Die Historikerin Ute Frevert © IMAGO / Manfred Segerer Foto: Manfred Segerer

Ute Frevert über 9/11 - Anschläge teilen die Welt

Stand: 25.08.2021 06:00 Uhr

Seit den Anschlägen auf die silbernen Türme am 11. September 2001 in New York hat sich das Weltgeschehen folgenreich neugeordnet. Wie ist dieses Ereignis heute spürbar? Die Historikerin Ute Frevert mit einem Essay.

Die Historikerin Ute Frevert © IMAGO / Manfred Segerer Foto: Manfred Segerer
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von Ute Frevert

Bevor sich die Ereignisse nun in Afghanistan in der letzten Woche überschlugen, haben wir für unserere Reihe auch die Historikerin Ute Frevert um einen Text gebeten. Sie erinnert sich sehr genau an die Anschläge, war am Tag selbst bei einem internationalen Kongress in Cambridge. Ute Frevert ordnet das bewegende Ereignis ein und analysiert die Bedeutung starker Gefühle für das emotionale Gedächtnis.

Die Telefonleitungen waren rasch überlastet

Am 11. September 2001 war ich auf einer Tagung in Cambridge, England. Es ging um die Geschichte des Antisemitismus, Kolleginnen und Kollegen aus aller Welt nahmen teil. Während der Mittagspause schlug die Nachricht ein, und wir versammelten uns - es gab noch keine Smartphones - um das kleine Fernsehgerät des Pförtners. Aufgeregte Stimmen waren daraus zu hören, und immer wieder die gleichen Bilder winziger Flugzeuge, die in die beiden Türme des World Trade Center rasten. Manche von uns begriffen schneller als andere, was da vorging. Die Amerikaner versuchten, daheim anzurufen, die Leitungen waren rasch überlastet. Manche wollten umgehend den Rückflug antreten. Kollegen aus Israel blieben am coolsten. Sie hatten Erfahrung mit Terroranschlägen und mahnten zu Ruhe und Gelassenheit. Auf ihren Rat hin setzten wir die Konferenz fort – nach einer Schweigeminute für die Toten, einem in Israel üblichen Ritual der Sammlung.

Anschläge von 9/11: Immer wieder Rückkehr zu den Bildern

Doch obwohl wir, äußerlich diszipliniert, den Vortragenden lauschten, fiel die Konzentration schwer. Die Gedanken schweiften ab und kehrten zurück zu den Bildern. Welchen Sinn ergaben sie? Wer steckte dahinter? Was würde daraus folgen?

Essay-Reihe: Was kam nach Nine Eleven?

Seit den Anschlägen auf die silbernen Türme am 11. September 2001 in New York hat sich das Weltgeschehen folgenreich verändert und neugeordnet. Wie ist dieses Ereignis bis heute, zwanzig Jahre später, spürbar? Welche Bilder haften im emotionalen und kulturellen Gedächtnis? Wie ist die Chiffre "9/11" heute zu deuten? Mit diesen Fragen und Gedanken beschäftigen sich Schriftsteller*innen und Wissenschaftler*innen unserer Zeit. Exklusiv für uns haben sie sich geäußert, zu unterschiedlichen Aspekten, mit jeweils eigener Schwerpunktsetzung.

An diesem Abend fehlte mir das Vorstellungsvermögen. Aber ich verspürte das dringende Bedürfnis, mit denen darüber zu sprechen, die mir am nächsten waren. Immerhin waren wir gerade erst aus den Vereinigten Staaten zurückgekehrt, hatten als Familie ein Jahr lang in Kalifornien gelebt. Die Kinder waren in amerikanische Schulen gegangen, hatten dort Freundinnen und Freunde gewonnen. Amerika war für sie kein abstrakter Ort. Es war ein Land, dessen Bewohner sie ungewöhnlich freundlich, geradezu herzlich behandelt hatten, in dessen Alltagskultur sie sich pudelwohl gefühlt hatten. Jetzt wollten sie wissen, wie ihre Lehrer, Nachbarn, Freunde mit den Angriffen umgingen.

 

Ließ sich der "war on terror" tatsächlich gewinnen?

Zurück aus Cambridge, schwante mir, ganz allmählich, dass hinter den Terrorakten doch mehr stand als eine Aktion fanatisierter Männer. Die Fernsehbilder jubelnder Palästinenser aus dem Westjordanland und Libanon hinterließen einen starken Eindruck. Offenbar prallten tatsächlich Welten oder Weltteile zusammen und gegeneinander. Aber unter welcher Flagge segelten sie? Unter der der Religion, Gläubige gegen Ungläubige? Unter der der Moral - Gut versus Böse, wie Bushs Wort von der Achse des Bösen nahelegte?

Anschläge in Europa - Terror vor der eigenen Haustür

Die westlichen Gesellschaften, die am 11. September 2001 angegriffen wurden - "Wir sind alle Amerikaner", hieß es damals und zu Recht - die westlichen Gesellschaften sind so verletzlich wie eh und je. Jede Flugreise erinnert uns daran, die Sicherheitskontrollen halten das Gefühl lauernder Unsicherheit gegenwärtig. Die islamistischen Anschläge in Europa haben den Terror vor der eigenen Haustür abgeladen.

Sogenannte Gefährder leben mit uns Wand an Wand und müssen sich um Nachwuchs nicht sorgen. Das wechselseitige Misstrauen ist gestiegen. Hatten wir Migranten vor Nine Eleven durch ihre Nationalität - als Türken oder Libanesen oder Pakistani - gekennzeichnet, waren sie nun zuallererst Muslime - und standen unter Generalverdacht. Dass das Berliner Innenministerium 2006 eine "Deutsche Islamkonferenz" ins Leben rief, spricht Bände. Die Religion machte den Unterschied, und das war kein guter.

Zugleich stellte sich rasch heraus, dass muslimische Terroristen es nicht nur auf westliche "Ungläubige" absahen. Mit Vorliebe mordeten sie andere Muslime, die aus ihrer Sicht das Falsche glaubten. Die Sprache der Gewalt wurde immer lauter, auf allen Seiten. Wer sich gegen die Gewalt der Banden und Regierungen zur Wehr setzte, erlebte zehn Jahre nach Nine Eleven einen arabischen Frühling. Ihm folgte ein Jahrzehnt blutiger Auseinandersetzungen und Stellvertreterkriege in vielen Ländern Nordafrikas und des mittleren Ostens.

Ihre Folgen in Gestalt von Millionen geflüchteter, traumatisierter, entwurzelter Menschen sind auch bei uns angekommen - und fordern unsere Empathie. Es ist nicht die Empathie kultureller und politischer Nähe, die wir 2001 mit den Opfern und Leidtragenden der Anschläge vom 11. September 2001 empfanden. Es ist eine Empathie der Ferne; Friedrich Nietzsche nannte sie einst "Fernstenliebe". Sie fällt deutlich schwerer als die Liebe des Nächsten, des Bekannten und Vertrauten. Aber sie ist, zwanzig Jahre nach Nine Eleven, umso notwendiger.

Ute Frevert (*1954) ist Historikerin, sie hat zuletzt das Buch "Mächtige Gefühle" geschrieben, in dem es um die Gefühlswelten der Deutschen seit 1900 geht.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 25.08.2021 | 18:00 Uhr