Doris Granz © Doris Granz

"Pay the Artist": Initiative fordert faire Bezahlung für Künstler

Stand: 08.07.2021 16:33 Uhr

Für das Ausstellen in öffentlichen Museen bekommen Künstlerinnen und Künstler oft gar kein Geld. Das soll sich ändern, findet die Initiative "Pay the Artist", die die Malerin Doris Granz aus Schleswig-Holstein mitbegründet hat.

Doris Granz © Annette Nickel Foto: Annette Nickel
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Frau Granz, wie funktioniert das, wenn eine Künstlerin, ein Künstler ausstellt? Nicht in einer Galerie, die von vornherein auch kommerziell ausgerichtet ist, sondern anderswo, zum Beispiel in einem Museum?

Doris Granz: Wenn es schlecht läuft, dann werden alle bezahlt, nur nicht der Künstler. Es gibt ein Gerechtigkeitsgefühl dafür, dass die Caterer, die Redner, die Musiker, die Grafiker bezahlt werden. Aber bei den Künstlern denkt man oft, es reicht, dass man ihnen die Möglichkeit gibt, sichtbar zu sein.

Trotzdem ist es - gerade für noch nicht bekannte Künstler - ganz wichtig, in einem Museum ausgestellt zu werden, um wahrgenommen zu werden, richtig?

Granz: Das ist richtig. Und die wenigsten Ausstellungen von Künstlerinnen und Künstlern von der breiten Masse finden im Museum statt. Deshalb ist es sehr attraktiv, dort auszustellen. Und trotzdem muss fair gehandelt werden, auch im Museum.

Was soll Ihrer Meinung nach genau bezahlt werden? Was ist das zum Beispiel für ein Aufwand, der von den Künstlern gemacht wird?

Granz: Wir setzen uns für die Zurverfügungstellung der Arbeiten im Rahmen von Ausstellungen in der bildenden Kunst ein, dass die Werke genutzt werden, dass also das Urheberrechtliche vergütet wird. Der andere Bereich betrifft die Planung und die Organisation, also alles, was mit einer Ausstellung verbunden ist: die Konzepte, die Recherche, es werden oft Reden gehalten, oder es finden im Rahmen der Ausstellung Künstlergespräche statt.

Was meistens schon beachtet wird, sind die Kosten für Auf- und Abbau und für den Transport. Da ist das Bewusstsein schon da. Und dennoch ist es verrückt, dass 62 Prozent der Künstler angeben, dass ihre Aufwandsentschädigungen nicht kostendeckend sind. Meistens ist eine Ausstellung ein Verlustgeschäft. Das hat eine repräsentative Umfrage vom Bundesverband Bildender Künstler ergeben, die letztes Jahr durchgeführt wurde.

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Wie sollen die Künstler bezahlt werden? Der Bundesverband Bildender Künstler (BBK) hat dafür Leitlinien erstellt. Welches Gerüst legen Sie da zugrunde? Gibt es ein Vergütungsmodell. Wie kann man eine Ausstellung überhaupt berechnen?

Granz: Der BBK hat eine Leitlinie "Ausstellungsvergütungen 2021" herausgegeben. Dort kann man sich anhand von Musterverträgen orientieren, wie man verhandeln kann. Man sollte darauf achten, dass Eröffnungsreden, Führungen, Diskussionen, Konzeptionen, Auf- und Abbau, Transport vergütet werden. Es geht in der heutigen Kunst um vielfältige Ausdrucksweisen. Wir denken da auch an Performance, Aktionen, Installationen und Videofilme.

Museen haben oftmals nicht das große Geld: Es gibt einen Ankaufsetat, es muss Geld bezahlt werden für Betriebskosten, für Personal. Woher soll das zusätzliche Geld für die Ausstellungsvergütung kommen?

Granz: Die Idee ist, dass wir Vereinbarungen brauchen, also öffentliche Budgets, die diese faire Vergütung gewährleisten. Generell ist auch die Frage, wie der Kulturhaushalt ausgestattet wird. Das ist oftmals eine Frage des politischen und sozialen Willens. Was plant man ein in einem Kulturhaushalt?

Halten Sie es für möglich, dass Museen, wenn diese Ausstellungsvergütung weiter diskutiert werden sollte, weniger Ausstellungen planen?

Granz: Ja, das könnte passieren, und das ist auch schade. Andererseits geht es nicht, dass man Ausstellungen plant und die Ausstellungsvergütung nicht mit einrechnet. Jeder, der Ausstellungen macht, muss damit rechnen, die Künstler fair zu bezahlen. Vielleicht muss mancher Kunstverein überlegen, ob er wirklich sechs Ausstellungen macht. Vielleicht macht er dann lieber nur fünf, aber bezahlt die Künstler dafür angemessen.

Sie hatten im Mai eine Web-Konferenz zum Thema "Vergütung künstlerischer Praxis", zu der Sie auch Politikerinnen und Politiker eingeladen haben. Welche Signale haben Sie aus der Politik bekommen?

Granz: Wir hatten Politiker von der kommunalen Länderebene und von der Bundesebene eingeladen. Es gibt viele Politiker unterschiedlicher Parteien, die das Anliegen mittragen und befürworten und in ihrem Bereich umsetzen. Generell ist das Problem, dass es im Bundestag zurzeit keine Mehrheit gibt. Wir wünschen uns ja letztendlich die Verankerung eines Anspruchs auf Ausstellungsvergütung im Urheberrecht. Das langfristige Anliegen ist, dass man diese Leitlinie gar nicht braucht, dass man nicht verhandeln muss, sondern dass es klar ist, dass es dafür einen Anspruch gibt. Dafür möchten wir die Politiker sensibilisieren. Und wir möchten auch fordern, dass das gezahlt wird.

Das Interview führte Claudia Christophersen.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 08.07.2021 | 18:00 Uhr