Stand: 26.01.2019 11:24 Uhr  - NDR 90,3

Politik als Kasperletheater: "Boris Godunow" in Lübeck

von Daniel Kaiser

Mit freundlichem Applaus hat das Lübecker Publikum die Premiere der Oper "Boris Godunow" von Modest Mussorgsky aufgenommen. Jedoch hatten etliche Zuschauer die Aufführung schon vor dem Ende verlassen. Peter Konwitschny, den die "opernwelt" zum Regisseur des Jahres 2018 gekürt hatte, macht aus der Urfassung der Oper von 1869 eine bunte Gesellschaftskritik - mit Längen. Die Inszenierung ist eine Koproduktion mit dem Staatstheater Nürnberg und der GöteborgsOperan.

Plötzlich ist da sogar ein Krokodil auf der Bühne und schnappt zu. Polizisten, Politiker und auch der Zar sind Handpuppen, die das Volk bespaßen, das betrunken als amorphe Konsummasse vor einer Kasper-Bühne liegt und sich mit Wodkaflaschen zuprostet. Die Politik ist bei Konwitschny nur ein Kasperletheater, eine Show, die nicht wirklich ernst zu nehmen ist. Die Spaßgesellschaft taumelt dem Abgrund und ihrem Ende entgegen, bis der Wein aus den Tetrapacks ausgetrunken ist. Nach diesem herrlich trashigen, temporeichen und angenehm verstörenden Einstieg zieht sich der Abend dann aber erheblich.

Apokalyptische Druckbetankung

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Die Lübecker Operninszenierung "Boris Gudonow" ist eine Koproduktion mit dem Staatstheater Nürnberg und der GöteborgsOperan.

Das mag daran liegen, dass Konwitschny die Geschichte des glücklosen Herrschers Boris Godunow in Mussorgskys Urfassung von 1869 erzählt und diese der üblichen, geglätteten, leichter verdaulichen Überarbeitung von Rimsky-Korsakow vorzieht. Das Philharmonische Staatsorchester unter der Leitung von Ryusuke Numajiri fühlte sich in die besondere Tonsprache Mussorgskys ein, die von Nummernrevuen und Herzschmerz-Arien nichts weiß. Das Original ist rauer, widerborstiger und anstrengender. Dieser Umstand und die manchmal trivialen deutschen Texte (Bettina Bartz und Werner Hintze) haben nicht geholfen, den Spannungsbogen über zwei Stunden und 15 Minuten (ohne Pause) apokalyptischer Druckbetankung zu halten. In den Umbaupausen sah man Zuschauer auf die Uhr schauen und man hörte manchen laut ausatmen.

Mönch mit Kalaschnikow

Am dichtesten ist der Abend noch, wenn sich Zar Boris in seinem goldenen Palast (berührend: Ernesto Morillo als skrupulöser Herrscher) selbst befragt. Hat Boris den Thronfolger ermorden lassen, um selbst an die Macht zu kommen? Die Frage bleibt letztlich ungeklärt. Doch die mächtigen Gegner des Zaren werfen ihm Mord vor - unter anderem mit einer Strichmännchen-Powerpoint-Präsentation. Der Mönch Pimen ist ein kriegsversehrter Veteran im Tarnanzug und mit Kalaschnikow, der seine Mitstreiter mit einem großen Kreuz tätowiert. Der Bass Denis Velev schleudert Pimens Anklagen in sonorem Bass wie eine orthodoxe Liturgie selbstbewusst in den Saal. Der Intrigant Schuiski (herrlich verschlagen: Alexander James Edwards) streut Gerüchte im politischen Establishment.

Einkaufswagen als Hüpfburg

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Das Stück ist eine schrille Gesellschaftskritik.

"Fake News" und alternative Fakten - all das gab es schon damals. Konwitschny widersteht der Versuchung, aus dem Stoff eine Putin- oder Trump-Oper zu machen. Stattdessen bringt er eine schrille Gesellschaftskritik auf die Bühne, eine Anklage an das Volk, das alles glaube, ohne es zu überprüfen. Sehr bunt. Sehr plakativ. Sehr hoffnungslos. Zum Finale steht auf der Bühne (Ausstattung: Timo Dentler und Okarina Peter) ein riesengroßer Einkaufswagen als Hüpfburg, auf der sich das Volk in goldenen Klamotten und mit teuren Einkaufstüten vergnügt. Wer bei dieser Wohlstandsparty nicht mitmacht wie der "blödsinnige Gottesnarr" (herausragend gesungen von Hojong Song), wird einfach umgelegt.

Der Zar als Aussteiger

Politikverdrossen ist hier nicht das Volk. Zar Boris ist es, der sich am Ende von der Macht verabschiedet. Das Büßergewand, das er sich im Libretto anlegt, ist bei Konwitschny ein Hawaii-Hemd. Boris wird zum Aussteiger. Er setzt sich eine Sonnenbrille auf und klettert in den Orchestergraben. Aus der Konsum-Hüpfburg ist da schon längst die Luft raus. Richtig viel Atü hatte die Inszenierung zu diesem Zeitpunkt auch nicht mehr. 

Politik als Kasperletheater: "Boris Godunow" in Lübeck

Peter Konwitschny bringt mit der Oper "Boris Gudonow" eine bunte Gesellschaftskritik auf die Bühne des Lübecker Theaters. Nach einem angenehm verstörenden Einstieg zieht sich der Abend erheblich.

Art:
Bühne
Datum:
Ort:
Theater Lübeck
Beckergrube 16
23552   Lübeck
Telefon:
Theaterkasse 0451/399600 
Preis:
57 bis 13 Euro
Hinweis:
Oper von Modest Mussorgsky (Urfassung von 1869), Libretto vom Komponisten nach dem gleichnamigen Drama von Alexander Puschkin, Deutsch von Bettina Bartz und Werner Hintze

Eine Kooperation des Theater Lübeck mit dem Staatstheater Nürnberg und der GöteborgsOperan

Musikalische Leitung: Ryusuke Numajiri
Inszenierung: Peter Konwitschny
Ausstattung: Timo Dentler/Okarina Peter
Licht: Olaf Lundt / Karl Wiedemann
Chor: Jan-Michael Krüger
Kinderchor Gudrun Schröder
Dramaturgie Kai Weßler
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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Kulturjournal | 28.01.2019 | 19:00 Uhr