Stand: 11.02.2020 11:29 Uhr  - NDR Kultur

Oscar-Gewinner "Parasite": "Absolutes Meisterwerk"

Bei der diesjährigen Oscar-Verleihung in Los Angeles gab es einen großen Überraschungssieger: Der südkoreanische Film "Parasite" hat als erster nichtenglischsprachiger Streifen in der Kategorie "Bester Film" den Oscar gewonnen. Darüber hinaus die Auszeichnung für das beste Originaldrehbuch, die beste Regie und den besten nichtenglischsprachigen Film. Ein Gespräch mit der Filmkritikerin Katja Nicodemus.

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Waren Sie über den Triumph des Films genauso begeistert wie das Publikum im Saal?

Katja Nicodemus: Ja, mir ist die Kinnlade heruntergefallen. Ich habe nicht damit gerechnet, dass dieser Film so abräumen würde und dann auch den Oscar für den besten Film gewinnen würde. Erst einmal war es eine Überraschung, dass die Hollywood-Ikone Jane Fonda auf der Bühne den Gewinner verkündet hat. Und kaum hatte ich mich an Fonda gewöhnt, kam dann dieser Schock mit "Parasite" - der dann umschlug in eine große Freude für diesen Regisseur.

Was bedeutet der Oscar-Triumph von "Parasite" für das südkoreanische Kino? Was macht diese Kinematografie in diesem Land so besonders?

Nicodemus: Das südkoreanische Kino ist schon seit einigen Jahren auf allen großen Festivals vertreten, und seit Jahren räumen dort Regisseure wie Bong Joon Ho, Park Chan Wook, Lee Chang Dong oder Kim Ki Duk Preise ab. Das Tolle an diesem Kino ist, dass es auf einzigartige Weise sein Land reflektiert. Südkorea ist eine wahnsinnige Kino-Nation mit 50 Millionen Einwohnern - und allein dieser Film hat zehn Millionen Besucher gehabt. Die Leute strömen ins Kino, weil es den Turbokapitalismus dieses Landes auf so brutale Weise reflektiert - aber auch die verdrängte oder kaum aufgearbeitete Gewaltgeschichte der südkoreanischen Militärdiktaturen. Diese Gewalt ist ein Markenzeichen des südkoreanischen Kinos geworden. Auch "Parasite" hat ein, gelinde gesagt, turbulentes, sehr blutrünstiges Finale. Dieser Klassenkampf in "Parasite" steht für die Meisterschaft dieses südkoreanischen Kinos, in Genrefilmen unsere Zeit und ihre brachialen Widersprüche darzustellen.

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Es gab ganz starke Konkurrenz, darunter "Marriage Story" von Noah Baumbach oder "The Irishman" von Martin Scorsese. Wie lässt sich die Tatsache deuten, dass diese Filme fast leer ausgegangen sind?

Nicodemus: Man kann sagen, dass dieser Preisregen für "Parasite" auch eine Entscheidung gegen Netflix war. Dass Noah Baumbachs Scheidungsdrama "Marriage Story" und Martin Scorseses Mafiaabgesang "The Irishman" so leer ausgegangen sind, hängt mit einer Entscheidung gegen das Streamen und für die große Leinwand zusammen. Aber auch innerhalb dieser Parameter muss man sagen, dass "Parasite" ein absolutes Meisterwerk ist, das diesen anderen Filmen mindestens ebenbürtig ist. Es ist die Geschichte einer Familie aus der Unterschicht, die eine neureiche Familie aus der Oberschicht infiltriert. Als Haushälterin, als Chauffeur, als Nachhilfelehrer übernehmen diese Armen das Regiment bei den Reichen. Der Film erzählt auf sehr brutale, aber auch auf unterhaltsame und humorvolle Weise von diesem Klassenkampf.

Beste Hauptdarstellerin wurde Renée Zellweger für ihre Darstellung von Judy Garland in dem Film "Judy", bester Darsteller wurde Joaquin Phoenix für die Rolle des "Joker". Haben die beiden verdientermaßen gewonnen?

Nicodemus: Ich hätte Scarlett Johansson für ihre Hauptrolle in "Marriage Story" den Preis gegeben, weil sie so wahnsinnig gut spielt - und das so beiläufig. Das ist ein Scheidungsdrama, was uns exemplarisch die Etappen vorstellt, die gefühlsmäßigen Stadien, durch die ein Paar hindurchgeht. Scarlett Johansson gelingt es, diese Stadien zu spielen, ohne dass sie sie ausspielt oder vorstellt. Die hätte den Oscar für mich verdient. Aber ich verstehe auch die Oscar-Logik, warum jemand wie Renée Zellweger gewonnen hat. Natürlich feiert sich Hollywood mit dieser Darstellung der Judy Garland auch selbst. Es war ein Comeback von Renée Zellweger, und sie spielt eine Karriere zwischen Glanz und Absturz - so etwas liebt Hollywood. Aber Scarlett Johansson wird noch ihre Chance haben.

Auf der anderen Seite galt Joaquin Phoenix schon als Favorit. "Joker" ist die Geschichte eines Psychopathen, der zum Volkshelden wird. Das ist ein Film, der ganz anders ist, der moderne Dissonanzen hat, der einen Außenseiter-Helden aufweist, der ganz verstört und gebrochen ist. Und in dieser Kombination fand ich es wieder gut.

Was war für Sie der schönste und bewegendste Moment dieser 92. Oscar-Nacht?

Nicodemus: Ich fand die Dankesrede von Brad Pitt beeindruckend. Er hat den Preis des besten Nebendarstellers für seine Rolle in "Once Upon A Time In Hollywood" bekommen, und er hat eine zart politisierte Rede gehalten. Er hat auf die 45 Sekunden Redezeit angespielt und hat die verglichen mit der nicht vorhandenen Redezeit von Donald Trumps Sicherheitsberater John Bolton im amerikanischen Senat. Man weiß ja, dass Brad Pitt politisch sehr engagiert ist. Gleichzeitig ist es ihm noch gelungen, in dieser Rede den Bogen zu spannen zu seinem "Märchen": Er hat sich erinnert und bedankt für seine erste Rolle in Ridley Scotts "Thelma und Louise", wo er so eine Art Sexobjekt gespielt hat. Und das in dieser kurzen Rede zu vereinen, das war ein ganz großer Auftritt.

Das Interview führte Jürgen Deppe

Der südkoreanische Regisseur und Autor Bong Joon Ho hält in Los Angeles die vielen Oscars für seinen Film "Parasite" im Arm - unter anderem die für den "besten Film" © Richard Shotwell/ /Invision / AP/ dpa bildfunk Foto: Richard Shotwell

Oscar-Gewinner "Parasite": "Absolutes Meisterwerk"

NDR Kultur - Journal Gespräch -

Der südkoreanische Film "Parasite" hat als erster nichtenglischsprachiger Streifen in der Kategorie "Bester Film" den Oscar gewonnen. Filmkritikerin Katja Nicodemus ist begeistert.

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NDR Kultur | Journal | 10.02.2020 | 19:00 Uhr

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