Joe Biden und Donald Trump in Siegerposen © AP/dpa Foto: Andrew Harnik, Evan Vucci

Pro Trump oder pro Biden? Zwei Unterstützer im Gespräch

Stand: 05.11.2020 17:26 Uhr

Die Präsidentschaftswahlen in den USA erweisen sich als ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Ein Gespräch über diesen Wahl-Krimi mit Candice Kerestan, der Vorsitzenden der Democrats Abroad Germany, und Benjamin Wolfmeier, Sprecher der Republicans Overseas in Deutschland.

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Schon in der Nacht zu Mittwoch hatte sich Donald Trump zum Sieger erklärt und verlangt, die weitere Auszählung von Stimmen müsse gestoppt werden. Wahlbetrug hat er unterstellt und angekündigt, vor den Supreme Court zu ziehen. 

Herr Wolfmeier, Sie haben sich noch vor wenigen Tagen in einem Interview wie folgt geäußert: "Sollte Donald Trump die Wahl verlieren, dann wird er auch seinen Platz im Weißen Haus räumen. Da wird es keine Diskussionen geben. Das kann ich Ihnen versprechen. Das ist völlig illusorisch, dass Donald Trump das verweigern würde - das entbehrt jeder Grundlage." Es macht aber jetzt den Eindruck, dass Donald Trump sich doch nicht so einfach geschlagen gibt. Wie beobachten Sie sein Vorgehen?

Benjamin Wolfmeier: Ich sehe das anders. Er hat sich nicht zum Sieger insgesamt erklärt. Er hat lediglich gesagt, dass er Pennsylvania. North Carolina, Georgia und Alaska gewonnen hat. Für uns ist dieses neue Briefwahlsystem, was die Demokraten fünf Monate vor der Wahl in sechs Bundesstaaten installiert haben, nicht akzeptabel. Wir werden nicht akzeptieren, dass Stimmen, die nach dem Wahltag ankommen, noch gezählt werden. Joe Biden hat sich vor Donald Trump auch schon so geäußert, dass er viele wichtige Staaten gewonnen hat, auch ohne den Sieg direkt zu proklamieren - er hat aber den Führungsanspruch für sich genommen. Ich glaube, dass das nichts Besonderes ist und zu diesem politischen Spiel dazugehört, was beide Seiten machen.

Frau Kerestan, Sie kommen gebürtig aus Pennsylvania, einem der Staaten, die es aktuell richtig spannend machen. Hier sind auch Briefwahlunterlagen gültig, die bis zu drei Tage später in den Auszählungszentralen eintreffen. Maßgeblich ist der Poststempel. Wie beurteilen Sie das Ganze?

Candice Kerestan: Wie bereits unsere Bezeichnung andeutet, setzen wir, die Demokraten, uns dafür ein, dass alle von ihrem Wahlrecht Gebrauch machen können. Das muss in dieser Zeit der Pandemie angepasst werden. Ich finde es besser, ein verlässliches Ergebnis zu haben als eine voreilige Schlagzeile. Fakt ist, dass gerade ein demokratischer Prozess stattfindet, an dem sich viele beteiligen. Trump kann auf Twitter so viel posten, wie er möchte, aber Fakt ist, dass die Menschen von ihren Stimmen Gebrauch gemacht haben, um ihn abzuwählen.

In Michigan und Arizona gibt es Proteste von Anhängern Trumps, die laut CNN teilweise sogar bewaffnet sind, weil sie die Auszählung der Stimmen stoppen wollen. Das können Sie doch nicht gutheißen, oder, Herr Wolfmeier?

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Wolfmeier: "Bewaffnet" - das habe ich so nicht gehört. Aber es gibt ganz klar Unregelmäßigkeiten in diesen beiden Bundesstaaten. In Wisconsin gibt es in sieben Counties plötzlich mehr Wahlstimmen als registrierte Wähler. Das kann nicht in Ordnung sein. Republikaner sind bei dem Versuch, Unterschriften abzugleichen, gehindert worden. In Michigan genauso: In Detroit wurden republikanische Wahlbeobachter von den Demokraten einfach ausgeschlossen. Sogar die Polizei wurde teilweise nicht zugelassen. Das geht gar nicht. Das werden wir natürlich nicht akzeptieren, und das geht vor Gericht. Das ist jetzt beim Supreme Court in Michigan eingereicht, und es gibt eine Neuauszählung in beiden Bundesstaaten - was ein völlig normaler Prozess ist, wenn es so eng ist. Wenn sich die Demokraten so sicher sind, dass sie die beiden Staaten gewonnen haben, dann können sie doch ganz gelassen abwarten, was bei den demokratischen Verfahren herauskommt. Von daher ruhe ich da völlig in mir selbst.

OSZE-Wahlbeobachter haben sich aber zu Wort gemeldet, und sie registrieren keine Verstöße bei der Wahl. Diese systematischen Unregelmäßigkeiten, die unterstellt werden, seien haltlos. Insofern würde ich Ihnen an dieser Stelle widersprechen.

Wolfmeier: Es gibt sogar im Internet Videos, wie Republikaner bei der Auszählung in Detroit von demokratischen Anhängern rausgebracht wurden. Es ist ja nachgewiesen, dass es mehr Wählerstimmen als registrierte Wähler in diesen sieben Counties gibt - das kann man nicht in Abrede stellen.

Frau Kerestan, Joe Biden liegt zwar nach dem aktuellen Auszählungsstand vorn, aber der erhoffte Erdrutsch-Sieg ist ausgeblieben. Was ist da schiefgelaufen? Haben die Demokraten nicht genug aus 2016 gelernt? Was hat Biden vielleicht falsch gemacht oder versäumt beziehungsweise was hat Trump vielleicht richtig gemacht?

Kerestan: Ich glaube, dass wir tatsächlich von einem Erdrutsch-Sieg von Biden sprechen könnten. Biden hat mehr Stimmen erhalten als jeder andere Kandidat zuvor.

Herr Wolfmeier, Sie sind überzeugter Trump-Unterstützer. Was überzeugt Sie an seiner Politik?

Wolfmeier: Auch der Präsident hat so viele Stimmen bekommen, wie noch nie ein Republikaner an Stimmen bei einer Präsidentenwahl bekommen hat. Und vor allem er hat das beste Ergebnis eines Republikaners seit 1960 bei schwarzen Wählern und Hispanics bekommen.

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Ich unterstütze Donald Trump vor allem deswegen, weil er in der Arbeitsmarktpolitik hervorragende Daten geliefert hat: die niedrigste Arbeitslosigkeit seit 51 Jahren - bis vor Corona; die niedrigste Arbeitslosigkeit für Schwarze, Hispanics, Frauen, Behinderte und Jugendliche. Dazu kommt eine historische Steuerreform, die den Mittelstand entlastet hat und dazu geführt hat, dass die Löhne erstmals nach 20 Jahren wieder real gewachsen sind. In der Außenpolitik ist er der Friedenspräsident meiner Generation. Er hat den Nord-Süd-Korea-Konflikt beendet und Friedensverhandlungen, die zur Vereinigung dieser beiden Staaten führen sollen, eingeleitet. Er hat Friedensabkommen für Israel mit sehr schwierigen Partnern organisiert. Das sind alles Punkte auf der Habenseite. Dass nicht alles gelungen ist, das ist immer so. Aber man müsste schon sehr lange zurückgehen, wann ein Präsident in den ersten dreieinhalb Jahren so viele seiner Wahlversprechen umgesetzt hat wie Donald Trump.

Frau Kerstin, ich nehme an, dass sie nicht so argumentieren würden. Aber auch Sie müssen feststellen, dass es Trump-Wähler gibt. Wie erklären Sie sich, dass so viele Donald Trump wählen?

Wolfmeier: Ich glaube, dass viele für Trump gestimmt haben, weil sie Fanatiker sind, die dieses Theater, das er macht, verfolgen. Aber wir dürfen nicht vergessen, dass mehr Menschen für Biden gestimmt haben. Und warum haben sie das gemacht? Weil sich Biden für sie alle einsetzt, für eine gerechtere Gesellschaft. Biden hat deutlich gemacht, dass es bei ihm keine blauen oder roten Staaten gibt. Es ist an der Zeit, die Menschen wieder zusammenzubringen. Danach sehnen sich so viele Amerikaner, und nicht nach dieser Spaltung und dem Chaos von Trump und dessen Administration. Viele freuen sich sehr drauf, ihn abzuwählen und ein neues Kapitel in der Geschichte einzuleiten.

Das Interview führte Alexandra Friedrich.

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NDR Kultur | Journal | 05.11.2020 | 18:00 Uhr