Stand: 28.06.2020 13:09 Uhr  - NDR Kultur

"Bücher sind das Gegenstück zum Twitter-Gewitter"

Ich bin erst einmal ganz glücklich, dass es überhaupt gelungen ist, ein für die Kultur zusammengesetztes Programm möglich zu machen und auch dankbar für die Rückendeckung im Kabinett. Dass die Kultur hier diese Wertschätzung erfährt und dafür ein eigenes Programm hat. Auch in Anerkennung der Tatsache, dass die Kultur eben auch sehr differenziert ist. Kulturstaatsministerin Monika Grütters über das Programm "Neustart Kultur", das sie am 3. Juni vorgestellt hat.

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Nina George schreibt seit 1992 Romane, Kurzgeschichten und Kolumnen.

Ganz so glücklich und dankbar wie die Kulturstaatsministerin Monika Grütters sind viele der betroffenen Kulturschaffenden im Lande aber nicht. Eine von ihnen ist Nina George. Sie ist Bestsellerautorin und Präsidentin des European Research Council, dem Dachverband von 38 europäischen Schriftstellerinnen und Schriftstellerverbänden. Außerdem hat sie 2016 mit dem Netzwerk Autorenrechte eine starke Lobby für Buchautorinnen und -autoren initiiert.

Frau George, Sie haben die Verlags- und Buchbranche dazu aufgefordert, sich in der Corona-Krise mit Autorinnen zu solidarisieren. In diesem Aufruf ging es unter anderem um die Unterzeichnung einer Petition, die noch bis zum 25. Juni läuft. Worum geht es dabei?

Monika Grütters © Elke A. Jung-Wolff Foto: Elke A. Jung-Wolff

Neustart Kultur: Monika Grütters im Gespräch

NDR Kultur - Journal Gespräch -

Am Mittwoch hat die Bundesregierung das größte Konjunkturpaket der Geschichte vorgestellt. Aber wie viel steckt drin für die Kultur? Ein Gespräch mit Kulturstaatsministerin Monika Grütters.

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Nina George: Diese Petition ist vor allem für die Verlängerung und sogenannte rechtssichere Ausgestaltung von Soforthilfen für Selbständige gedacht. In Deutschland arbeiten vier Millionen Selbstständige, davon sind ungefähr 2,2 Millionen Frauen. Nun sieht es so aus, als ob die derzeitigen Soforthilfen für die meisten dieser 2,2 Millionen Einzelkämpferinnen nicht abgerufen werden dürfen, weil sie auf Betriebskosten beruhen, die wir meistens nicht in dieser hohen Form haben. Unser Betrieb ist der Kopf. In der vergangenen Nacht haben wir die 50.000-Marke geknackt. Das ist das Quorum, das erreicht werden muss, um eine Petition im Bundestag einzureichen. Ich bin stolz, da diese Petition nur eine von insgesamt 41 ist, mit der sich der Bundestag nun offiziell beschäftigen muss. Da hat einmal das ganze diverse Volk gesprochen. 

Ich würde gerne noch einmal mit Ihnen über die Besonderheiten Ihres Berufszweiges sprechen. Sie haben mit einer ganz ausführlichen Stellungnahme auf diesen "Neustart Kultur" reagiert und schildern darin die kurz- bis langfristigen Konsequenzen für freischaffende Autoren und Autorinnen, aber auch die Auswirkungen auf die ganze Branche. Die Buchbranche ist nun einmal ganz anders betroffen als andere Kulturbereiche.

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Nina George: In der Tat. Wenn man in einen Buchladen geht sind die Bücher da und man fragt sich, warum Autoren und Autorinnen, Übersetzer und Übersetzerinnen denn Probleme haben? Erstaunlicherweise leben die meisten aus dieser Berufsgruppe aber nicht von ihren Veröffentlichungen. Die, die sich hauptberuflich ihr Einkommen aus dem Buchbereich erarbeiten, nehmen an vielen Kontaktveranstaltung teil. Das heißt, sie machen Lesungen, leiten Workshops und moderieren Panels. Die Sachbuchautoren sind oft bei Fachvorträgen in der Industrie gefragt. All diese Einzelpunkte ergeben am Schluss den Jahresumsatz. Während die Buchhandlungen geschlossen waren, war es zwar zeitweise möglich, Bücher zu versenden, dadurch wird vielleicht "nur" ein Umsatzverlust von etwa 30 bis 50 Prozent zu erwarten sein. Das summiert sich aber auf mehrere Milliarden Euro, die dann anteilig an Honoraren für die Autoren und Autorinnen, Übersetzer und Übersetzerinnen fehlen. Gleichzeitig ist es so, dass es bisher keinerlei Ausfallkompensation gibt. Selbst wenn wir jetzt auf dieses wirklich gut durchdachte Neustart- Kulturprogramm schauen, ist das für eine Infrastruktur von Institutionen gedacht. Und das ist auch gut. Aber was letztlich bei den Autoren und Autorinnen ankommen wird, wird ein Flickenteppich sein. Es wird nicht die Ausfälle kompensieren. 

In Ihrer Stellungnahme haben Sie auch ganz konkrete Lösungsansätze erarbeitet - einen umfassenden, zwölfteiligen Vorschlagskatalog - darunter zum Beispiel der "Abgesagt-Fonds". Der betrifft dann das, was sie gerade gesagt haben: Ausfallhonorare für entfallende Veranstaltungen. Es gibt auch den Punkt "Jedem Kind ein Buch" für die Leseförderung und Unterstützung der durch die Krise besonders betroffenen Kindern- und Jugendbuchautorinnen. Eine ihrer Forderung lautet auch die Bücher, in die Debatte zurück zu holen. Was ist damit gemeint? 

Nina George: Die Schriftstellerei lebt eigentlich von der gesellschaftlichen Debatte. Das heißt, das Buch ist nicht nur eine Unterhaltung. Es erzählt das Leben noch einmal auf eine ganz andere Weise. Das heißt, dass Bücher auch das Gegenstück zu sehr kurzweiligen Medien sind. Sie sind das Gegenstück zu dem "Twitter-Gewitter" und reißen immer gesellschaftliche Debatten auf. Aktuell ist es die Fragestellung, wie wir uns über Antirassismus unterhalten. Jetzt wäre die Zeit, um viele Veranstaltungen zu machen, Autoren und Autorinnen einzuladen und diesen Themen einem Publikum zugänglich zu machen. Antirassismus ist nur ein Beispiel. Ich würde mir wünschen, dass wir die Krise als Chance nutzen, um einige Sachen auch besser zu machen als vorher. Deswegen hat das "Netzwerk Autorenrechte" auch sehr viele zukunftsweisende Vorschläge gemacht. Ich möchte mehr Autoren und Autorinnen in den Schulen sehen, weil wir dort das Leben ganz anders vermitteln können als es in Schulbücher beschrieben wird.

Sie haben gerade das Stichwort "zukunftsweisend" genannt. Es gibt auch den "Literatur-Online-Fonds". Warum braucht es für Online-Medien eine spezielle Unterstützung? 

Nina George: Erstaunlicherweise sind wir in der digitalen Evolution an einem Punkt angekommen, an dem sich die meisten Menschen daran gewöhnt haben, dass Veröffentlichungen im Internet frei zugänglich sind. Wir müssen einen Konsens entwickeln, denn es ist eine künstlerische und technische Leistung, die dort erbracht wurde, damit Inhalte online zugänglich sind. Wir müssen das bezahlen.

Die Schriftstellerin Nina George © Helmut Henkensiefken/FinePic München Foto: Helmut Henkensiefken

"Bücher sind das Gegenstück zum Twitter-Gewitter"

NDR Kultur - Journal -

Die Schriftstellerin Nina George ruft die Buchbranche auf, sich in Zeiten von Corona mit Autorinnen und Autoren zu solidarisieren und unterstützt eine Petition für eine Soforthilfe.

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Auch die ARD Kulturradios unterstützen Autorinnen und Autoren im Rahmen des ARD Radiofestivals vom 18. Juli bis zum 12. September werden immer von Montag bis Freitag um 23 Uhr fünf Reisegeschichten von insgesamt 40 Autorinnen und Autoren zu hören seien. Viele Prominente, aber auch bislang weniger bekannte Schriftstellerinnen und Schriftsteller, wie Frank Schulz und Feridun Zaimoglu zum Beispiel oder auch Kerstin Preiwuß und Lisa Chrysler sind darunter. Die gesammelten 40 Erzählungen stehen dann zwölf Monate lang zum Download bereit auf www.ardradiofestival.de und in der ARD Audiothek.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal Gespräch | 24.06.2020 | 19:00 Uhr

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