Stand: 04.02.2019 16:42 Uhr

"Orphée et Eurydice": Langer Applaus und Buh-Rufe

von Annette Matz

An der Hamburgischen Staatsoper hatte am Sonntagabend die Oper "Orphée und Eurydice" von Christoph Willibald Gluck Premiere. Inszeniert hat diesmal kein Opernregisseur, sondern Hamburgs Ballettchef John Neumeier. Sopran und Tenor zusammen mit Pirouette und Arabesque: Hat das funktioniert? Das Hamburger Publikum jedenfalls reagierte mit minutenlangem Applaus, aber auch mit Buh-Rufen.

Der Anfang lässt keine Zweifel aufkommen. Hier hat der Ballettintendant Hand angelegt: auf der Bühne ein Ballettsaal, Tänzer und Tänzerinnen bei Proben. Orpheus ist kein Sänger und Dichter wie aus der ursprünglichen griechischen Mythologie überliefert. Orpheus ist Choreograf, seine Liebe Eurydike ist entsprechend eine Primaballerina, die nicht durch einen Schlangenbiss, sondern bei einem Autounfall stirbt.

Jung und wild waren solche Stilmittel vielleicht in den 80er-Jahren. In John Neumeiers Inszenierung von "Orphée und Eurydice" an der Hamburger Staatsoper ist es eine schlichte Art und Weise, klarzumachen: Auch wenn es in dem Stück um den großen Sänger geht, dessen Geliebte stirbt und die er anschließend aus der Unterwelt befreien will, und um antike Sagengestalten - der Inhalt des Stücks ist aktuell. Vom Publikum gibt es dafür Zuspruch: Eine Zuschauerin empfindet es etwa als geschickten Schachzug, das Ballett so einzubinden. 

Amor in Jeans und Hoodie

Das Stück endet auch im Ballettsaal. Und diese Idee ist letztlich komplexer, als es auf den ersten Blick aussieht. Am Ende wird Eurydike zwar von Amor - übrigens in Jeans und Hoodie - wieder zum Leben erweckt. In Neumeiers Version lebt sie aber nicht in der Realität weiter, sondern in der Kunst, in den Schöpfungen des Choreografen, und damit ewig. Die Liebe ist stärker als der Tod - viele Zuschauer berührt das.

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Was zwischen den Ballettsaal-Szenen passiert, ist interessant und kurzweilig. Das Zusammenspiel zwischen Tanz und Gesang gibt dem Abend eine besondere Spannung. Schon in der sogenannten Pariser Fassung von Gluck aus dem Jahr 1774 spielt Tanz eine Rolle. Bei Neumeier werden - wie in einem Buch - in den drei Akten einzelne Kapitel aufgeschlagen. Reine Tanzsequenzen wechseln sich mit reinen Opernszenen ab oder mischen sich.

Ein bisschen "Oper Light" oder "Lyrische Szenen mit Balletteinlagen" - wie es ein Zuschauer beschreibt. Doch die Mischung von klassischem Tanz und Gesang gefällt den meisten Zuschauern gut. "Es hat mir Spaß gemacht, ich habe es genossen", sagt einer von ihnen.

Exzellenter Tanz, introvertierter Gesang

Vom Ballettsaal des Jahres 2019 geht es hinunter in die Unterwelt. Mit seinem Gesang soll Orpheus Cerberus, den dreiköpfigen Hund, besänftigen. Der bewacht den Eingang zur Unterwelt und damit auch seine Frau Eurydike. Exzellent tanzen Aleix Martinez, Ricardo Urbina und David Rodruigez vom Hamburg Ballett den Cerberus. Der Gesang des Orpheus allerdings bleibt insgesamt etwas introvertiert und vor allem am Anfang fast zu weit weg. Tenor Dmitry Korchak bekommt dennoch Szenenapplaus. Vermutlich ist seine Rolle genauso gedacht, denn schon bei der Uraufführung des Stücks in Chicago 2017 war er dabei.

Die dramatische Situation, die maßlose Liebe und das Scheitern daran - denn schließlich dreht sich Orpheus zu Eurydike um und blickt sie trotz eines Verbotes der Götter an, worauf sie stirbt - spielt er zu distanziert. Dagegen sind die Stimmen von Eurydike und Amor - Andriana Chuchmann und Marie-Sophie Pollak - kräftig und voller Leidenschaft.

Bühnenbild und Kostüme sind eine Augenweide

Auch Bühnenbild und Kostüme hat John Neumeier entworfen. Beides eine Augenweide. Drei große multifunktionale Rechtecke sind mal Hades, mal Spiegel, mal Wald, mal Versteck. Die Kostüme sind umwerfend und voller Fantasie - unschuldiges Weiß, vor allem in fließenden Stoffen, enge Trikots mit schwarzem Kopfschmuck, am Ende dominieren die Farben Grün und Braun. Auch das ist nicht ohne Sinn: Das Gemälde "Die Toteninsel" von Arnold Böcklin inspiriert Orpheus als Choreografen zu seinem neuen Ballett. Er trägt das Gemälde mit sich, am Schluss bildet es den Hintergrund der Bühne. In diesem real existierenden Werk - eine Version hängt im Museum der Bildenden Künste in Leipzig - finden sich die Farben der Kostüme wieder.

Nach zweieinhalb Stunden geht Neumeiers Tanz-Opernkonzept am Ende jedoch nicht für alle Zuschauer auf - Jubel mischt sich mit Buh-Rufen.

Hamburger Staatsoper: "Orphée et Eurydice"

"Orphée et Eurydice": Langer Applaus und Buh-Rufe

Hamburgs Ballettchef John Neumeier inszeniert "Orphée und Eurydice" an der Staatsoper Hamburg. Am Sonntag war Premiere, bei der er viel Applaus, aber auch Buh-Rufe einfuhr.

Datum:
Ende:
Ort:
Staatsoper Hamburg - Großes Haus
Dammtorstraße 28
20354   Hamburg
Telefon:
040 / 35 68 0
Preis:
8 bis 195 Euro
Kartenverkauf:
Große Theaterstraße 25
20354 Hamburg
Öffnungszeiten: montags - sonnabends 10.00 - 18.30 Uhr

Tel. 040 / 35 68 68 (10.00 - 18.30 Uhr) oder ticket@staatsoper-hamburg.de
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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Kulturjournal | 04.02.2019 | 19:00 Uhr

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