Olaf Scholz © picture alliance / photothek Foto: Florian Gaertner

Olaf Scholz will "einen Stil prägen" - wie könnte dieser aussehen?

Stand: 06.12.2021 15:29 Uhr

Am Mittwoch wird Olaf Scholz aller Voraussicht nach zum neunten Kanzler der Bundesrepublik gewählt. Bereits jetzt hat er angekündigt: "Ich will einen Stil prägen." Wie könnte der aussehen? Ein Gespräch mit Giovanni di Lorenzo, Chefredakteur der Wochenzeitung "Die Zeit".

Herr di Lorenzo, lange vor der Bundestagswahl hatte Scholz eine paritätisch besetzte Bundesregierung angekündigt. Bei der heutigen Vorstellung seiner SPD-Ministerinnen und -Minister hat er gesagt, es entspreche "der Gesellschaft, in der wir leben", dass die Frauen die Hälfte der Macht bekämen. Damit hat er also Wort gehalten, ja?

Giovanni di Lorenzo: Ja. Er hat vergangene Woche in der "Zeit" auch angekündigt, dass er einen neuen Stil prägen möchte. Das gehört offenbar dazu. Aber wahrscheinlich ist es auch ein anderer Führungsstil, den er einführen möchte, jedenfalls gemessen an den Männern, die es vor Angela Merkel schon gegeben hat. Und es ist ganz neu, dass er mit zwei Koalitionspartnern auskommen muss. Und da hat sich schon im Vorfeld, sowohl bei den Sondierungsgesprächen als auch bei den Koalitionsverhandlungen gezeigt, dass er doch bereit ist, die Bühne zu einem ganz großen Teil auch den kleineren Partnern zu übergeben. Das hat viele überrascht, dass das geschehen konnte, ohne dass jemand eifersüchtig war.

Olaf Scholz will einen Stil prägen: "Es sollte ums Machen gehen, nicht um die Show." Was wird das für ein Stil sein? Sieht Scholz sich als Macher, weniger als jemand, der Großes ankündigt und am Ende nicht halten kann?

Di Lorenzo: Selbst wenn er Show machen wollte - ich glaube, er kann das gar nicht. Er ruft also etwas auf, was auch seinem Naturell entspricht. Ich glaube, ihm schwebt ein möglichst nüchterner Auftritt, ein krisenorientierter und an den jeweiligen Lagen angepasster, handelnder Führungsstil. Etwas anderes würde man ihm auch gar nicht abnehmen.

Nun beginnt die Kanzlerschaft von Olaf Scholz mit einem großen Problem-Paket, mitten in der Pandemie. Scholz ist besorgt, dass die Gesellschaft immer weiter auseinanderdriftet. Er hat dazu aufgerufen, Droh-Szenarien entgegenzutreten, zum Beispiel dem Fackelaufzug mutmaßlich rechter Gruppen vor dem Haus der sächsischen Gesundheitsministerin Petra Köpping am Freitagabend. Sind das Kanzler-Bewährungsproben?

Di Lorenzo: Ganz bestimmt. Die Frage, warum 30 Prozent immer noch nicht geimpft sind und wie man die Leute dazu bringt, ohne dass ein Teil von denen dann zu radikalen Maßnahmen greift - das wäre für jeden Kanzlern und für jede Kanzlerin eine unglaubliche Prüfung. Die Kanzlerschaft von Olaf Scholz, der jetzt wohl nichts mehr im Wege steht, ist das größte Wunder seit der Auferstehung von Lazarus. Denn niemand hätte am Anfang des Wahlkampfs irgendetwas auf die SPD und auf die Chancen von Olaf Scholz gewettet, der aber seinem Motto treu geblieben ist. Der hat schon vor Jahren jedem erzählt - das haben auch seine Spindoktoren überall gesagt: Die Leute wählen letztlich denjenigen, dem sie in einer Krisenzeit am ehesten vertrauen können, dem sie zutrauen, dass er sie da wieder rausführt. Da waren die letzten Wochen, gerade in Bezug auf Corona, für viele überraschend mau, denn da hat er sich nicht sonderlich stark positioniert. In der letzten Woche hat es dann die Wende gegeben: Da hat er gesagt, er sei für eine Impfpflicht und es gebe für die Regierung keine roten Linien mehr. Aber bis dahin hat er sich erstaunlich zurückgehalten. Das kann man als Rücksicht gegenüber Angela Merkel und dem nun scheinenden Gesundheitsminister interpretieren. Aber er war eigentlich die ganze Zeit bei den Corona-Maßnahmen politisch beteiligt, insofern hat er auch bei Corona erst mal einen Stolperstart hingelegt. Jetzt wird sich weisen, wie stringent die Politik ist, die er in der Ampel vorantreiben kann.

Olaf Scholz war von 2011 bis 2018 Erster Bürgermeister von Hamburg. Er war Innensenator, wie auch Helmut Schmidt, den Sie regelmäßig zu Interviews getroffen haben. Könnten Sie sich ein ähnliches Format mit dem neuen Bundeskanzler vorstellen? Was würden Sie mit Olaf Scholz besprechen?

Di Lorenzo: Ich könnte mir so ein Format mit ihm nicht vorstellen. Aber das spricht nicht unbedingt gegen Olaf Scholz. Ich glaube, dass man mit ihm auch ein gutes Glas Rotwein trinken kann - das habe ich auch schon getan. Das genießt er durchaus, und er kann dann auch über Dinge sprechen, die nichts mit Politik zu tun haben. Aber ich glaube, er tut es nicht gerne öffentlich. Helmut Schmidt hat ja auch ganz lange gewartet, bis er Einblick gewährt hat in das, was ihn jenseits der Politik bewegt. Insofern ist es oft eine Frage des Timings. Ich weiß, dass Helmut Schmidt Olaf Scholz geschätzt hat. Olaf Scholz hat wie alle, die in Hamburg irgendetwas mit der Sozialdemokratie zu tun haben, immer geschaut: Was sagt das Orakel Helmut Schmidt?

Das Gespräch führte Claudia Christophersen

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NDR Kultur | Journal | 06.12.2021 | 18:00 Uhr

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