Stand: 22.04.2020 16:16 Uhr

Pandemie als Thema auf der Theaterbühne

von Katja Weise

Wie geht die Kunst mit dem Phänomen der Pandemie um? Auch das Theater kennt Pandemie als Thema für die Bühne - ganz direkt, als Katalysator für fundamentale Fragestellungen oder als Metapher.

Theater ist ein Geschenk, das dachte man schon im alten Rom. Dort fanden 364 v. Christus erste Theateraufführungen statt - als Dank und Opfergabe, nachdem eine Seuche die Stadt heimgesucht hatte. Das Theater erzählt vom "Davor" und "Danach", selten aber davon, wie eine Epidemie sich entwickelt.

Krisen und Pandemien stellen fundamentale Fragen

Szene aus der Inszenierung "Angels in America" am Thalia Theater Hamburg: Ein Mann auf dem Krankenbett, neben ihm ein Tropf und ein Pfleger in Handschuhen und siebenstrahliger Krone der Freiheitsstatue. © picture alliance / Christian Fürst Foto: Christian Fürst
Matthias Leja (r.) und Enest Allen Hausmann (Belize) in Tony Kushners Drama "Engel in Amerika" in der erfolgreichen Inszenierung des Hamburger Thalia Theaters.

Eine Ausnahme stellt Tony Kushners mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnetes Stück "Angels in America" dar, das sich mit der Ausbreitung von Aids in den 1980er Jahren befasst. 2015 hat Bastian Kraft "Engel in Amerika" als groß angelegtes Panorama einer Zeitenwende am Hamburger Thalia Theater auf die Bühne gebracht.

Erst im vergangenen Jahr kam das Stück dann am Theater Lübeck heraus. Der Regisseur Marco Štorman erklärt seinen Ansatz so: "Wenn es ein Thema unserer Zeit gibt, dann dieses: Müssen wirklich alle funktionieren, um in dieser Leistungsgesellschaft eine vermeintliche Rolle zu spielen?"

Metapher für den Zustand einer Gesellschaft

Wer spielt eine Rolle, welche Rolle und was sagt diese über das menschliche Miteinander aus? In seinem Roman "Die Stadt der Blinden" beschreibt der portugiesische Literaturnobelpreisträger José Saramago die schleichende Erblindung einer Gesellschaft, für die es keine Erklärung und kein Heilmittel gibt.

Vor gut einem Jahr hatte Kay Voges multimediale Adaption des Romans Premiere am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg. Ein apokalyptischer Trip, der die Möglichkeiten des Theaters voll ausschöpfte - und bei manchen Zuschauern die Grenzen der Belastbarkeit aufzeigte. Fast immer dient die Krankheit - wie hier - als Metapher für den Zustand einer Gesellschaft.

Kritik am pandemiegleich um sich greifenden Systemdenken

So auch in Eugène Ionescos 1959 uraufgeführtem Stück "Die Nashörner". In den letzten Jahren war es an verschiedenen Theatern in Norddeutschland zu sehen, unter anderem in Göttingen. Nach und nach verwandeln sich alle Menschen in Nashörner, nur einer bleibt Mensch - und ist damit ein Außenseiter in einer Gesellschaft von Dickhäutern.

Geschichten vom Leben und der Liebe in Zeiten der Pest

Vielfach hat auch Boccaccios "Decamerone" seinen Weg auf die Bühne gefunden. Hier treffen sich Menschen, die vor der Pest geflüchtet sind und erzählen sich gegenseitig Geschichten - vom Leben und von der Liebe. Am Deutschen Theater in Berlin hat der russische Regisseur Kirill Serebrennikov zehn Geschichten aus dem "Decamerone" kurz vor dem Shutdown auf die Bühne gebracht. Jetzt gibt es nur noch einen Trailer online. Das öffentliche Spiel ist eingestellt. Wenn es endlich wieder losgeht, ist das ein Geschenk.

"Decamerone" am Deutschen Theater Berlin
Screenshot Trailer zu "Decamerone" am Deutschen Theater Berlin: Umrisse eines Mannes auf der Bühne, Titel und Regieangaben © Deutsches Theater Berlin

Decamerone auf der Bühne des Deutschen Theaters Berlin

Bis auf weiteres ist nur der Trailer zu sehen - die "Decamerone" des Deutsche Theater Berlin in einer Inszenierung von Kirill Serebrennikov extern

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 22.04.2020 | 19:00 Uhr

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