Stand: 27.02.2020 17:20 Uhr

Projekt: Hannover als "integrativer Modestandort"

von Alexandra Friedrich

Welche Stadt fällt wohl den meisten Menschen ein, wenn sie nach einer europäischen Modestadt gefragt werden? Paris? Mailand? Berlin vielleicht? Vermutlich nicht Hannover. Dabei macht die Modebranche in der Stadt jährlich rund 860 Millionen Euro Umsatz, beschäftig rund 14.500 Menschen, und mehrere Modeschulen sorgen für Nachwuchs. Ein neues Projekt soll jetzt Hannover als Modestandort sichtbarer machen.

In einem Hinterhof in Hannovers Nordstadt nahe des belebten Engelbosteler Damms befindet sich die Nähwerkstatt von "Unter einem Dach". Die Initiative haben die beiden Kulturschaffenden Iyabo Kaczmarek und Alexandra Faruga 2016 ins Leben gerufen - zunächst als interdisziplinäres Kunst- und Kulturprojekt für Menschen jeder Herkunft. Um herauszufinden, wie sich eine Zusammenarbeit gestalten könnte, kontaktierten sie Unterkünfte für Geflüchtete. Dabei stellten sie schnell fest, dass die Menschen nach ihrer Ankunft erst einmal viel elementarere Anliegen hatten als die Beschäftigung mit Kunst.

Arbeitsvermittlung, Begleitung, Betreuung

"Wie komme ich in den Arbeitsmarkt? Wie kann ich das, was ich mitgebracht habe, meine Fähigkeiten, meine Skills hier weiterentwickeln?" Das waren die Fragen, die Faruga in den Unterkünften gestellt wurden. "Und dann haben wir umgeschwenkt von dem rein kulturellen Gedanken zur Arbeitsvermittlung, Begleitung, Betreuung."

Bald entstand die Idee für die Nähwerkstatt. Einige der Männer und Frauen brachten eine Näh-Expertise aus ihren Herkunftsländern mit - wie Zoubida, die erst vor wenigen Wochen zu "Unter einem Dach" gestoßen ist: "Ich habe in Marokko eine vierjährige Ausbildung gemacht und danach in einer Jeansfirma gearbeitet. Aber in Deutschland habe ich keine Arbeit gefunden."

Weil sie keine Beschäftigung in ihrer Branche fand, jobbte sie jahrelang als Aushilfe in allen möglichen Bereichen - von Küche bis Verpackung. "Und als ich gehört habe, dass die das hier machen, habe ich gefragt, und es hat geklappt. Ich bin zufrieden", erzählt Zoubida.

Thema Nachhaltigkeit wird immer wichtiger

Szenenwechsel: In der Halle 96 auf dem historischen Industriegelände von "Hanomag" im Stadtteil Linden sitzt das Netzwerk "kreHtiv". Es unterstützt junge Kreative aus der Stadt, unter anderem aus dem Bereich Mode. "Hannovers Modeszene ist tatsächlich total vielseitig", sagt Lukas Dotzauer von "kreHtiv". "Wir haben hier vier Modeschulen, die jedes Jahr insgesamt über 50 Absolventinnen hervorbringen. Da ist eine wahnsinnige Masse an Know-How, an Talent da, die aber immer ein bisschen unter dem Radar fliegt."

Lukas Dotzauer im Porträt  Foto: Alexandra Friedrich
Lukas Dotzauer ist beim Netzwerk "kreHtiv" für Kommunikation und Marketing zuständig.

Unter dem Label "Fashion born in Hannover" wollen Dotzauer und seine Kolleginnen von "kreHtiv" Hannover als Modestandort nach vorn bringen, junge Modeschöpfer aus der Stadt auch überregional bekannt machen. Deren Arbeiten haben - bei aller Vielseitigkeit - einen roten Faden: Immer wichtiger wird das Thema Nachhaltigkeit. Da gibt es einige Ansätze, z.B. Upcycling ("aus Alt mach Neu") und Zero-Waste-Schnitte, bei denen die Entwürfe so geplant und umgesetzt werden, dass möglichst kein textiler Abfall entsteht. Viele Designer nutzen hauptsächlich oder sogar ausschließlich regionale Stoffe und auch lokale Fertigung spielt eine entscheidende Rolle. Produktionsmöglichkeiten am Standort für Kleinstserien und Musterproduktionen waren aber bislang Mangelware. An dieser Stelle kommt wieder "Unter einem Dach" ins Spiel. Beide Initiativen wollen jetzt ihre Stärken vereinen.

Einjährige "Forschungsreise"

Die Kooperation wird von der Region unterstützt. "Unter einem Dach" kann sich Verstärkung in Form einer Werkstattleiterin leisten: Marina Zurek, die zuvor die Modeschule M3 geleitet hat, gehört jetzt zum Team. Außerdem wird es Workshops für die Jung-Designer geben zu Themen wie Marketing und Vertrieb und es sind Pop-Up-Stores geplant, um auf das Label "Fashion born in Hannover" aufmerksam zu machen. Die Förderung zunächst für ein Jahr. "Es geht darum, in diesem Jahr zu erforschen, wie viel man schaffen kann, wie die Preise sein müssen, ob das geht", erklärt Alexandra Faruga. "Das ist jetzt ein Experimentierfeld, eine Forschungsreise, um nach einem Jahr zu gucken, ob das eine Perspektive ist oder nicht."

Dass der Versuch, Modekreationen aus Hannover, lokal, sozial und nachhaltig zu produzieren und auch über die Stadtgrenzen hinaus bekanntzumachen, gelingt, darauf hofft auch Mirvat aus Syrien: "Hier kann man sehr gut arbeiten. Ich wünsche mir, dass 'Unter einem Dach' in einem Jahr eine große Firma ist."

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch unterwegs | 27.02.2020 | 15:40 Uhr