Stand: 08.04.2020 16:53 Uhr  - NDR Kultur

Auf den Spuren von Pest und AIDS in der Musik

von Marcus Stäbler

Das Lied "Zusammenstehen" des Songwriters Sebel über menschlichen Zusammenhalt in der Krise hat über zwei Millionen Klicks auf Youtube; mehr als drei Millionen mal wurde der Song "Ein Lied für Jetzt" der Band "Die Ärzte" bisher aufgerufen. Der gesellschaftliche Ausnahmezustand spiegelt sich in der Musik - wie auch schon in früheren Zeiten. Über Pandemien der Vergangenheit und ihre Spuren in der Musikgeschichte.

Bild vergrößern
Bernt Notkes Totentanz, 1463 unter dem Eindruck der Pest entstanden, inspirierte Hugo Distler zu seiner musikalischen Verarbeitung der Pest.

Mitte des 14. Jahrhunderts hat die Pest die Welt im Würgegriff. 25 Millionen Menschen sterben innerhalb von sieben Jahren alleine in Europa, ein Drittel der gesamten Bevölkerung. Die Allgegenwart des "Schwarzen Todes" schlägt sich im Bild vom Totentanz nieder: Dort umgarnt und verführt der Tod die Lebenden mit Musik und Tanz, bis sie sich ihm ergeben. Niemand kann ihm entrinnen - das ist eine der bitteren Botschaften der mittelalterlichen Pestpandemie.

Der Totentanz in der Musik

Diese Idee vom Totentanz - ein Topos der Literatur und der Bildenden Kunst - hat viele Komponisten inspiriert, vor allem im 19. und 20. Jahrhundert. Hugo Distlers Totentanz gehört ebenso zu den bekanntesten Werken wie die Stücke mit dem Titel "Danse macabre" von Franz Liszt und Camille Saint-Saëns.

Bild vergrößern
Die Buchmalerei von 1584 zeigt Guillaume de Machaut (um 1300-1377): Der Dichter empfängt die Personifikation der Natur, die ihm Gefühl, Rhetorik und Musik vorstellt.

Das musikalische Nachbeben der Pest beschränkt sich jedoch nicht auf das Bild vom Totentanz. Guillaume de Machaut, einer der größten Dichter und Komponisten des 14. Jahrhunderts, irritiert in seiner Musik mit herben Dissonanzen und bricht mit vielen Regeln seiner Zeit - womöglich als musikalischer Ausdruck von Angst und Verunsicherung durch die Pest, die er selbst miterlebte.

Der schwarze Tod verschont auch die schönen Künste nicht

Bild vergrößern
Glück im Unglück: Der Erfinder des Melophons überzeugte Komponist Fromental Halévy, dem neuen Instrument eine Solopartie in seiner Pest-Oper "Guido et Ginevra" schreiben.

Auch in späteren Jahrhunderten wütete die schwarze Seuche in Teilen von Europa - das hat in verschiedenen Gattungen und auf verschiedenen Ebenen seine Spuren in der Musik hinterlassen. So siedelt Fromental Halévy seine 1838 uraufgeführte Oper "Guido et Ginevra ou la Peste de Florence" im Jahr 1552 an, in der ein Mordversuch mittels eines mit der Pest infizierten Schleiers misslingt und das Liebespaar Guido und Ginevra allen Widerständen zum Trotz doch noch zueinander findet.

Rund hundert Jahre danach wurde die ewige Stadt Rom von der Pest bedroht. Um die Katastrophe durch die Kraft der Musik abzuwenden, beauftragte Papst Alexander VII Orazio Benevoli mit der Komposition einer Messe. Diese "Missa in angustia pestilentiae" von Benevoli erlebte ihre Uraufführung im Jahr 1656 hinter den verschlossenen Türen des Petersdoms.

Endzeitängste, Sinnsuche und die Chance auf ein gutes Ende

Bild vergrößern
Der polnische Komponist Karol Maciej Szymanowski (1882 - 1937) war der bedeutendster Vertreter der Komponistengruppe Junges Polen um 1900.

So wie die Pest in Mittelalter und Renaissance fanden auch die Pandemien der jüngeren Neuzeit ihren Nachhall in der Musik. Das gilt etwa für die spanische Grippe, die ab 1918 in zwei Wellen viele Millionen Menschenleben forderte. Der polnische Komponist Karol Szymanowski war auch an der Grippe erkrankt, überlebte sie jedoch und begann während dieser Zeit die Arbeit an seiner Oper "König Roger". Sie erzählt von der Selbstfindung des mittelalterlichen Königs Roger II, zwischen Rausch, Religion und Sittenstrenge. Eine autobiografisch gefärbte Sinnsuche in einer Zeit der tiefen gesellschaftlichen und persönlichen Verunsicherung. Das Drama, so schrieb Szymanowski, "stand mir in einer schlaflosen Spanische-Grippe-Nacht plötzlich vor Augen."

Bild vergrößern
Tony Kushner und die Besetzung von "Angels in America" erhalten bei den 72. Tony Awards in New York 2018 die Auszeichnung für das beste Revival-Bühnenstück.

Am Ende des 20. Jahrhunderts brachten HIV und die Krankheit AIDS wieder die Endzeitängste einer Pandemie in die Welt. In seiner Oper "Angels in America" - nach dem gleichnamigen Schauspiel von Tony Kushner - hat der Komponist Peter Eötvös die verschiedenen Facetten des Themas eindringlich in Töne gekleidet und daraus ein zeitloses Stück Musiktheater gemacht. So wie das Libretto Realität und Halluzination, Leidenschaft, Leid und Humor zu einer Erzählung verschmilzt, so verzahnt Eötvös Elemente aus Moderne, Jazz, Rock, Musical und Geräuschcollagen zu einer universalen Klangsprache. In einem Stück, das, bei aller Tragik, doch zu einem beinahe glücklichen Ende findet und damit auch für die aktuelle Corona-Krise Mut machen kann.

 

Pandemien in der Kunst

Der Pandemie-Film: Klassiker und Raritäten des Genres

In der Kinogeschichte zeichnen viele Filme das Szenario einer Pandemie: Ein Überblick von Otto Ripperts "Die Pest in Florenz" von 1919 bis zu Steven Soderberghs "Contagion". mehr

Pest und Seuchen in der Bildenden Kunst

Die Pest zieht sich seit Jahrhunderten durch die Geschichte der Menschheit. Sie wurde Thema der Literatur und fand auch Eingang in die Bildende Kunst und die Architektur. mehr

Weitere Informationen

Pest, Cholera, Corona: Quarantäne im Wandel der Zeit

Seit Jahrhunderten ist Isolation das Mittel der Wahl, um grassierende Krankheiten einzudämmen. Je weiter man in die Vergangenheit blickt, desto empfindlicher waren die Härten einer Quarantäne. mehr

Als die Pest den Tod nach Hamburg brachte

1712 breitet sich in ganz Norddeutschland wieder die Pest aus. Es wird der schlimmste Ausbruch in der Neuzeit: Allein in Hamburg sterben mehr als 10.000 Menschen. mehr

Musik - Von Jazz über Klassik, bis Weltmusik

Herausragende Konzerte im Norden, CD-Besprechungen, Künstlerporträts, Neues von NDR Orchestern und Chor oder der NDR Bigband sowie Musiksendungen des NDR, die Sie nicht verpassen sollten. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 09.04.2020 | 19:00 Uhr

NDR Logo
Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: https://www.ndr.de/kultur/Pandemien-in-der-Kunst-Musik,pandemie116.html

Mehr Kultur

115:30
NDR Fernsehen