Stand: 09.02.2020 15:56 Uhr  - NDR Kultur

Oscars: Wie sich Hollywood an alte Strukturen klammert

von Christiane Peitz

"And the Oscar goes to …", heißt es am 9. Februar wieder in Los Angeles. Bereits bei den Golden Globes war ein Siegeszug der Streaming-Dienste erwartet worden - doch es gewannen vielfach die traditionellen Hollywood-Studios. Wie wird es nun bei den 92. Academy Awards aussehen? Während Hollywood zunehmend auf Popcorn-Blockbuster setzt, werden hochwertige Werke von Regiestars wie Martin Scorsese von Streaming-Diensten realisiert und so fürchten auch die Kinos um ihre Zukunft. Zumal jetzt in Disney und Apple neue Wettbewerber auf den Streaming-Markt drängen, womit die Auseinandersetzung noch härter wird. Diese Frage ist kniffliger denn je zu beantworten: Welche Filme sind preiswürdig?

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Christiane Peitz leitet das Kulturressort des "Tagesspiegel" in Berlin.

Die Filmwelt erlebt gerade seltsame Zeiten. Einerseits wird dem ehemals mächtigen Hollywoodproduzenten Harvey Weinstein wegen Sexualstraftaten in New York der Prozess gemacht, auch Star-Schauspielerinnen sagen dieser Tage gegen ihn aus. Die MeToo-Bewegung zeigt Wirkung. Andererseits ist die bisherige amerikanische Filmpreis-Saison von harscher Kritik begleitet, weil kaum Werke von und über Frauen gewürdigt werden. Auch bei den Oscars ist alles wie gehabt: Bei der 92. Verleihung am 9. Februar gehen fast ausnahmslos Männer-Filme ins Rennen. Und das ist nur einer der merkwürdigen Widersprüche in diesen Tagen.

Oscar-Favoriten handeln nur von männlichen Themen

Als Top-Favorit für den Hauptpreis bei der Gala im Dolby Theatre am Hollywood Boulevard gilt "1917" von Sam Mendes, ein immersiver Kriegsfilm über die heroische Mission eines britischen Corporals im Ersten Weltkrieg. Es ist eine einzige, 119 Minuten lange, Plansequenz. Männliche Schlachtfelder, männliches Leid, männliche Heldentat, dazu ein Bravourstück der Kameratechnik von Roger Deakins: "1917" vereint zehn Nominierungen auf sich. Nachdem Sam Mendes bereits bei den Golden Globes und anderen wichtigen Verleihungen abgeräumt hat, mag kaum noch jemand dagegen wetten, dass er auch den Oscar als "Bester Film" gewinnt.

Der Oscar-Award © dpa

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Schon bei der Oscar-Verleihung 2019 gingen drei der begehrten Trophäen an Alfonso Cuaróns "Roma" - und damit an eine Netflix-Produktion. Welche Filme sind in diesem Jahr preiswürdig?

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Der "Joker" mit Joaquin Phoenix als psychotischem Freak auf Rachefeldzug gegen das Establishment, Martin Scorsese "The Irishman" mit Robert De Niro oder Quentin Tarantinos böse Sixties-Satire "Once Upon A Time In Hollywood", die den Retrolook schon im Titel trägt. Rückblick hat Konjunktur, die Selbstvergewisserung samt Beschwörung der guten alten Studiozeiten und der brancheneigenen, maskulinen Heldentaten. Wobei die amerikanischen Fachmagazine durchaus zu Recht darauf hinweisen, dass ein Oscar für Tarantino überfällig wäre, hat er doch den Mainstream mit seinen dreisten Arthouse-Produktionen revolutioniert.

Indem sie Academy Filme ehren, die ein größeres Publikum erreichen, sind die Oscars seit jeher ein Mittler zwischen Blockbustern und Autorenkino: Zwischen den "Star Wars"- und "Avengers"-Sequels und dem unabhängigen Film, den ausgerechnet ein Harvey Weinstein groß gemacht hat. Lange war der Oscar ein Verbündeter der aufgeschlossenen, bilderhungrigen Zuschauer. Deren Sehgewohnheiten haben sich deutlich verändert - Streaming-Abos sind gang und gäbe, gerade bei jenen, die überdurchschnittlich häufig ins Kino gehen.

24 Oscar-Nominierungen für Netflix-Filme

Streamingdienst-Produktionen sind bei den Kandidaten für die weltweit wichtigste Filmtrophäe durchaus vertreten, etwa Noah Baumbachs meisterliches Ehedrama "Marriage Story" mit Scarlett Johansson und Adam Driver oder die Vatikan-Tragikomödie "Zwei Päpste" mit Jonathan Pryce und Anthony Hopkins. Aber selbst Scorseses Netflixproduktion "The Irishman", eine bestürzend ehrliche Selbstreflexion und ein Abgesang auf das New Hollywood der 70er-Jahre, hatte bei den Preis-Galas in diesem Winter das Nachsehen gegenüber den Studiotiteln. Die Beharrungskräfte von Disney, Warner oder Universal sind groß. Dabei hält Netflix mit 24 Nennungen sogar den Oscar-Nominierungs-Rekord, gefolgt von Sony mit 20 Nennungen.

2019 ergab sich ein ähnliches Bild. Alfonso Cuaróns Netflix-Produktion "Roma", waschechte Filmkunst von einem mexikanischen Regisseur, durfte bei den Oscars als Bester Film antreten, gewann aber nur den Auslandspreis. Das gleiche Schicksal dürfte dieses Jahr das südkoreanische Drama "Parasite" ereilen. Aber wer weiß, Bong Joon Hos Psychothriller über die zunehmende soziale Spaltung zwischen Arm und Reich stammt wenigstens nicht von einem Streaming-Konkurrenten. Beim Filmfest Cannes, das den Plattformen die Teilnahme am Wettbewerb nach wie vor untersagt, gewann "Parasite" die Goldene Palme - und seitdem 150 weitere Auszeichnungen.

Die großen Player brauchen mehr Mut

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Die Filmwelt steht unter Druck. Sie hat sich globalisiert, diversifiziert, es gibt neue Player am Markt. Aber sie traut sich nicht, nach vorne zu schauen. Bei den Globes gewannen selbst in der Seriensparte die klassischen Sender und nicht Netflix, Amazon und Co. Wobei die Kampfansage an die Streaming-Plattformen gleich doppelt absurd erscheint. Zum einen, weil die großen Studios ihre Millionen-Dollar-Potenz nicht nutzen, um selber Risiken einzugehen. Ein Beziehungs-Kammerspiel ohne Action-Schauwert wie "Marriage Story"? Die Geschichte eines einfachen mexikanischen Dienstmädchens wie "Roma"? Da winken sie ab, während die Streamingdienste die Projekte eigenwilliger Regisseure wie Baumbach, Cuarón oder auch den Coen-Brüdern finanzieren. Gewiss will ein ebenfalls profitorientiertes Unternehmen wie Netflix damit vor allem sein kulturelles Prestige steigern, aber die Filmkunst profitiert im Moment erheblich davon.

In Deutschland arbeitet Netflix unter anderem mit Komplizen Film zusammen, der Berliner Produktionsfirma von "Toni Erdmann"-Regisseurin Maren Ade. Gleichzeitig boykottieren viele Arthouse-Kinos weiterhin die neuen, gerade für Arthouse so wichtigen Plattformen. Das gebetsmühlenartig vorgetragene Argument: Streamingdienste befördern das Kinosterben, weil sie die exklusive Erstauswertung neuer Werke durch die Filmtheater unterlaufen. Die Zuschauer strafen solche Befürchtungen Lügen: Wie gesagt, wer mehr streamt, geht auch mehr ins Kino. Es ist an der Zeit, die Regeln zu ändern.

Disney hat 2019 zehn Milliarden US-Dollar eingespielt

Die großen Studios fahren eine andere Strategie und setzen mitten in der Aufbruchstimmung auf immer größere Markt- und Markenmacht. Von den zehn weltweit erfolgreichsten Filmen 2019 stammen allein sieben aus dem Hause Disney. Gesamteinspielergebnis: über zehn Milliarden US-Dollar, die höchste Jahressumme der Filmgeschichte. Der Maus-Konzern hat in den vergangenen Jahren mit Pixar, Marvel Entertainment und Twentieth Century Fox etliche Konkurrenten aufgekauft und verfügt jetzt über einen immensen Filmstock, von Animationsklassikern wie "Bambi" und "Toy Story" bis zu den Megahits "Avatar" oder "Star Wars". Neben der Konkurrenz von Apple TV hat auch Disney inzwischen seinen eigenen Streamingdienst gestartet, der von März 2020 an auch in Deutschland abonniert werden kann. Der ganz große Verdrängungswettbewerb fängt gerade erst an.

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Der 77-jährige Altmeister Martin Scorsese setzt da lieber auf die Neuen. Marvel-Produktionen, schimpfte er kürzlich, seien keine Filme, sondern Themenparks, "perfekte Produkte", hergestellt zum schnellen Konsum. Für solche Actionspektakel brechen die Oscars schon länger keine Lanze mehr. Die Scheu vor anderen Stories, anderen Helden, vor allem vor mehr Heldinnen, ist dennoch groß. Es heißt gerne, das Kino bringe das kollektive Unbewusste ans Licht, die Ängste und Sehnsüchte einer Gesellschaft. Im Moment bringt es vor allem die brancheneigenen Ängste ans Licht.

Die Hoffnung stirbt zuletzt

Anders als mit Panik lässt sich die Zähigkeit kaum erklären, mit der die traditionellen Studios die alten Pfründe verteidigen. Insofern hängen die Marktstrukturen und die Machtverhältnisse zwischen Männer-Mehrheit und unterrepräsentierten Frauen und Minderheiten zusammen. Auf die "Oscars-SoWhite"-Kampagne folgt der "Oscars-SoMale"-Protest.

 

 

Die Sensibilität für mehr Diversität ist gestiegen, Quotenforderungen und Genderdebatten werden nicht länger einer radikalfeministischen Minderheit zugeschrieben, sie scheinen in der Mitte der Gesellschaft angekommen zu sein. Auch in Deutschland wurden runde Tische zusammengetrommelt, die Sender einigten sich auf freiwillige Selbstverpflichtungen, und für die Novelle des Filmfördergesetzes ist ein Gleichstellungs-Paragraf vorgesehen.

Keine Frau für den Regie-Oscar nominiert

Aber an den Zahlen ändert das bisher nichts. In den Spielfilmwettbewerben der fünf weltweit wichtigsten Festivals liegt der Regisseurinnen-Anteil bis heute bei nur 25 Prozent. Und in der Oscar-Sparte Regie tritt wieder mal keine einzige Frau an, dabei hätte es mit Greta Gerwig eine würdige Kandidatin gegeben. Wenigstens ist ihr Klassiker-Remake "Little Women" bei den "Besten Filmen" dabei.

Zur Erinnerung: Bislang hat erst ein einziges Mal der Film einer Frau den Haupt-Oscar gewonnen, Kathryn Bigelow mit "Hurt Locker" 2010. Die Berlinale schickt vom 20. Februar an immerhin fünf Werke von Regisseurinnen ins Bären-Rennen, von insgesamt 18. Letztes Jahr waren es sogar noch drei mehr. An den Filmschulen und bei den Nachwuchsfestivals findet sich zum Glück eine deutlich größere Vielfalt. Die Hoffnung stirbt zuletzt: Vielleicht gehen die Oscars 2020 ja als letzte Zuckung eines überkommenen Systems in die Geschichte des Kinos ein.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Gedanken zur Zeit | 02.02.2020 | 19:05 Uhr

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