Papiermangel: Wie geht die Verlagsbranche damit um?

Stand: 07.12.2021 14:22 Uhr

Der Buchmarkt leidet weltweit unter Papiermangel. Gerade vor Weihnachten macht das die Buchbranche nervös. Wie geht sie damit um? Ein Gespräch mit dem Göttinger Verleger Thedel von Wallmoden vom Wallstein Verlag.

Bücher © picture alliance/dpa Foto: Sebastian Gollnow
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Herr von Wallmoden, wie ist die die Lage in Ihrem Verlag? Spüren Sie die Probleme, haben Sie Produktionsschwierigkeiten?

Thedel von Wallmoden: Wir haben tatsächlich zum ersten Mal in den vielen Jahren, die ich mich schon in dieser Branche bewege, eine Situation, dass Papier knapp ist. Die gute Nachricht ist: Für das Gros der Bücher, die wir machen, werden sogenannte Werkdruckpapiere verwendet, diese leicht gelblichen Papiere, die unter Kunstlicht nicht so sehr blenden. Diese Papiere für unsere literarischen und wissenschaftlichen Bücher sind in ausreichendem Maße vorhanden. Sehr eng ist die Lage bei den sogenannten gestrichenen Papieren, Papiere für Kunstdruck, für Bilderdruck. Die sind extrem knapp geworden.

Der Verleger Thedel von Wallmoden im Porträt. © dpa Foto: Sebastian Kahnert
2020 kürte das Branchenmagazin "BuchMarkt" Thedel von Wallmoden vom Göttinger Wallstein Verlag zum Verleger des Jahres.

Das Statistische Bundesamt hat Zahlen vorgelegt: Die Produktion von sogenanntem grafischen Papier, also Papier zum Beschreiben, Bedrucken, Kopieren, ist in den letzten zehn Jahren um fast ein Drittel eingebrochen. Genau dieses Papier aber brauchen Sie ja, oder?

Von Wallmoden: Die Gesamtmenge des in Deutschland verarbeiteten oder produzierten Papiers ist in etwa gleich geblieben. Die grafischen Papiere sind um ein Drittel eingebrochen, das heißt, auch die Produktionskapazitäten sind weiter und weiter abgesenkt worden. Gleichzeitig hat sich der Anteil der Papiere, die für Verpackungen verwendet werden, im Bedarf der letzten zehn Jahre verdreifacht. International gesehen bewirkt das in den Lieferketten, dass der Zellulosebedarf weltweit gestiegen ist. Zellulose wird im Wesentlichen aus Eukalyptusbäumen gewonnen, das nur in bestimmten Klimaregionen wächst, und Kiefern. Durch die Situation der Pandemie gibt es international einen viel größeren Zellulosebedarf, um Verpackungen für den Versand von allen möglichen Artikeln produzieren zu können. Das übt einen Druck auf den Zellulosemarkt aus, und in Zusammenwirkung mit den Kapazitätsverschiebungen in der deutschen Papierproduktion haben wir jetzt diese Engpässe.

Woran liegt es genau, dass dieser Papiermangel zu diesem Zeitpunkt so gravierend ist?

Von Wallmoden: Der Zellulosebedarf zur Herstellung von Versandpappen ist exponentiell gewachsen - bei gleichzeitigem strukturellen Kapazitätsabbau für grafische Papiere in Deutschland. Diese Dinge spielen zusammen. Man kann jetzt nicht so schnell umrüsten, beziehungsweise die Papierhersteller haben bei dem starken Nachfragedruck der Versandpapiere und Versandpappen Kapazitäten aufgebaut, die uns nun in den grafischen Papieren für Buch und Zeitungsdruck fehlen.

Ich sehe das allerdings nicht als eine langfristige Krise an, denn der Rohstoff ist im Prinzip vorhanden, und auch die weltweiten Möglichkeiten, Zellulose zu produzieren, können gesteigert werden. Wir werden damit sicher nicht lange zu tun haben. Aber die Zeiten, in denen wir mit sehr stabilen, langfristig geltenden Papierpreisen umgehen konnten, scheinen erst mal durch diese Entwicklung durcheinander gebracht zu werden. Das ist natürlich ein Problem, weil wir mit einem großen zeitlichen Vorlauf unsere Bücher ankündigen und auch schon Preise nennen, von denen wir nicht so richtig wissen, ob wir sie halten können, weil sich die dahinterliegenden Produktionsbedingungen kostenseitig massiv verändern.

Seit 1986 gibt es den Wallstein Verlag. Haben Sie in dieser Zeit über Alternativen zum Papier nachgedacht? Was käme da in Frage?

Von Wallmoden: Die Gründung des Wallstein-Verlags hat eigentlich mit dem Beginn der Digitalisierung in der ganzen Gutenberg-Galaxie zu tun. Wir waren mit die ersten, die in Deutschland mit dem Computer Bücher gesetzt haben. Das heißt, digitale Inhalte waren von Anfang an auf unserer Agenda. Das Thema ist in den Jahren viel wichtiger geworden, und gleichzeitig sehen wir, dass die Erwartungen, die man in diese Märkte hatte, sich nicht ganz erfüllt haben. Eine Zeit lang dachten wir, dass der Hörbuchmarkt das gedruckte Buch zumindest zu Teilen ersetzen würde. Das ist nicht eingetreten. Hörbücher bilden heute einen Anteil von kaum vier Prozent am Gesamtumsatzvolumen der Buchbranche. Vor ein paar Jahren dachten wir, dass der Umsatz mit digitalen Inhalten sehr schnell deutlich zweistellig sein würde, vielleicht sogar ein Viertel des gesamten Marktvolumens einnehmen würde. Auch das ist nicht eingetreten. Zum Beispiel dachte ich, dass Leser von Gedichten sehr schnell ins elektronische Medium wechseln würden. Aber der Markt zeigt etwas ganz anderes: Lyrik-Leserinnen und -Leser wollen erstaunlicherweise gedruckte Bücher haben. Es mag mit dem Medium selbst zu tun haben, mit unseren Lese- und Aneignungsprozessen, mit der topografischen Anordnung von Texten in der Fläche und im Umgang mit dem Buch, das man blättert, dass man weiß, ob man etwas weiter, vorne oder weiter hinten im Buch gelesen hat.

Das Gespräch führte Claudia Christophersen

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 07.12.2021 | 18:00 Uhr

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