Stand: 30.11.2018 19:00 Uhr

"Männer schreiben ungern über Frauen"

Wie steht es um den Frauenanteil in der Kultur? "Frauen zählen" heißt ein Projekt, das aus einem Runden Tisch von Kulturstaatsministerin Monika Grütters zum Thema "Frauen in Kultur und Medien" hervorgegangen ist. Konkret geht es hier um den Literaturbetrieb. Wie gerecht geht es in dieser Branche zu? Damit beschäftigt sich der Dritte Berliner Branchentreff Literatur. Koordiniert hat das Projekt "Frauen zählen" die Schriftstellerin und Journalistin Nina George.

Frau George, mit dem Projekt ist nicht nur die Wertschätzung gemeint, sondern dahinter steckt auch ein konkreter Auftrag: Sie haben Frauen im Literaturbetrieb gezählt. Zu welchen Ergebnissen sind Sie gekommen?

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"Ich wünschte mir mehr Wirtschaftsbücher von Frauen, weil das der Gesellschaft gut tun würde", findet Nina George.

Nina George: Wir wollten von dem Gefühl "Werden wir wirklich benachteiligt, sind wir weniger sichtbar in den Medien, im Feuilleton?" zum Argument, zum Fakt kommen. Und so haben wir 69 Medien über einen Zeitraum von 31 Tagen ausgewertet, eine Pilotstudie gemacht. Unterm Strich sieht es so aus, dass in Rezensionen Männer ungern über Frauen schreiben, sondern Männer schreiben am liebsten über Männer. Auf ungefähr zwei Werke von Autoren kommt allerhöchstens ein Werk einer Autorin. Das trägt nicht gerade zur Sichtbarkeit von Frauen bei.

Woran liegt es, dass Männer am liebsten über Männer schreiben?

George: Das wäre eine Frage, die man zurückspielen müsste in die Redaktionen. Wir haben bei verschiedenen Genres sogar noch höhere Auswürfe als dieses Zwei-zu-eins-Verhältnis: Im Sachbuch-Bereich sind fast 80 Prozent aller Besprechungen über ein Sachbuch von einem Mann, und im Krimi-Bereich schreiben sogar 82 Prozent aller männlichen Autoren am liebsten über Krimiwerke von Männern. Die Frage lautet: Warum? Ist es schlechte Angewohnheit? Ich glaube nicht, dass es Berechnung ist; kein Redakteur setzt sich hin und sagt: Jetzt benachteiligen wir mal die Frauen! Ich glaube, dass es eine Art Kombination ist von Sozialisation: Wie wachsen wir auf in der deutschen Gesellschaft? Wer hat hier was zu sagen? Wem hören wir lieber zu? Und gerade so etwas wie Krimi oder Sachbuch ordnet man den maskulinen Attributen zu: Der Mann weiß Bescheid in Sachen Krimi und in Sachen Sachbuch. Das ist eine schlechte Angewohnheit, die schon ganz früh beginnt: Womit werden wir konfrontiert in Schul- und Lehrmaterialien? Was haben wir uns angewöhnt? Wie schauen wir auf Frauen, wie auf Männer?

Kann es auch daran liegen, dass Frauen sich nicht trauen?

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George: Die Frage ist, was sie sich nicht trauen. Steigen wir in die Tiefe der Analysen ein und schauen uns die Veröffentlichungsraten an: Warum gibt es zum Beispiel deutlich weniger politische Sachbücher von Frauen? Liegt es wirklich an den Frauen, die sich nicht trauen, oder an den Lektoraten? Weil die Lektorate und die Programmgestalter der Verlage schon vorab wissen: Wenn ich ein Sachbuch von einer Frau habe, kriege ich es eh nicht in der Presse unter, denn das männlich dominierte Feuilleton übersieht es einfach. Es ist wirklich die Frage: Wo fängt es an? Klar, jeder Mensch könnte sich mehr trauen, als er oder sie eigentlich tut. Das fängt wahrscheinlich sogar schon bei den Verlagen an, denen ich manchmal zurufen möchte: Ordnet nicht immer den rosa Gefühlskram einer Autorin zu! Es hängt alles mit allem zusammen; man kann die Schuldfrage weder an die Frauen noch an die männlichen Redakteure weiterdelegieren.

Trotzdem habe ich den Eindruck, dass sich etwas bewegt. Trägerin des Deutschen Buchpreises ist in diesem Jahr eine Frau: Inger-Maria Mahlke. Vorab wurde schon gemunkelt: Es muss im Jahr 2018 eine Frau sein, nachdem die letzten vier Male immer ein Mann den Preis bekommen hat. Büchner-Preisträgerin 2018 ist ebenfalls eine Frau: Terézia Mora. Glauben Sie, dass die Emanzipation jetzt, vor allem nach der #MeeToo-Debatte, angekommen ist?

George: Davon bin ich überhaupt nicht überzeugt. Der Deutsche Buchpreis ist im Übrigen der "Streber" unter den ganzen Buchpreisen. Wir haben 550 Literaturpreise, 150 davon relevant und mit einem hohen Preisgeld versehen und der Deutsche Buchpreis ist bisher der einzige, der paritätisch ist - sonst gewinnen fünfeinhalb Mal mehr Männer. Wenn wir das aufholen wollen, sind wir in den nächsten 50 Jahren damit beschäftigt, das nur noch an Autorinnen zu verleihen. Ich denke, das werden wir nicht schaffen, genauso wie beim Nobelpreis. Ich denke aber auch, dass der Diskurs uns nützt. Es ist ja auch die Frage: Was nützt es uns, wenn Frauen sichtbarer sind? Wie erzählen sie uns die Welt, wovon erzählen sie uns? Gerade Sachbücher im Wirtschaftsbereich wären dahingehend wichtig, dass es nicht immer nur auf das Lob der Innovation, das Lob des Wachstums, das Lob des Gewinns ankommt, sondern mehr auf Ethik, Gestaltung, Erhalten. Ich wünschte mir mehr Wirtschaftsbücher von Frauen, weil das der Gesellschaft gut tun würde.

Wie lässt sich das ändern? Was sind erfolgversprechende Strategien für Männer und Frauen, sich aus diesen alten Gewohnheiten und Strukturen zu lösen?

George: Ich denke, dass wir in der Erziehung anfangen könnten, und da wiederum bei uns Autorinnen und Autoren selbst, indem wir uns fragen: Wie sehen eigentlich die Bilder aus, die wir in Kinder- und Jugendbüchern erschaffen? Darum werden wir uns auch bemühen, wir werden eine textliche Analyse von Kinder- und Jugendbüchern machen: Was stehen dort für Geschichten drin, welche Stereotypen gibt es, wie divers sind die? Wir werden analysieren, wie es mit den Schulbuch- und Lehrmaterialien an Hochschulen und Grundschulen aussieht, um dann Empfehlungen auszusprechen, um diesen Kanon zu überdenken. Und letztlich ist es so: Die Diskriminierung einer beliebigen Gruppe - ob das Frauen, Flüchtlinge, Rothaarige oder Linkshänder sind - das sind ja immer Systeme. Und bei diesen Systemen wirken sowohl Männer als auch Frauen mit. Und das heißt: Auch Frauen und Männer können es aufbrechen. Wir brauchen mehr Männer, die sagen: Ich finde es albern, wenn auf den Blick von der Hälfte der Menschheit verzichtet wird. Ich möchte, dass weder für mich, noch für eine integre Gesellschaft, noch für meine Töchter.

Das Interview führte Claudia Christophersen

Nina George © Knaur Droemer Verlag Foto: Marion Losse

"Männer schreiben ungern über Frauen"

NDR Kultur - Journal -

Wie steht es um den Frauenanteil in der Literaturbranche? Die Schriftstellerin Nina George spricht im Interview über das Projekt "Frauen zählen".

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NDR Kultur | Journal | 30.11.2018 | 19:00 Uhr

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