Stand: 15.03.2019 19:06 Uhr

Privatschulen: Der neue Bildungsmagnet?

von Reinhard Kahl
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Reinhard Kahl wurde 1948 in Göttingen geboren. Er lebt in Hamburg und im Wendland.

Erleben wir derzeit einen Run auf Privatschulen - oder vielmehr eine Flucht aus den öffentlichen Schulen? Warum werden die meisten Waldorfschulen heute in China und im Silicon Valley eröffnet? Und wieso sind es ausgerechnet die Bosse der Internet-Giganten, die den eigenen Kindern medienferne Bildungsmethoden angedeihen lassen? Aber auch in Deutschland nimmt die Zahl alternativer Schulformen zu, vor allem Kinder aus Akademiker-Familien besuchen sie - was die Diskussion über eine Spaltung der Gesellschaft befeuert. Schonraum jedenfalls scheint wieder gefragt. Aber es gibt auch solche Privatschulen, die auf das spätere Leben durch Abhärtung vorbereiten wollen. Was also ist mit der Bildung in diesem Land und andernorts los?

In all den Debatten und Aufregungen um Bildung läuft immer auch ein Selbstgespräch der Gesellschaft darüber mit, wer sie ist, woher sie kommt und wohin sie eigentlich will. Selbstgespräch ist keineswegs abwertend gemeint. Es ist seit Platon ein anderes Wort für Denken. Denn Denken, so der Philosoph, ist das Gespräch zwischen mir und mir selbst. Was ja voraussetzt, mit sich nicht einer Meinung zu sein. Dieses mal offensichtliche, häufiger allerdings verborgene Selbstgespräch macht das Thema Bildung spannend und aufschlussreich.

Das Beste für mein Kind

Was bedeutet es, wenn sich in den vergangenen 20 Jahren der Anteil der Privatschulen in Deutschland verdoppelt hat? Allein 130 Waldorfschulen kamen hinzu. Derzeit werden nirgendwo auf der Welt so viele dieser Reformschulen gegründet wie in China - und wie im Silicon Valley.

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Aber erst mal Deutschland. Natürlich ist "Privatschule" ein viel zu ungenaues Wort. Es gibt Institute, vor denen morgens aus schwarzen SUVs die Kinder ausgeladen werden, und es gibt Alternativschulen, vor denen die schmucken Lastenfahrräder mit der Kinderkiste parken. Und es gibt zumal in den östlichen Bundesländern ganze Landstriche, in denen Dorfschulen geschlossen und in deren Räumen bald private Schulen eröffnet wurden.

Bei all der Vielfalt ist allerdings ein Trend durchgehend. Es sind vor allem Familien aus der Mittelschicht, überwiegend Akademiker, die in den Städten staatlichen Schulen den Rücken kehren. Die Eltern sagen immer denselben Satz: das Beste für mein Kind. Eine Variante dieses Satzes, "mein Kind soll es mal besser haben", hört man allerdings seltener.

Das heimliche Hauptfach

Aufstieg durch Bildung war lange die Parole der Politik. Heute geht es vielen Familien nur noch darum, ihren Status zu halten. Sprach man in den Nachkriegsjahrzehnten optimistisch vom "Fahrstuhleffekt", so diagnostizieren Soziologen in Zeiten der Globalisierung immer mehr Bewegung auf der Rolltreppe abwärts. Der Fahrstuhl brachte alle weiter nach oben. Auf der abwärts fahrenden Rolltreppe rennt man gegen den Lauf der Dinge nach oben an. Viele verausgaben sich, nur um nicht zurückzufallen. War der Aufstieg durch Bildung ein politisches Programm, so sind heute wirksame Antriebe eher privatisiert. Wenn es mein Kind gut haben soll, dann stehen ihm vielleicht die anderen im Weg. Man braucht Unterscheidungsgewinne und "Alleinstellungsmerkmale".

Bushaltestelle mit der Aufschrift "Waldorfschule". © dpa picture alliance Foto: Uwe Zucchi

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Es geht dann weniger um Chancengleichheit oder Chancengerechtigkeit, Wörter die mal Unterschiede der politischen Lager markierten, es geht heute um Startvorteile, um gut durchzukommen. In der Schule wird dann "Durchkommen" häufig das heimliche Hauptfach und Schüler beschreiben ihren Alltag als "Bulimielernen": Den Stoff schnell reinwürgen und nach Prüfungen wieder raus. Den Kopf frei machen für die nächsten Häppchen. Die Inhalte selbst werden dabei eher egal. Früh übt man sich im Verwerten, das häufig aufs Entwerten hinausläuft. Aber das ist ein anderes Thema. Oder auch nicht?

"Gift für die Gesellschaft"?

Die einen Privatschulen sollen gute Abschlüsse garantieren, die dann beste Anschlüsse bieten, die anderen sollen just vor der damit verbundenen Entfremdung bewahren. Man merkt schon, es geht nicht nur ums Lernen und um die Entwicklung der Kinder und Jugendlichen. Es geht um die kulturelle DNA. Der große Trend geht zur Individualisierung und zum Privatisieren und weg von Solidarität und Gemeinsamkeit. So vertieft sich ein Spalt in der Gesellschaft.

Eines jedenfalls sind Privatschulen nicht: im Durchschnitt besser. In Schulleistungsstudien wie Pisa schneiden die Schüler dort nicht besser ab. Der Erziehungswissenschaftler Marcel Helbig, der eine Professur für Bildung und soziale Ungleichheit hat, fasst seine Studien so zusammen: "Was Eltern für das Beste für ihr Kind halten, kann Gift für die Gesellschaft sein." Die Wirkung dieses Gifts beobachtet er insbesondere in den östlichen Bundesländern, in denen es vor 30 Jahren noch gar keine Privatschulen gab. So ist in Schwerin, Rostock und Greifswald ein Viertel oder inzwischen fast die Hälfte der Grundschulen privat. Ausgerechnet Grundschulen, die doch in Deutschland die einzige gemeinsame Schule für alle sind. Dafür sind Eltern bereit, einiges an Schulgeld zu zahlen. Denselben Trend beobachtet der Wissenschaftler allerdings auch in Mainz oder Koblenz, wo das rheinland-pfälzische Gesetz jedes Schulgeld verbietet. Private Schulen werden also unabhängig vom Schulgeld zur Flucht aus dem öffentlichen System genutzt.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Gedanken zur Zeit | 17.03.2019 | 19:05 Uhr

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