Stand: 11.09.2020 12:42 Uhr

Proben zu "Der Geizige" am Thalia: Distanz und große Gefühle

von Peter Helling

Schon Mitte Mai sollte am Hamburger Thalia Theater Premiere sein: "Der Geizige", diese bissige Komödie von Molière in der Regie von Leander Haußmann mit Jens Harzer in der Hauptrolle. Aus bekannten Pandemie-Gründen wurde sie abgesagt. Nun wird sich, vier Monate später, am 12. September, der Vorhang heben. Geprobt wurde unter ungewöhnlichen, ja, wohl nie dagewesen Bedingungen. Maske, Abstand, Lüften, Desinfektionsmittel: Kann so Kunst entstehen? Peter Helling durfte drei Tage bei den Proben dabei sein.

Schauspieler Jens Harzer und Steffen Siegmund begrüßen sich schon beinahe beiläufig mit: Fuß-Gruß. Kaffetasse in der Hand. Jede andere Berührung ist tabu. Und dann, als wäre es das Normalste auf der Welt, sprüht Siegmund seinen Stuhl auf der Bühne mit Desinfektionsspray an. Der Blick geht in einen ansonsten fast leeren Bühnenraum. Noch ist Regisseur Leander Haußmann nicht da, aber auf dem Regietisch in den Zuschauerreihen sprudelt schon seine Kaffeemaschine. Ein seltsam absurdes, privates Geräusch in diesem Tempel der Hochkultur. Gleich geht es los.

Leander Haußmann nennt sich einen Optimisten "bis zur Verblödung"

Die Wochen zuvor hat das Ensemble digital probiert: im Zoom-Format. Mittlerweile gehört das neue Homeoffice-Tool fest zu unserer neuen Corona-Wirklichkeit. Auf dem Laptop ploppten damals die Bilder des Ensembles auf, geprobt wurde vor allem: Text. Und nach der Probe saßen alle mit einem Bier vor ihren Bildschirmen, fast wie in der analogen Kantine. Theater findet immer einen Weg, Leander Haußmann nennt sich einen Optimisten "bis zur Verblödung".

"Das Schöne beim Zoom-Room war ja, dass wir uns mit unseren Figuren beschäftigen konnten. Nichtsdestotrotz ist der Schritt auf die Bühne etwas ganz Schönes. Man merkt, was so fehlt, die Anwesenheit der Körper", sagt Schauspieler Pascal Houdus. Dramaturgin Susanne Meister freut sich jetzt auf den Sprung ins Analoge: "Was lustig ist, dass man aus der kompletten Distanz einer digitalen Probe in die absolute Präsenz einer Bühnenprobe fällt".

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Der Schriftzug "Thalia Theater" steht in goldenen Versalien über dem Eingang des gleichnamigen Theaters in Hamburg. © picture alliance/Georg Wendt/dpa Foto: Georg Wendt

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Theater am Thalia ohne Anfassen? So gut wie unmöglich

"Natürlich ist das Lachen bei Molière immer ein Lachen über sich selbst, das ist überhaupt das schönste Lachen", sagt Regisseur Leander Haußmann. Das Stück "Der Geizige", das haarscharf an der Tragödie vorbei schrammt, passt gut in die Zeit: Es zeigt die menschlichen Gemeinheiten unter Extrembedingungen. Jetzt endlich darf wieder analog geprobt werden - unter strengen Auflagen.

Da wird ausgetestet, wie körperlich überzogen die eigene Figur werden kann, da rutscht die Probe manchmal ins reine Textlernen, die Souffleuse hat alle Hände voll zu tun. Jens Harzer, der den geizigen Harpagon spielt, gibt den bösen, destruktiven Clown mit knautschigem Cowboyhut auf dem Kopf und Trillerpfeife im Mund. Dass körperliche Distanz sein muss, bedauern viele im Ensemble, so wie: Rosa Thormeyer: "Davon lebt ja das Theater, dass man sich berühren darf." Theater ohne Anfassen? Für Steffen Siegmund fühlt sich das an wie, kurz und trocken: "Coitus interruptus".

Das Bühnenbild in "Der Geizige" ist keine Notlösung

Corona hat nicht nur die Zeitplanung durcheinandergebracht, sondern gleich ein ganzes Bühnenbild ver-unmöglicht. Bühnenbildner Peter Schubert musste komplett umdenken, weil die Werkstätten in Kurzarbeit gingen. Jetzt will er genau mit dieser Leere umgehen - mit der Abwesenheit von Kulissen: mit traurigen Glühbirnen, die von der Decke hängen. Es hört sich an wie die Möglichkeit eines Bühnenbildes. "An einem Punkt im Stück wird Harpagon aufwachen, wie im falschen Stück", lacht er. Mehr verraten will er nicht, eine Notlösung wird das Bühnenbild aber auf keinen Fall, verspricht er.

Der Geizige oder Die Schule der Lügner von Molière

Regie: Leander Haußmann
Bühne: Peter Schubert
mit
Jens Harzer (Harpagon)
Steffen Siegmund (Cléante)
Rosa Thormeyer (Mariane)
Pascal Houdus (Valère)
Toini Ruhnke (Elise)
Marina Galic (Frosine)
Sebastian Zimmler (La Flèche / Anselme)
Tim Porath (Maître Jacques / Maître Simon)

Premiere am 12.09.2020, 19:00 Uhr im Thalia Theater, Alstertor, 20095 Hamburg (Ggf. noch Restkarten: (040) 328 144 44 oder Abendkasse)
Weitere Vorstellungen: 13. und 22.09., 19 Uhr und 24.09., 20 Uhr

Das Thalia Theater setzt alles daran, dass die Corona-Regeln eingehalten werden. Ständiges Lüften im Bühnenhaus etwa. Da kann es schon vorkommen, dass man im ehrwürdigen Theaterraum Möwenschreie hört, weil die Lüftungsschlitze im Bühnenturm weit offen stehen und Luft, Tageslicht und Alltagsgeräusche hereinlassen. Nichts ist normal in diesen Tagen. Alle Maßnahmen werden wöchentlich angepasst. Ein Theater im Ausnahmemodus.

Lachen trotz Corona

Geprobt wird ein Stück, das Molière selbst unter ständiger Angst vor der Pest geschrieben hat, im 17. Jahrhundert: Ein geiziger Patriarch ruiniert beinahe das Glück seiner erwachsenen Kinder, aus reiner Geldgier. Eine rabenschwarze Typenkomödie, ein Spiegel der Menschen und ihrer kruden Eigenschaften. Was könnte besser passen?

Marina Galic spielt eine sinnenfrohe Kupplerin: "Es klingt vielleicht ein bisschen unprofessionell, aber ich komm' hierher und lache. Ich empfinde es als etwa Richtiges, die Figuren sind so angekratzte Charaktere", sagt sie. Lachen trotz Corona. Vielleicht auch, weil die Vorfreude so groß ist: endlich wieder spielen zu können, endlich wieder auftreten vor dem Publikum. Und: Es entsteht ein ganz eigener spielerischer Kosmos, mit schrägen Bildern, Popzitaten. Und ganz viel Einsamkeit der Figuren.

Haßmann: "Theater lebt von zwei Gruppen im Raum"

Steffen Siegmund, der den Sohn des Geizigen spielt, hofft für die Premiere nächste Woche, dass "die Leute da unten wie Junkies sitzen und sich eigentlich an dem Schauspiel sattsehen". Am Ende dieser irgendwie einzigartigen Probenzeit wünscht sich Regisseur Leander Haußmann wieder die echte Begegnung im Theater. "Zum Theater gehört nun mal leider oder glücklicherweise, dass zwei Gruppen im Raum sind, die da oben und die da unten. Mit einer alleine funktioniert's nicht, sie müssen gleichzeitig im Raum sein, dann haben wir wieder Theater".

Fünf Neonröhren bilden das Wort "Thalia" am Eingang des Hamburger Thalia Theaters. © picture alliance/Bildagentur-online Foto: Bildagentur-online/Joko

AUDIO: Proben in Corona-Zeiten im Thalia Theater (31 Min)

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Blick auf einen hell erleuchteten Container auf der Bühne um den sich mehrere Schauspieler gruppiert haben. © Thalia Theater Foto: Krafft Angerer

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassikboulevard | 13.09.2020 | 15:40 Uhr