Stand: 08.09.2019 16:37 Uhr

Staatsoper spielt Schostakowitschs "Die Nase"

von Elisabeth Richter

Ein Leben ohne Nase ist möglich, aber sinnlos. So hätte es Loriot formuliert. Und dass die Welt aus den Fugen geraten kann, wenn etwas Entscheidendes fehlt, zeigt die bissig-komische Groteske "Die Nase" von Nikolai Gogol von 1836. Dmitri Schostakowitsch treibt sie mit seiner Oper von 1930 noch auf die Spitze. In der Hamburgischen Staatsoper stand sie jetzt zum ersten Mal auf dem Spielplan - in einer Inszenierung von Karin Beier, seit 2013 Intendantin des Hamburger Schauspielhauses. Bei der Eröffnungspremiere der neuen Saison der Staatsoper stand Generalmusikdirektor Kent Nagano am Pult des Philharmonischen Staatsorchesters.

Grotesker Stoff um eine verschwundene Nase

In der grotesken Novelle von Gogol wacht "Kollegienassesor" Kowaljow eines Morgens ohne Nase auf. Er trifft sie in der Uniform des Staatsrates. Schließlich wird die Nase an der Flucht gehindert und verprügelt. Sie schrumpft auf ihre natürliche Größe, aber im Gesicht von Kowaljow hält sie nicht mehr. Er vermutet die Intrige einer Witwe, die ihre Tochter mit ihm verheiraten will. Wie durch ein Wunder kehrt die Nase aber am Ende in Kowaljows Gesicht zurück, er kann wieder flanieren und mit den Mädchen flirten.

Abstraktes Setting mit historischen Bezügen

Regisseurin Beier stellt in ihrem abstrakten Setting viele Bezüge zur Entstehungszeit her: Stalins Überwachungsstaat spiegelt sich in Stéphane Laimés mehrstöckiger, gerüstartiger Drehbühne. Die vielen verschiedenen Räume und Szenen wechseln blitzschnell.

Stalin, Hitler und der Hamburger Rathausmarkt

Ockergelb, hellbraun uniformierte Polizisten sind ständig präsent und verweisen auf Hitlers "Nazi-Braunhemden". Stalins Konterfei wird ab und zu in einem riesigen Spiegel sichtbar und auf verschiedenen Bildschirmen, über die auch andere Filmaufnahmen aus der Stummfilmzeit ständig flimmern. Eine dazu erfundene Szene erinnert an Charlie Chaplins Hitler-Karikatur in "Der große Diktator". Wenn einmal auf einer roten Leinwand auch der Hamburger Rathausmarkt zu sehen ist, fällt das ein bisschen aus dem gesetzten Rahmen. Einen doppelten Boden müsste man subtiler inszenieren.

Virtuoses Spiel

Beier zeigt die Hysterie aller Beteiligten in einem virtuosen, turbulent grotesken Spiel. Sie karikiert die militärischen Figuren und Grüppchen. Sie lässt sie sich choreographisch zu Schostakowitschs ungeheuer rhythmisch-tänzerischer Musik bewegen.

Nasen in dekadent-korrupter Gesellschaft

Die Nase von Kowaljow ist allgegenwärtig. Sie wird menschengroß, unter ihr sieht man nur die Beine eines Balletttänzers. Aber auch kleiner rollt sie durch die Szene. Die Bäuche der dekadent-korrupten verfetteten Gesellschaft sind: Nasen! Und der schlanke, eitle Kowaljow, der psychisch ohne Nase völlig panisch wird, ist am Ende – als die Nase endlich wieder an seinem Gesicht hält – genauso fett wie die anderen geworden.

Auch musikalisch grandios

Schostakowitschs sehr schwere Partitur mit ihrer pulsierenden und komplexen Rhythmik, mit den Anklängen an Folklore, Filmmusik, aber auch an Strawinsky oder Alban Berg präsentierten Dirigent Nagano und das Philharmonische Staatsorchester souverän und ebenso virtuos wie die Szene. Kompliment! Die Hauptpartie des Kowaljow war mit dem dänischen Bariton-Star Bo Skovhus darstellerisch und sängerisch grandios besetzt. Ein unterhaltsamer Abend und ein gelungener Auftakt in die neue Spielzeit für die Hamburgische Staatsoper.

Staatsoper spielt Schostakowitschs "Die Nase"

Mit der grotesken Oper "Die Nase" von Schostakowitsch ist die Hamburgische Staatsoper in die neue Saison gestartet. Karin Beier gelang eine virtuose Inszenierung, Kent Nagano dirigierte grandios.

Art:
Bühne
Datum:
Ende:
Ort:
Staatsoper Hamburg
Dammtorstraße 28
20354  Hamburg
Telefon:
(040) 35 68 68
Preis:
8 - 179 Euro
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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassikboulevard | 08.09.2019 | 13:20 Uhr

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