deswegen ist es sehr wichtig, dass wissenschaftliche Zentren begleiten und erläutern, was der historische Kontext des Gebäudes ist."

13,7 Millionen Euro für Dokumentations- und Bildungszentrum kalkuliert

Jetzt, am 16. März 2021, hat die Landesregierung in Mecklenburg-Vorpommern mit einem Kabinettsbeschluss ein neues Dokumentations- und Bildungszentrum auf den Weg gebracht. Der Landtag muss den Beschluss noch abschließend bestätigen. Worauf man sich verständigt hat, erklärt der Staatssekretär im zuständigen Finanzministerium, Heiko Miraß im NDR-Gespräch: "Wie es der Ort gebietet, gehen Bund und Land gemeinsam in die Verantwortung. Wir werden uns die 13,7 Millionen Euro, mit denen wir im Moment kalkulieren, teilen. Die Bauarbeiten werden Aufgabe des Landes Mecklenburg-Vorpommern sein. Wir werden die Planungsarbeiten übernehmen, die Bauausführung koordinieren und wahrscheinlich in den nächsten fünf Jahren dafür sorgen, dass an diesem Ort etwas denkmalgerechtes passiert und das Dokumentations- und Bildungszentrum dort einziehen kann."

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Eröffnung des neuen Dokumentationszentrums für 2026 geplant

Das Dokumentations- und Bildungszentrum soll möglichst 2026 eröffnet werden. "Es wird in direkter Nachbarschaft zur Jugendherberge entstehen und ermöglicht damit auch eine Reihe von Kooperationen mit dieser Einrichtung", so Miraß. "Wir reden da von einer Fläche von 350 Quadratmetern pro Etage und insgesamt sind es fünf Etagen. Das ist also schon eine ganze Menge Platz für Ausstellung und Bildungsarbeit."

Nutzungsphasen in der NS-Zeit, der DDR und heute dokumentieren

Für den Aufbau des Zentrums soll es eine Gründungsdirektorin oder einen -direktor geben, kündigt Heiko Miraß an. An der inhaltlichen Vorbereitung sind sowohl der Verein Prora-Zentrum als auch das Dokumentationszentrum Prora beteiligt, so Katja Lucke: "Wir haben vor, da drei Zeitabschnitte unterzubringen. Das ist vor allem die NS-Zeit, auf die diese ganze Gebäudeanlage zurückgeht. Natürlich die Zeit der DDR, die hier vor allem einen militärischen Standort draus gemacht hat. Und auch die heutige Zeit, die mit dem Umgang mit so einer schweren historischen Bausubstanz ja selbst schon Geschichte geschrieben hat."

In welcher Form sich das Zentrum künftig präsentiert - ob als Verein oder als Stiftung - es soll auf alle Fälle eine Einrichtung des Landes werden, denn Mecklenburg-Vorpommern wird Mehrheitsgesellschafter des neuen Dokumentations- und Bildungszentrums Prora.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch unterwegs | 16.03.2021 | 15:20 Uhr