Rauch steigt aus dem World Trade Center auf, nachdem zwei Flugzeuge in die Türme gesteuert wurden. © ZUMAPRESS.com | Big Pictures

Nine Eleven und die "dramatische Fehlkalkulation der USA"

Stand: 09.09.2021 15:33 Uhr

Die Terroranschläge vom 11. September haben die ganze Welt erschüttert. Eine Terrorattacke, die bis heute nachwirkt. Ein Gespräch über die Ursachen und die Folgen von Nine Eleven mit dem Historiker Bernd Greiner.

Rauch steigt aus dem World Trade Center auf, nachdem zwei Flugzeuge in die Türme gesteuert wurden. © ZUMAPRESS.com | Big Pictures
Beitrag anhören 9 Min

Herr Greiner, können Sie kurz skizzieren, was zu den Ereignissen vom 11. September geführt hat?

Bernd Greiner: Der Hintergrund war die Intention des Terrornetzwerks al-Qaida, die USA auf symbolische Weise zu bestrafen, die Symbole ihrer Wirtschaftskraft, die Twin Towers, und das Symbol ihrer militärischen Kraft, das Pentagon, anzugreifen, verbunden mit der politischen Intention, die USA in eine Falle zu locken. Al-Qaida war ziemlich klar, dass die USA massiv und vermutlich auch mit militärischen Mitteln darauf reagieren würden. Und das diabolische Kalkül dahinter war: Wenn die USA das tun, werden Sie eine Region in Brand setzen und einen Großteil der muslimischen Welt gegen sich aufbringen. Und das wird möglicherweise der Sargnagel sein für ihre Präsenz im Nahen Osten. Und die Regierung Bush war so naiv, in diese Falle hineinzugehen.

Weitere Informationen
Eine Rauchwolke schwebt über New York, nachdem zwei gekidnappte Flugzeuge in das World Trade Center gesteuert wurden. © zz/Henry Lamb/STAR MAX/IPx

9/11 und die Folgen für Musliminnen und Muslime

Bis heute leiden wir alle unter den Folgen des Terrors im Namen des Islam, meint unser Gast-Kommentator Junus el-Naggar. mehr

Die USA waren verletzt in ihrem Stolz, in ihrem "kollektiven Narzismus", wie Peter Sloterdijk sagt. Würden Sie dem zustimmen?

Greiner: Ich habe Probleme als Historiker mit diesen psychologischen Kategorien. Ich würde lieber eine andere Kategorie in dem Zusammenhang sehen, nämlich Amerikas Begehr, mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln, einen Verlust von Glaubwürdigkeit als führende Weltmacht abzuweisen. Die USA leben seit 1945 in einer obsessiven Angst, diesen Status als Weltmacht einzubüßen, nicht ernst genommen zu werden in der Arena, als Neuankömmlinge im Club der Großen und am Ende auch als Hegemonialmacht. Man hat immer auf die eine oder andere Weise versucht, diese Glaubwürdigkeit mit dem stärksten zur Verfügung stehenden Mittel zu demonstrieren, nämlich mit militärischer Macht. Aus der Überlegung heraus: Wenn wir das nicht tun, droht uns der Abstieg in eine niedrigere politische Gewichtsklasse. Man kann davon halten, was man will. Man mag das für einen Irrweg halten. Ich bin der Meinung, dass das ein dramatischer Irrweg ist. Aber das war die Kalkulation, und das hat bei verschiedenen Präsidenten immer wieder letzten Endes den Ausschlag geben, sich auf militärische Abenteuer einzulassen, die man nicht gewinnen kann. Denken Sie an Vietnam, Afghanistan und Irak als Beispiele in dieser langen Kette.

Diese militärische Interventionen in Afghanistan und auch im Irak schienen damals so gut wie alternativlos. Das war ein beharrlicher Wille, der nahezu keine Gegenargumente zuließ. Woher kam diese Beharrlichkeit oder vielleicht auch Beratungsresistenz?

Greiner: Es gab interessanterweise aus dem innersten Kreis der Macht Skepsis und teilweise eine massiv vorgetragene Kritik des Inhalts: Wir können einen asymmetrischen Krieg mit unserer konventionell ausgelegten Armee nicht gewinnen. Wir können nicht auf Dauer - selbst mit unserer Wirtschaftskraft - einen Krieg ohne Fronten auf Jahre hinaus stemmen. Diese Kritiker wurden - ähnlich wie in den 60er-Jahren in Vietnam - mundtot gemacht. Ihre Einwände perlten an der Administration Bush geradezu ab, und zwar aus dem einen wesentlichen, bereits erwähnten Grund: Wir, die stärkste Militärmacht der Welt, sind gedemütigt worden von einer Horde von Verbrechern mit Teppichmessern, und wir müssen jetzt aller Welt ad oculos demonstrieren, dass wir in der Lage sind, aus dem Stand ein Krieg zu führen, der diejenigen, die uns angegriffen haben, massiv bestraft, massiv schädigt, ihnen möglicherweise sogar ihr Existenzrecht nimmt. Antwort: mit militärischen Mitteln, um Glaubwürdigkeit und Durchsetzungsfähigkeit zu demonstrieren, um der Welt zu zeigen: Es soll niemand mehr in Zukunft wagen oder auch nur daran denken, die USA auf diese Weise herauszufordern.

Weitere Informationen
Katajun Amirpur © picture alliance / Eventpress | Eventpress Stauffenberg

Katajun Amirpur über die Folgen des 11. Septembers 2001

Die Islamwissenschaftlerin Katajun Amirpur erinnert sich an den Tag, der vor 20 Jahren so vieles in Bewegung setzte. mehr

Was aus dem Projekt Afghanistan geworden ist, wurde uns gerade in den letzten Wochen sehr stark vor Augen geführt. Woran ist das "Projekt Afghanistan" letztlich gescheitert?

Greiner: Der Kardinalfehler war die Überlegung, den Kampf gegen den Terror mit militärischen Mitteln führen zu können. Das war der grundsätzliche Irrtum, geboren aus einer Hybris, aus einer Selbstverblendung, aus einer Überschätzung der eigenen Möglichkeiten. Und das Zweite, was dazukommt, und das verbindet wiederum Afghanistan mit Vietnam, war die Weigerung, sich auf Geschichte, Kultur und Gesellschaft in Afghanistan einzulassen oder aber zu glauben, man hätte dort so eine Art knetbare Masse vor sich, die man nach Wille und Vorstellung steuern kann. Es war eine dramatische Unterschätzung des Widerstandswillens in Afghanistan gegen fremde Besatzer. Es war eine dramatische Unterschätzung, dass diese Aktion in großen Teilen der muslimischen Welt als Kriegserklärung begriffen würde.

Darüberhinaus hat man Afghanistan, sechs Wochen nachdem die Operation Enduring Freedom begonnen hatte, faktisch für Monate, wenn nicht für Jahre links liegen lassen, weil man sich auf den Irak konzentrierte. Und dann nahm die Entwicklung in Afghanistan ihren bekannten Lauf. Die ISAF-Truppen, also die Koalition der Willigen, die mit den USA in diesen Krieg gezogen waren, hatten nicht die Mittel, derer es bedurft hätte, in irgendeiner Weise politisch Einfluss zu nehmen. Was sie bewirkten, waren Oberflächenveränderungen, die binnen Wochen weggefegt werden konnten, wie man jetzt sieht. Das Entscheidende war die dramatische Fehlkalkulation der USA und die Tatsache, dass sie alle anderen, die mit ihnen dahingegangen sind, behandelt haben wie Putztruppen.

Jetzt sind in Afghanistan die Taliban wieder an der Macht. Die EU will mit den neuen Machthabern zumindest ins Gespräch kommen. Wie sieht die Zukunft von Afghanistan aus?

Greiner: Das ist schwer zu sagen. Man wäre gut beraten, jetzt nicht in die Logik des Kalten Krieges zurückzufallen und zu sagen: Mit denen reden wir nicht, die lassen wir links liegen, oder wir bestrafen sie mit anderen Mitteln weiter. Das wäre mit Sicherheit ein ähnlicher Holzweg wie jener, der vorher eingeschlagen worden ist, und würde die Taliban erst recht in die Hände von China oder Russland oder wem auch immer treiben. Das Aufrechterhalten eines Gesprächsfadens ist zwingend geboten, wenn man auch nur in irgendeiner Weise noch Einfluss haben will auf das, was sich dort künftig tun wird.

Das Gespräch führte Claudia Christophersen.

Weitere Informationen
Ein Mann und ein Junge schauen auf viele Fernseher © picture-alliance / dpa/dpaweb | Soeren_Stache

9/11: Wie war es, die Ereignisse als Kind zu erleben?

Die Schriftstellerin Shida Bazyar war 13 Jahre alt, als die Flugzeuge in die Twin Towers flogen. mehr

Im Vordergrund eine US-Flagge, im Hintergrund trauert eine Frau  an einem Grab. © picture alliance / ZUMAPRESS.com | Walter G Arce Sr Grindstone Medi

9/11: Wie ein Land an der symbolischen Verwundung leidet

Die Verwundung des kollektiven Narzissmus prägt die US-Politik bis heute. Ein Essay des Philosophen Peter Sloterdijk. mehr

Die afghanische Politikerin und Menschenrechtlerin Sima Samar © picture alliance / dpa Foto: Can Merey

Frauenrechtlerin Sima Samar über 9/11 und die Folgen

Die afghanische Frauenrechtlerin Sima Samar hofft, dass die internationale Gemeinschaft den Afghaninnen zur Seite steht. mehr

Halil Gülbeyaz stützt den Kopf auf die Hand © IMAGO / Hoffmann

Halil Gülbeyaz über 9/11 und die Folgen

Der Dokumentarfilmer hat kurz nach den Anschlägen des 11. September eine Reportage über muslimisches Leben in Hamburg gedreht. mehr

Die Historikerin Ute Frevert © IMAGO / Manfred Segerer Foto: Manfred Segerer

Ute Frevert über 9/11 - Anschläge teilen die Welt

Die Historikerin Ute Frevert über starke Gefühle und die "Empathie der Ferne". mehr

Der niederländische Autor Arnon Grünberg © picture alliance / dpa | Thilo Schmülgen Foto: Thilo Schmülgen

Arnon Grünberg über 9/11 und die Folgen vor allem für West-Europa

Die Anschläge vom 11. September 2001 haben Spuren hinterlassen - bis heute. Ein Essay des Autors Arnon Grünberg. mehr

Die Autorin Kathrin Röggla © picture alliance/dpa Foto: Jörg Carstensen

Kathrin Röggla über 9/11 und seine Folgen

Die Anschläge vom 11. September 2001 in New York haben Spuren hinterlassen - bis heute. Ein Essay der Autorin Kathrin Röggla. mehr

Der Wissenschaftler und Autor Stefan Weidner © picture alliance / dpa | Friso Gentsch

Islamwissenschaftler Stefan Weidner über 9/11 und seine Folgen

Die Anschläge 2001 in New York haben Spuren hinterlassen - bis heute. Ein Essay des Islamwissenschaftlers Stefan Weidner. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 09.09.2021 | 18:00 Uhr