Marianne Kneuer © dpa/Universität Hildesheim Foto: Isa Lange

Politischer Aschermittwoch: Digitaler Wahlkampf hat begonnen

Stand: 17.02.2021 18:20 Uhr

Am heutigen politischen Aschermittwoch haben Söder, Scholz und Co. mehr oder weniger scharfe Geschütze aufgefahren und spätestens jetzt hochoffiziell den Wahlkampf im Superwahljahr eröffnet. Ein Gespräch mit der Politologin Marianne Kneuer.

Marianne Kneuer © dpa/Universität Hildesheim Foto: Isa Lange
Beitrag anhören 8 Min

Frau Kneuer, wie haben Sie den politischen Aschermittwoch erlebt, der ja erstmals rein digital ausgetragen wurde?

Marianne Kneuer: Wenn man sich die Auftritte anschaut, merkt man schon, dass sich die Politiker und Politikerinnen sehr schwer tun mit diesem Format. Und das geht quer durch die Parteien, da gibt es keine größeren Unterschiede. Das war eine recht angestrengte Übung, aber das kann man den Politikerinnen und Politikern gar nicht verübeln.

Was fehlt da in dieser digitalen Form?

Kneuer: Die Politikerinnen und Politiker setzen bei dem Format des politischen Aschermittwochs - zumal in einem Wahljahr - sehr stark auf die Mobilisierung. Sie sind in dieser typischen Bierzeltstimmung sehr nah an den Bürgerinnen und Bürgern, sie suchen sehr stark das Zwiegespräch mit ihnen und brauchen auch ihr Feedback. Komme ich an? Wie ist die Stimmung? Ist das eine Richtung, die gut angenommen wird? All das spürt der Politiker oder die Politikerin nicht, sondern in diesen sterilen Wohnzimmern oder auf der arrangierten Bühne bekommt man keine Rückmeldung. Und das ist extrem schwierig in dieser Situation.

Was müssen denn Politiker beherzigen, um auch über das Netz Nähe erzeugen zu können?

Kneuer: In dem Wahlkampf, der auf uns zukommen wird, werden die Politikerinnen und Politiker einen Vorteil haben, die sich schon in den vergangenen Jahren im Netz bewegt und dort eine Netzgemeinde aufgebaut haben. Das ist so, weil Politikerinnen und Politiker auch im Netz authentisch rüberkommen müssen. Die Nutzerinnen und Nutzer müssen sehen, dass das nicht jemand ist, der nur kurzfristig einsteigt, weil etwa Wahlkampf ist. Das erkennt er oder sie an, wenn jemand sich schon länger im Netz bewegt, wenn er Follower hat, wenn er die Logik und die Praxis des Netzes kennt und Teil dieser Netzgemeinde ist.

Abgesehen von den Anforderungen, die die Digitalisierung an die Parteien stellt: Was bedeutet das Ganze für die politische Meinungsbildung, dass der Wahlkampf jetzt hauptsächlich im Digitalen stattfindet?

Kneuer: Wir können das wissenschaftlich noch gar nicht beurteilen, weil wir so einen Wahlkampf, der komplett digital abläuft, noch nie hatten. Man kann schon voraussehen, dass sich vor allen Dingen in den üblichen digitalen Medien die Kommunikation verstärken wird. Ich würde empfehlen, dass man als Politikerin oder Politiker nicht allein auf ein Medium setzt - das ist quasi unmöglich. Man muss fast auf der kompletten Klaviatur der sozialen Medien spielen, um möglichst viele Zielgruppen zu erreichen. Das ist etwas, was man im normalen Wahlkampf auch getan hätte, aber das verstärkt sich jetzt noch einmal.

Bestimmte Zielgruppen erreicht man vermutlich gar nicht über soziale Medien, oder? Welche Wähler stehen da völlig außen vor?

Kneuer: Es gibt natürlich auch Wähler, die man nicht erreichen kann. Da würde man über Video-Streams gehen, um ältere Wählerinnen und Wähler zu erreichen. Solche Video-Runden werden im Moment zum Beispiel in den Landtagswahlkämpfen in Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg gemacht. Das soll Auftritte in den Kommunen, in den Landkreisen, in den Wahlkreisen ersetzten. Insofern ist das ein Weg, um auch die breitere Bevölkerung zu erreichen.

Das Interview führte Alexandra Friedrich.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 17.02.2021 | 18:00 Uhr