Stand: 08.04.2020 12:53 Uhr  - NDR Kultur

Pandemien in der Musik

von Marcus Stäbler

Das Lied "Zusammenstehen" des Songwriters Sebel über menschlichen Zusammenhalt in der Krise hat über zwei Millionen Klicks auf dem Videokanal Youtube; mehr als drei Millionen Mal wurde der Song "Ein Lied für Jetzt" von der Band Die Ärzte bisher aufgerufen. Der gesellschaftliche Ausnahmezustand spiegelt sich in der Musik - wie auch schon in früheren Zeiten. Ein Blick auf die Pandemien der Vergangenheit und ihre Spuren in der Musikgeschichte.

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Die Pestepidemien in Europa lösten Angst und Verunsicherung aus, was sich in der Musik u.a. in Dissonanzen ausdrückte. Zahlreiche Darstellungen, wie dieser Ausschnitt des Lübecker Totentanzes, zeugen ebenfalls davon.

Mitte des 14. Jahrhunderts hat die Pest die Welt im Würgegriff. 25 Millionen Menschen sterben innerhalb von sieben Jahren alleine in Europa, ein Drittel der gesamten Bevölkerung. Die Allgegenwart des "Schwarzen Todes" schlägt sich im Bild vom Totentanz nieder: Dort umgarnt und verführt der Tod die Lebenden mit Musik und Tanz, bis sie sich ihm ergeben. Niemand kann ihm entrinnen - das ist eine der bitteren Botschaften der mittelalterlichen Pestpandemie.

Dissonanzen als Ausdruck von Verunsicherung durch die Pest

Diese Idee vom Totentanz - ein Topos der Literatur und der Bildenden Kunst - hat viele Komponisten inspiriert, vor allem im 19. und 20. Jahrhundert. Hugo Distlers Totentanz gehört ebenso zu den bekanntesten Werken wie die Stücke mit dem Titel "Danse macabre" von Franz Liszt und Camille Saint-Saëns.

Das musikalische Nachbeben der Pest beschränkt sich jedoch nicht auf das Bild vom Totentanz. Guillaume de Machaut, einer der größten Dichter und Komponisten des 14. Jahrhunderts, irritiert in seiner Musik mit herben Dissonanzen und bricht mit vielen Regeln seiner Zeit - womöglich als musikalischer Ausdruck von Angst und Verunsicherung durch die Pest, die er selbst miterlebte.

Benevolis Messe uraufgeführt hinter verschlossenen Türen

Auch in späteren Jahrhunderten wütete die schwarze Seuche in Teilen von Europa - das hat in verschiedenen Gattungen und auf verschiedenen Ebenen seine Spuren in der Musik hinterlassen. So spielt etwa die Handlung von Halévys Oper "Guido et Ginevra ou la Peste de Florence" im Jahr 1552; Dort soll ein Mord durch einen vergifteten Schleier als Folge der Pest vertüncht werden.

Rund hundert Jahre danach wurde die ewige Stadt Rom von der Pest bedroht. Um die Katastrophe durch die Kraft der Musik abzuwenden, beauftragte Papst Alexander VII Orazio Benevoli mit der Komposition einer Messe. Diese "Missa in angustia pestilentiae" von Benevoli erlebte ihre Uraufführung im Jahr 1656 hinter den verschlossenen Türen des Petersdoms.

Sinnsuche in Zeiten gesellschaftlichen Umbruchs

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HIV und die Krankheit AIDS brachten Ende des 20. Jahrhunderts wieder Ängste einer Pandemie in die Gesellschaft.

So wie die Pest in Mittelalter und Renaissance, fanden auch die Pandemien der jüngeren Neuzeit ihren Nachhall in der Musik. Das gilt etwa für die spanische Grippe, die ab 1918 in zwei Wellen viele Millionen Menschenleben forderte. Der polnische Komponist Karol Szymanowski war auch an der Grippe erkrankt, überlebte sie jedoch und begann während dieser Zeit die Arbeit an seiner Oper "König Roger". Sie erzählt von der Selbstfindung des mittelalterlichen Königs Roger II, zwischen Rausch, Religion und Sittenstrenge. Eine autobiografisch gefärbte Sinnsuche in einer Zeit der tiefen gesellschaftlichen und persönlichen Verunsicherung. Das Drama, so schrieb Szymanowski, "stand mir in einer schlaflosen Spanische-Grippe-Nacht plötzlich vor Augen."

Eötvös spiegelt Endzeitängste vor HIV und AIDS

Am Ende des 20. Jahrhunderts brachten HIV und die Krankheit AIDS wieder die Endzeitängste einer Pandemie in die Welt. In seiner Oper "Angels in America" - nach dem gleichnamigen Schauspiel von Tony Kushner - hat der Komponist Peter Eötvös die verschiedenen Facetten des Themas eindringlich in Töne gekleidet und daraus ein zeitloses Stück Musiktheater gemacht. So wie das Libretto Realität und Halluzination, Leidenschaft, Leid und Humor zu einer Erzählung verschmilzt, so verzahnt Eötvös Elemente aus Moderne, Jazz, Rock, Musical und Geräuschcollagen zu einer universalen Klangsprache. In einem Stück, das bei aller Tragik, doch zu einem beinahe glücklichen Ende findet und damit auch für die aktuelle Corona-Krise Mut machen kann.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 08.04.2020 | 19:00 Uhr

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