Stand: 23.01.2020 16:40 Uhr  - NDR Kultur

Ein Theaterstück über deutsche Erinnerungskultur

"Weltmeister" - so heißt eine neue Produktion am Schauspiel Hannover über Erinnerungskultur in Deutschland. Ein Titel als Anspielung darauf, dass die Deutschen sich gerne als "Weltmeister des Erinnerns" betrachten. Aber ist das so? Werden hierzulande nicht eher wieder mehr Stimmen laut, die fordern, dass es doch jetzt auch mal gut sei mit dem ewigen Zurückblicken
- vor allem auf das dunkle Kapitel des Zweiten Weltkriegs? Diesen Themen spürt "Weltmeister", eine dokumentarische Theaterarbeit der Regisseurin Nina Gühlstorff, nach.

Frau Gühlstorff, rund um den 75. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz sind die Themen Erinnerung und Gedächtniskulturen in den Medien sehr präsent. Jenseits von solchen Daten - warum ist es in Ihren Augen gerade heute besonders wichtig, zurückzuschauen?

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"Welche Geschichte wollen wir erzählen? Das ist die Frage, die meine Generation bewegen sollte", findet Nina Gühlstorff.

Nina Gühlstorff: Ich kann da sehr persönlich antworten: Meine Großeltern leben nicht mehr, aber ich habe einen Großvater mit Täterbiografie und ich habe israelische Freunde. Wir haben uns gefragt, wie wir damit umgehen, wenn die Zeitzeugen sterben. Wir wollen der Frage nachgehen, wie wir diesem institutionellen Erinnern etwas entgegensetzen können, was vielleicht an einigen Stellen persönlicher ist als das, was manchmal als staatstragendes Ritual angeboten wird.

Und warum ist es so wichtig, auch diese persönliche Erinnerung zu haben und nicht nur auf kollektive Erinnerungen zuzugreifen?

Gühlstorff: Ich habe im Vorfeld zu dem Projekt sehr lange recherchiert, habe mit sehr vielen Leuten in Hannover gesprochen, habe Historiker interviewt. Eine Expertin, die an der Uni arbeitet, hat gesagt, dass viele der Erzählungen, die wir heute über die Vergangenheit kennen, aus den Familien kommen. Sie sagte, selbst an der Geschichtsfakultät gibt es Studentinnen, die sehr wenig über diese Zeit wissen, aber sie kennen Erzählungen über den Bombenkrieg, also über die Deutschen als Opfer. Es gibt also verschiedene Arten sich zu erinnern. Und da ist es interessant draufzugucken, wo eigentlich die Erzählungen entstehen und inwieweit Geschichte gerade ein bisschen umgeschrieben wird, dass durch eine Perspektive, durch Erzählungen in der Familie, durch Schulvermittlung ein anderes Bild entsteht. Welche Geschichte wollen wir erzählen? Das ist die Frage, die meine Generation bewegen sollte.

Sie sind für Ihr Stück auch auf Recherchereise nach Israel geflogen und haben mit Holocaust-Überlebenden beziehungsweise mit deren Angehörigen gesprochen. Was haben Sie da erfahren? Was hat Sie am nachhaltigsten beeindruckt?

Geschichte

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Gühlstorff: Ich glaube, das kann jeder sagen, der das mal erlebt hat: Das ist eine ganz besondere Art von Autorität. Sie sind oft gar nicht anklagend, sondern sehr klar beschreibend in dem, dass man sich sehr viel mehr wünscht, gesehen zu werden. Diese Menschen werden immer älter, und dass uns das verloren gehen wird, das empfinde ich als massiven Bruch. Es wird sich etwas verändern müssen in der Art zu erinnern. Ich glaube, dass parallel dazu Angriffe auf den Konsens, dass es wichtig ist, sich zu erinnern, kommen werden. Die Autorität der Überlebenden kann nicht mehr so stark in die Gesellschaft wirken, wenn sie sterben.

Sie haben angedeutet, dass die Personen, die Sie getroffen haben und wie sie zurückblicken, ganz unterschiedlich sind. Und das ist auch ein Ansatz Ihres Stückes: deutlich zu machen, wie divers die Identitäten letztlich sind.

Gühlstorff: Genau. Uns ist es sehr wichtig, dass wir uns über diese Herkunftsfragen hinaus einander auch in ganz anderen Themen begegnen. Aber es gibt gesellschaftliche und politische Umstände, die uns immer wieder in unsere Rollen zurückdrängen. Wir haben daran gearbeitet, dass man deutlich macht, wie unterschiedlich die Perspektiven in der deutschen und in der israelischen Gesellschaft auf das gemeinsame Erinnern sind. Wir werden uns auch bemühen, in dem Stück den Dialog mit dem Publikum sehr zu öffnen. Wie wollen wir uns erinnern? Wie wollen wir uns konfrontieren? Was wollen wir für die Zukunft aus dieser Vergangenheitserfahrung heraus formulieren?

Das ist ein begehbarer Theaterabend. Können Sie schildern, wie das bei der Premiere aussehen wird?

Gühlstorff: Unser Publikum wird in Gruppen aufgeteilt werden. Am Anfang treffen wir uns alle im großen Saal. Es gibt zwei Szenen, die gemeinsam gesehen werden: eine auf der Hinterbühne - da beginnt schon die Reise in den Korpus des Theaters und auch in die persönlichen Perspektiven. Wir haben zugeordnet, welche Arten des Erinnern es gibt: Es gibt ein Theaterarchiv; es gibt das Mahnmal, das auf der Unterbühne stattfinden wird; es gibt die Rede - da haben wir einen Ort im Theatermuseum ausgewählt; es gibt die Familie - da ist ein fast realistisches Wohnzimmer angedeutet, in dem sich diese unterschiedlichen Perspektiven auch in den behaupteten Schauspielerbiografien spiegeln. Es wird eine sehr bunte Reise durch das Haus und durch die Perspektiven.

Das ist nicht Ihr erstes Rechercheprojekt. Sie haben im letzten Jahr in Schwerin eine Stückentwicklung mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen zum Mauerfall-Jubiläum verwirklicht. Was reizt Sie an dieser Form der Theaterarbeit so besonders?

Gühlstorff: Wenn man in eine Stadt geht und die Stadt über ihr Selbstverständnis zu bestimmten Themen befragt, dann holt man ganz viel Realität ins Theater. Stadttheater sind für mich Orte, an denen eine möglichst heterogene Gesellschaft sich über ihre Realität verständigen kann. Auf der anderen Seite steckt in der Form des dokumentarischen Arbeitens schon sehr viel Beteiligung drin. Wir haben sehr viele Leute interviewt, die uns Tipps geben; wir haben Sachen von denen gelernt; die sind überrascht, wie wir etwas anwenden - und dadurch entsteht sehr viel Dialog. Das interessiert mich generell in der Gesellschaft: Formen von Dialog zu stiften, die heterogen sind.

Das Gespräch führte Alexandra Friedrich

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 23.01.2020 | 19:00 Uhr