Stand: 08.06.2020 18:25 Uhr

"Ohne Live-Musik wäre das Leben ein Irrtum"

Der Geschäftsführer der Deutschen Orchestervereinigung Gerald Mertens hat kürzlich einen Brief an den Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Georg Bätzing, und an den Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland, Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm, gerichtet. Der Inhalt: Beschäftigt freischaffende Musikerinnen und Musiker! In Corona-Zeiten seien die auf derartige Auftrittsmöglichkeiten händeringend angewiesen.

Herr Mertens, haben sich die christlichen Kirchen barmherzig gezeigt und auf Ihren Hilferuf geantwortet?

Gerald Mertens © Deutsche Orchestervereinigung/dpa
"Ich denke, dass das Publikum einen sehr hohen Bedarf hat, wieder Kultur genießen zu können", sagt Gerald Mertens.

Gerald Mertens: Ich bin eigentlich ganz zufrieden, denn die Bischofskonferenz hat innerhalb von nur vier Tagen sehr wohlwollend auf unser Schreiben geantwortet. Sie hat uns mitgeteilt, dass unser Schreiben auch an die ganzen Bistümer und Untergliederungen weitergeleitet worden ist - was sehr erfreulich ist. Bei der katholischen Kirche ist das Ziel also erreicht. Von der evangelischen Kirche haben wir noch nichts zurückbekommen - wir wissen aber, dass die beiden großen Kirchen auch schon zu Beginn der Corona-Zeit das Thema Ausfallhonorare aufgegriffen haben. Bei Solisten, die für die ausgefallene Matthäus-Passion oder Johannes-Passion schon verpflichtet waren, haben sich die großen Kirchen auch schon sehr großzügig gezeigt. Und jetzt, wo die Kirchen die ersten Räume sind, in denen wieder gespielt werden kann und wo 50 oder mehr Besucher wieder in den Gottesdienst können, ist das doch genau die richtige Möglichkeit, Freischaffenden Auftrittsmöglichkeiten zu ermöglichen. Denn nach wie vor ist es so, dass die Gemeinde selbst nicht singen darf, weil man Angst vor der Ausbreitung des Coronavirus hat. Das ist auch nicht von der Hand zu weisen, denn es gibt ernstzunehmende Meldungen aus verschiedenen Städten. Insofern liegen wir mit der Forderung ganz richtig.

Aber können Sie das verantworten, dass sich die Musikerinnen und Musiker in diese Gefahrensituation begeben?

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Mertens: Die Gefahrensituation sehe ich ehrlich gesagt nicht. Ich bin selbst auch nebenamtlicher Kirchenmusiker und habe gestern in meiner Kirchengemeinde in einem Gesangsquartett gesungen. Wir hatten auf der Empore sehr viel Platz. Dort hingen zwischendurch große Duschvorhänge, sodass keine Aerosole zur Seite ausstrahlen. Im sehr großen Kirchenraum waren 50 Besucherinnen und Besucher. Man kann das also schon machen. Ähnlich ist es auch, wenn der Organist mit zwei Instrumentalmusikern oder zwei Gesangssolisten von der Empore musiziert. Das halten wir für völlig gefahrlos. Entscheidend ist, dass in den Kirchenräumen nicht zu viele Personen zusammenkommen dürfen. Deswegen sind die Gottesdienste auch kürzer. Wenn man in dieser Situation professionellen Musikerinnen und Musikern eine Auftrittsmöglichkeit bietet, ist das aus unserer Sicht gefahrlos möglich.

Die Deutsche Orchestervereinigung hat vor ein paar Tagen eine Wiederaufnahme des Konzertbetriebs in Deutschland gefordert: "Ohne Live-Musik wäre das Leben ein Irrtum." Ist das zu verantworten? Kulturstaatsministerin Monika Grütters hat erst kürzlich den Orchestergraben als eine Brutstätte für das Virus bezeichnet.

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Mertens: Man muss es differenzieren. In geschlossenen Opernhäusern und im engen Orchestergraben wird es noch eine Zeit dauern, bis wir wieder zum Normalbetrieb kommen. Aber wir sind schon der Meinung, dass man Open-Air sehr viel mehr machen kann. Unsere These ist: Erst sind die kleineren, die kammermusikalischen Besetzungen dran und später die größeren Orchesterbesetzungen. Genauso beim Publikum: Es kommt erst Open-Air und später der geschlossene Raum, wenn es ausreichende Belüftung gibt und die Konzertdauer zurückgefahren wird.

Ich freue mich sehr, dass viele Orchester bundesweit versuchen, den beginnenden Sommer mit kreativen Open-Air-Veranstaltungen zu begleiten. Da gibt es eine ganze Menge von Möglichkeiten, im Open-Air-Bereich doch wieder zu einem Konzertbetrieb zurückzukehren.

Die beiden herausragenden Klassikfestivals des Nordens, das Schleswig-Holstein Musikfestival und die Festspiele Mecklenburg-Vorpommern, fallen in diesem Sommer - zumindest in der ursprünglich geplanten Version - aus.. Sie plädieren stattdessen für eine Wiederaufnahme des Konzertbetriebs. Halten Sie die Absagen für falsch?

Mertens: Man muss als Festival mit einer großen Besucherzahl und mit seinen internationalen Gastkünstlern planen. Von daher ist es richtig, rechtzeitig abzusagen. Aber wenn man dann merkt, dass etwas kleineres geht, wäre es fahrlässig, nicht umzusteuern. Man muss dranbleiben, um nicht einen ganzen Sommer kulturlos zu bleiben. Die große Herausforderung und Schwierigkeit für die Festivals ist, da flexibel zu bleiben, weil sie in einem hohen Maße sponsorenfinanziert sind, und die Frage ist, inwiefern auch die Sponsoren mitziehen. Man muss das Ganze völlig neu organisieren. Es gibt also viele Fragezeichen für die Veranstalter. Aber ich denke, dass das Publikum einen sehr hohen Bedarf hat, wieder Kultur genießen zu können und zu einem Normalbetrieb - mit Einschränkungen - zurückzukehren.

Das Gespräch führte Jürgen Deppe

Gerald Mertens © Deutsche Orchestervereinigung/dpa

AUDIO: "Ohne Live-Musik wäre das Leben ein Irrtum" (7 Min)

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 08.06.2020 | 19:00 Uhr