Stand: 05.02.2021 09:33 Uhr

Oldenburgisches Staatstheater: Testen und Proben - täglich

von Gerhard Snitjer

Die Corona-Plage, unter der wir alle ächzen und stöhnen - irgendwas Gutes muss sie doch haben! Und sei es nur, dass unsere Kreativität und Solidarität herausgefordert wird. Wie das aussehen kann, führt das Oldenburgische Staatstheater gerade vor. Es ist seit November geschlossen. Aber die Menschen, die in dieser beliebten Kulturinstitution arbeiten, lassen sich nicht unterkriegen. So gut es eben geht, wird weitergearbeitet und geprobt, damit irgendwann in naher Zukunft wieder für das Publikum gespielt werden kann. Dafür nimmt das Ensemble auch Unangenehmes in Kauf.

Oldenburgisches Staatstheater: Corona wird "ausgesperrt"

Blick auf das im italienischen Renaissancestil gebaute Oldenburgische Staatstheater. © NDR Foto: Julius Matuschik
Am Oldenburgischen Staatstheater wird trotz Corona geprobt.

"Orpheus und die Zauberharfe" heißt die Kinderoper, die hier auf die Bühne gebracht wird. Moment mal: Hier wird tatsächlich geprobt? Mitten in der Pandemie? Mit mehreren Personen? Mit Gesang? Auf der kleinen Bühne des sogenannten Spielraums im Oldenburgischen Staatstheater.

"Corona bleibt draußen": Diese erklärte Absicht macht die Probenarbeit zu dieser überschaubaren Opernproduktion erst möglich. Der kleine Kreis, der hier mitmacht, befindet sich wochenlang in einer Art selbstgewählter "Arbeitsquarantäne", wie die Dramaturgin Stephanie Twiehaus erklärt. "Insgesamt sind wir eine feste Gruppe. Das heißt, alle, die an diesem Projekt teilnehmen, sind sowieso schon mal verpflichtet, sich nur in sehr kleinem Kreis mit Fremden zu bewegen, eigentlich nur unter sich zu bleiben. Dann führen wir ein Kontakttagebuch für alle Fälle. Es gibt regelmäßiges Fiebermessen, jeden Tag. Es gibt die Masken während der Proben, eine hervorragend funktionierende Lüftung, bei der wir aber obendrein noch einen CO2-Melder, also ein Luftqualitätsmessgerät aufgestellt haben."

Ärzte aus dem Theater-Freundeskreis testen die Schauspieler

Zwei Männer, einer sitzend und einer stehend, vor Corona-Testutenilien. © Oldenburgisches Staatstheater/Stephan Walzl Foto: Stephan Walzl
Arzt Dr. Jürgen Bartner (l.) und Operntenor Jason Kim in dem improvisierten "Labor" im Theaterfoyer.

Und noch ein ganz wichtiges Element gehört zu diesem Sicherheitskonzept, das natürlich mit dem Gesundheitsamt abgesprochen ist: Alle Beteiligten werden regelmäßig auf das Coronavirus getestet. Die Test-Kits sind nicht ganz billig, und man braucht dafür Ärztinnen und Ärzte. An dieser Stelle kommt ein rühriger Förderverein ins Spiel, der "Freundeskreis des Oldenburgischen Staatstheaters". Dessen Mitglieder - einige Hundert sind es - unterstützen das Theater finanziell, auch bei dieser Aktion. Aber damit nicht genug, wie der Vorsitzende Reto Weiler erzählt. Denn unter den Mitgliedern befänden sich auch Ärztinnen und Ärzte. Und von denen waren einige bereit, mitzumachen und den Abstrich zu nehmen.

Im Foyer im 1. Stock wartet das kleine Ensemble, alle mit Abstand und mit Maske. Einer nach dem anderen wird in das improvisierte Labor gebeten, das sich hinter einer Sichtschutzwand befindet. Der Abstrich mit einem langstieligen Tupfer dauert nicht einmal zehn Sekunden, aber er ist unangenehm. Zehn bis zwölf Zentimeter muss man manchmal durch die Nase durch bis hinten an die Rachenwand gehen. "Das ist nicht so schön. Aber es geht", versichert Jörg Mailahn vom Freundeskreis, einer der Ärzte, die hier unentgeltlich testen. Operntenor und Orpheus-Darsteller Jason Kim kennt die Prozedur schon. Bei Sängern sei der Rachenraum noch dazu so sensibel, findet er. Aber dafür gibt es für alle nach wenigen Minuten die Gewissheit: Sämtliche Resultate sind negativ, und einer nach dem anderen darf auf die Probenbühne hinüber.

Engagement des Fördervereins ermöglicht eine Art Normalität

Zwei Männer mit Mund-Nasen-Schutz vor einer schwarzen Wand © Oldenburgisches Staatstheater/Stephan Walzl Foto: Stephan Walzl
Die täglichen Corona-Tests ermöglicht der Freundeskreis des Theaters (Dr. Jürgen Bartner [r.]. zusammen mit dem Vorsitzenden des Fördervereins, Professor Reto Weiler).

Ohne die Finanz- und Arbeitskraft des Fördervereins ließe sich eine solch aufwendige Maßnahme kaum denken, sagt der Generalintendant des Oldenburgischen Staatstheaters, Christian Firmbach, der das unentgeltliche Engagement für alle Beteiligten als beglückend empfindet: "Dass hier ein Förderverein echter Ermöglicher ist, nicht nur sagt, 'Wir können dafür noch einen Gast mehr engagieren oder den Wotan noch toller besetzen, sondern wir können einer ganzen Sparte - das Ballett, und in Teilen in der Oper - im Moment zur Normalität verhelfen, durch unser Engagement': Das ist ja die größte Befriedigung für einen Förderverein, die man sich vorstellen kann."

Auch in der Tanz-Sparte wird derzeit unter den gleichen strengen Bedingungen für eine kleine Produktion geprobt: "Alice im Wunderland". Auf größere Produktionen, etwa mit Opernchor und mit dicht besetztem Orchestergraben, lässt sich das Sicherheitskonzept leider nicht übertragen, wie der Theaterchef sagt: Zu viele Menschen, zu viele Außenkontakte. Die "Alice" bei den Tänzern und der "Orpheus" im Musiktheater sind dennoch kleine Hoffnungsstrahlen. Noch weiß niemand, wann das Publikum wieder ins Haus darf - aber die Proben sind inmitten der Zwangspause ein kleines Stückchen Normalität.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 05.02.2021 | 07:20 Uhr