Die Autorin Kathrin Röggla © picture alliance/dpa Foto: Jörg Carstensen

Kathrin Röggla über 9/11 und seine Folgen

Stand: 17.08.2021 18:00 Uhr

Seit den Anschlägen auf die silbernen Türme am 11. September 2001 in New York hat sich das Weltgeschehen folgenreich neugeordnet. Wie ist dieses Ereignis heute spürbar? Radio-, Hörspielautorin und Schriftstellerin Kathrin Röggla mit einem Essay.

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von Kathrin Röggla

Zwanzig Mal 11. September also. Zwanzig Mal Erinnerung an unser erstes liebes Live-Event auf allen Kanälen der politischen Berichterstattung. Zwanzig Mal Gedenken auf das Einschwören unserer Aufmerksamkeit auf Updates. Auf das krasse Präsens. Dabei sein, wenn es passiert. Natürlich kannten wir so etwas in der Art schon von früheren Ereignissen. Aber den Augenblick dank all dieser Privataufnahmen immer wieder zu erleben, an dem die Filmbilder Wirklichkeit geworden sind, die wir zuvor aus Katastrophenfilmen gekannt hatten, weil filmisch schon über Jahrzehnte Flugzeuge in Hochhäuser geflogen sind, aber eben noch nicht real, das ist erst seit jenem Augenblick möglich, diesem 11. September-Augenblick. Seit zwanzig Jahren kann man mit Fug und Recht behaupten, dass nun wirklich ein Passagierflugzeug in ein Hochhaus geflogen ist, nein, zwei sind es gewesen, die in zwei Häuser geflogen sind, und zwar gleich in Zwillingstürme hinein, und diese Zweieinigkeit hat uns damals beschäftigt, wie uns so einiges beschäftigt hat, die wir in der zweiten oder dritten Reihe gesessen sind und niemanden verloren, also keine direkten Verluste zu beklagen hatten, allenfalls nur Angst vermelden konnten.

Startschuss der erwiesenen medialen Verwundbarkeit des Westens

Auf dem Zuschauerbänkchen sind wir gesessen mit etwas wie der Vorausahnung, dass jetzt etwas passiert ist, was alles ändert, den Lauf der Geschichte ändert. Plötzlich können Kriegsschauplätze sozusagen überall sein,"selbst bei uns", inmitten der westlichen Städte. Es war der Startschuss der erwiesenen medialen Verwundbarkeit des Westens. Ein Geburtstag mit realen Abgründen, bei dem wir anscheinend alle dabei waren, alle Zeugenschaft beanspruchen können und mit dabei auch unsere Kameras, die erzählen können von unseren Aufenthaltsorten an jenem 11. September, jenem Ur-11. September: Wo war ich in jenem Augenblick, als es passierte. Was habe ich gerade gemacht, als ich so jäh von der Weltgeschichte unterbrochen wurde? Das erzählt man sich im Grunde noch heute, wenn das Gespräch darauf kommt, wir alle haben unsere fiktiven und realen Aufenthaltsorte an diesem 11.September noch gut gespeichert, und man war immer irgendwie vor Ort, ob in Kinshasa, Moskau oder Paderborn.

Essay-Reihe: Was kam nach Nine Eleven?

Seit den Anschlägen auf die silbernen Türme am 11. September 2001 in New York hat sich das Weltgeschehen folgenreich verändert und neugeordnet. Wie ist dieses Ereignis bis heute, zwanzig Jahre später, spürbar? Welche Bilder haften im emotionalen und kulturellen Gedächtnis? Wie ist die Chiffre "9/11" heute zu deuten? Mit diesen Fragen und Gedanken beschäftigen sich Schriftsteller*innen und Wissenschaftler*innen unserer Zeit. Exklusiv für uns haben sie sich geäußert, zu unterschiedlichen Aspekten, mit jeweils eigener Schwerpunktsetzung.

Sicher, heute wird man nur noch selten danach befragt, wo man sich gerade befunden hat, als die beiden Flugzeuge in die Zwillingstürme flogen, und jetzt fehlt uns direkt ein Nachfolgeereignis, das diese Arbeit übernimmt und uns im Westen und globalen Norden so verbindet. Gerade sitzen wir eher in einem permanenten Nichtereignis einer Pandemie, und es ist sogar die ganze Welt, die den Atem anhält - die Live-Ticker laufen seit Monaten, der Flow der Nachrichtenkanäle spricht von der Bereitschaft, sich sofort in die Jetztzeit fix einzurichten, in der auch vom "game changer Pandemie" die Rede ist, aber nichts davon ist wirklich so dermaßen geschichtsunterrichtstauglich wie der 11.September. Es ist so wie beim Fall der Mauer, jenem positiven Vorgänger des 11. Septembers in Sachen momenthafter Ereignishaftigkeit, allerdings ohne digitale Erfassung: Die Leute, die darüber reden, werden weniger und weniger verständlich, und man glaubt ihnen nichts mehr und schon gar nicht, dass sie irgendwo dabei gewesen sein könnten.

Weltpolitische Disbalance mit radikalen Folgen

Was sich aber vor zwanzig Jahren etabliert hat, ist der zeitliche Flow der Nachrichtenkanäle, zumindest in meiner Erinnerung konnte 2001 die Bereitschaft, sich nur noch in dieser katastrophischen Jetztzeit zu bewegen, von Onlineportalen aufgegriffen werden, bzw. von digitaler Berichterstattung, die echtzeitfähig wirkt.

Nachrichtenzeit ist allerdings schon lange die Simulation von Jetztzeit. Im Zeitalter der algorithmisch basierten Informationsflut, in der jeder Hörer, jede Leserin sich selbst ihr Programm wählt, ist der Liveticker die letzte für uns programmierte Zusammenstellung von öffentlichem Raum. Deswegen wohl hat man die Pandemie als Brennglas bezeichnet, weil die Leserschaft aus Nachrichten aus aller und wirklich aller Welt sie interessierte und sie sich mit Themen auseinandersetzen mussten, zu denen sie per Algorithmus nie gekommen wäre. Per Zufall über etwas stolpern, das gelingt nur noch in solchen Ereignissen mit Livetickern. Im Rückblick auf den 11. September bleibt allerdings der vom Osten auf den Westen zurückgeworfene Blick, das amerikanische Erschaudern, dass man nach all den Jahren selbst getroffen werden könnte, und eine sich verstärkende weltpolitische Disbalance mit radikalen Folgen.

Kathrin Röggla (*1971) ist Radio-, Hörspielautorin und Schriftstellerin. Heute arbeitet die gebürtige Österreicherin als Professorin für Literarisches Schreiben an der Kunsthochschule für Medien Köln. 2001 war Kathrin Röggla als Stipendiatin in New York und erlebte die Anschläge aus unmittelbarer Nähe. Darüber schrieb sie das Buch "really ground zero. 11. September und folgendes".

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 18.08.2021 | 18:00 Uhr