Stand: 24.09.2018 18:00 Uhr

"Wir erleben tiefen Spalt in der Gesellschaft"

"Gespaltene Gesellschaften" - das Thema der Jahrestagung der deutschen Historikerinnen und Historiker ist von geradezu beklemmender Aktualität. Ab Dienstag kommen rund 3.500 Fachleute in Münster zusammen, um darüber zu debattieren. Damit ist die Tagung der größte geistesgeschichtliche Kongress in Europa. Auch der Historiker Norbert Frei wird mit dabei sein.

Herr Frei, wann sprechen Sie als Historiker eigentlich von einer gespaltenen Gesellschaft?

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Norbert Frei ist Professor für Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Jena.

Norbert Frei: Das muss man sich im Einzelnen nach den Epochen ansehen. Der Historikertag versammelt alle Historiker aus dem deutschsprachigen Raum aus den unterschiedlichen Epochen: Mittelalterliche Geschichte, Frühe Neuzeit, Neuere Geschichte, Zeitgeschichte. Und je nachdem, auf welche Zeit man schaut, gibt es an vielen Stellen im Laufe der Geschichte Möglichkeiten zu sagen: Hier waren die jeweiligen Gesellschaften ziemlich gespalten, wurden gespalten, oder es gibt bestimmte Tendenzen, die auf eine Spaltung, auf eine Zerstörung von Gesellschaft hindeuten. Im 20. Jahrhundert ist zum Beispiel mit diesem Begriff der "Volksgemeinschaft" die Spaltung der Gesellschaft schon in der Weimarer Republik angelegt - in der Propaganda der Nationalsozialisten - und dann im Nationalsozialismus auch massiv vorangetrieben worden, indem ausgegrenzt worden ist: Die einen gehören zur Volksgemeinschaft und die anderen per Definition nicht. Mit anderen Worten: Gemeinschaft, Volksgemeinschaft, eine Überwindung einer angeblich gespaltenen Gesellschaft, definiert sich gerade auch durch Ausgrenzung.

Schnell ist man heutzutage mit dem Begriff "Weimarer Verhältnisse" bei der Hand - vor dem Hintergrund der Veränderung der politischen Landschaft bei uns, mit dem Erstarken der Rechtspopulisten. Gibt es tatsächlich historische Parallelen zwischen heute und der von Ihnen angesprochenen Zeit, auch in der Verwendung bestimmter Begrifflichkeiten?

Frei: Wir haben in der Tat seit einigen Monaten, wenn nicht sogar seit einem Jahr oder noch länger, immer wieder in der Publizistik diese Frage: Wie stark ähneln wir uns Weimarer Verhältnissen wieder an? Solche Fragen kann man legitimerweise stellen, wenn man nicht nur nach scheinbaren oder tatsächlichen Gemeinsamkeiten schaut, sondern auch nach den Unterschieden, denn das macht ja den historischen Vergleich aus. Und dann muss man einen glücklicherweise nach wie vor wichtigen Unterschied markieren, indem man sagt, dass unsere gegenwärtige Gesellschaft der Bundesrepublik in ihrer überwiegenden Mehrheit getragen wird von Menschen, die demokratische Parteien wählen. Das war zum Beispiel ein Punkt, der in der Spätphase der Weimarer Republik überhaupt nicht mehr der Fall gewesen ist.

Das heißt, Sie würden unsere Gesellschaft heute nicht unbedingt als eine gespaltene beschreiben? Wir erleben ja schon eine ziemliche Polarisierung. In der Affäre Maaßen etwa hat sich deutlich gezeigt, wie da Positionen gegeneinandergeraten, oder?

Frei: Ja, wir erleben einen Populismus, wie es ihn in der Form, in dieser Massivität in der Geschichte der Bundesrepublik noch nicht gegeben hat. Aber zurück zu dem Begriff der "gespaltenen Gesellschaft": Spaltungen können auch Abspaltungen sein, sie müssen keine Halbierungen sein. Und in diesem Sinne würde ich sagen: Ja, wir erleben einen tiefen Spalt in unserer Gesellschaft, aber wir erleben glücklicherweise nichts, was diese Gesellschaft in zwei Hälften spaltet. Sondern wir erleben eine wortstarke Minderheit, die aus meiner Sicht schwer zu ertragen ist - Stichwort Chemnitz - und die versucht, die Straße zu beherrschen, Beispiel nehmend an dem, was in der Weimarer Republik an Straßenkämpfen der Fall gewesen ist. Man will hier tatsächlich historische Anleihen machen, aber die Frage ist, ob sich die Mehrheitsgesellschaft dem entgegenstellt und etwas Alternatives zu bieten hat. Mir scheint, dass sich gerade in den letzten Wochen glücklicherweise die Gegenkräfte stärker artikulieren und hoffentlich auch in diesem Herbst noch stärker artikulieren werden.

Sie haben in einem Artikel für die "Süddeutsche Zeitung" vor einigen Tagen angemahnt, dass die Historikerinnen und Historiker es versäumt hätten, sich mit der Frage zu beschäftigen, wie es in Deutschland nach 1945 mit der radikalen Rechten weitergegangen sei. Wenn man diese Lücke jetzt schließt - zu welchen Erkenntnissen könnte das führen?

Frei: Das ist natürlich ein bisschen Spekulation, aber wir haben zu lange versucht zu erklären, wie aus dieser schwierigen Ausgangssituation 1945, nach dieser politisch-moralischen Katastrophe, es doch relativ bald gelungen ist, stabile demokratische, stabile politische Verhältnisse herzustellen. Das war ein wichtiger Strang in der Forschung, der aber letzten Endes die Bundesrepublik als einen Erfolgsweg in den Westen dargestellt hat und ein bisschen die Frage aus dem Blick verloren hat, was die Schattenseiten dieser Entwicklung gewesen sind, wie viele mentale Überbleibsel aus der NS-Zeit einfach fortgesetzt worden sind oder sich sogar neu rekonstruieren und rekonstituieren konnten. Wie hat sich der Rassismus, der zentral für den Nationalsozialismus gewesen ist, dann in der Bundesrepublik verwandelt? Hier sind tatsächlich Themenfelder, auf die wir lange Zeit nicht gut genug hingeschaut haben und deswegen jetzt in dieser Situation, in der wir diesen blanken Rassismus an der politischen Oberfläche beobachten können, sagen: Da hätte früher schon genauer hingeschaut werden müssen, wie die Geschichte des Rechtsradikalismus auch unterschwellig weitergegangen ist.

Das Interview führte Katja Weise

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 24.09.2018 | 19:00 Uhr

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