Stand: 03.05.2016 18:05 Uhr

Nikolaus Wachsmann über sein Buch "KL"

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Nikolaus Wachsmann beschreibt in seinem Buch "KL" die Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager.

"Alle Systeme, die auf die natürliche Gutherzigkeit des Menschen gegründet sind, werden für alle Zeiten davon erschüttert sein." Das schrieb der französische Autor Francois Mauriac in den späten 1950er-Jahren. Gemeint war die Geschichte einer unermesslichen Desillusionierung durch unermessliche Gewalt; die Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager. Man findet Mauriacs Satz in einem Buch, das sich dieser Geschichte widmet - in einer Weise, die es so noch nicht gab. Der aus München stammende, in England lehrende Historiker Nikolaus Wachsmann erzählt in seinem immensen Werk "KL", was in den deutschen Lagern geschah. Es trägt alles zusammen, was man über die deutschen Konzentrationslager bislang herausgefunden hatte - und fügt Unerforschtes hinzu. Eine Gesamtdarstellung der Geschichte der Lager, zusammenhängend erzählt von ihren Anfängen her, mit dem Blick und Bewusstsein dafür, dass sich "Geschichte" erst im Nachhinein zeigt, als hätte sie so geschehen müssen.

NDR Kultur: Herr Wachsmann, die erste Überraschung dürfte Viele gleich zu Beginn ereilen: Absolut überzeugend schildern Sie den improvisatorischen Charakter der frühen "KL", wie sie im Sprachgebrauch damals hießen. Hatte Hitler also doch keinen fertigen Plan für die Vernichtung seiner Feinde in der Tasche?

Nikolaus Wachsmann: Nein, die Nationalsozialisten haben, als sie an die Macht kommen, gar keinen genauen Plan, was die Lager, was die Zerstörung ihrer Feinde angeht, und müssen das Konzentrationslager erst noch erfinden. Das ist ein längerer Prozess, der sich immer wieder wiederholt. Die Lager sind ein unglaublich dynamisches System. Ein Gefangener, der 1933 in Dachau gesessen wäre, hätte Dachau 1939 nicht wiedererkannt. Das Lager ist neu gebaut, es sieht anders aus, es sind andere Gefangene im Lager. Der gleiche Gefangene hätte Dachau 1945 auch nicht wiedererkannt. Die Bilder des Lagers Ende April 1945 mit Leichenbergen - das bildet eine Realität des Lagers ab, aber nicht die ganze. Deswegen geht das Buch erst einmal zurück in der Zeit und zeigt das Lager 1939 und dann das Lager 1933: Niemand von denen kann absehen, was aus dem Lagersystem werden würde.

Sie erzählen weitgehend chronologisch, Sie entfalten das Prinzipielle am Einzelfall, bringen den Lesern konkrete Schicksale mit Namen benannter Menschen nahe. Hat das Methode? Ist das ein erzählerischer Kniff, um die Massen des bewegten Stoffs fasslich zu halten?

Wachsmann: Es war mir unglaublich wichtig, die Lagergeschichte nicht nur als eine Organisationsgeschichte zu erzählen, sondern als eine Geschichte aus den Augen derjenigen, die die Lager gemacht haben, sie erlitten haben, die Lager von außen gesehen haben. Es ist eine Geschichte, die versucht die Stimmen der Täter, die Stimmen der Opfer und auch die Stimmen der vielen Zuschauer, die damals von draußen auf das Lager geblickt haben, zu integrieren.

Es gab von Anfang an Morde in den Lagern. Sie waren fürchterlich, aber zunächst viel geringer, als man vermuten könnte. Es wird immer wieder klar, dass die Entwicklung an bestimmten Punkten anders hätte verlaufen können. Welche Faktoren haben zuletzt bewirkt, dass aus Konzentrationslagern Vernichtungslager wurden?

Buchtipp

Als die Konzentrationslager noch "KL" hießen

Bücher über die Zeit des Nationalsozialismus gibt es viele. Dieses hier hat aber noch gefehlt: Nikolaus Wachsmann erzählt die Geschichte der Konzentrationslager, ausgehend von ihrer Anfangszeit. mehr

Wachsmann: 1934/1935 gibt es einen Moment , wo es nach der Stabilisierung des Regimes sogar so aussieht, als ob diese Lager als Ganzes wieder verschwinden würden. Es gibt hohe Nazi-Chargen, die sagen: Wir wollen einen autoritären Staat aufbauen, aber einen Staat, der auf autoritärem Recht beruht. Wir brauchen diese außergerichtlichen Lager nicht mehr. Hitler sieht dann, dass es doch wichtig ist, für die Art einer Diktatur, die er aufbauen will, ein direktes Terrorinstrument zu haben, dass sich nicht auf Recht und Gesetz, wenn auch pervertiert, stützen muss. Und das ist der Anfang zum Aufbau dieses riesigen Systems, dass dann nicht zwangsläufig auf den Holocaust zusteuert. Es gibt immer wieder Momente, wo es auch andere Richtungen hätte einschlagen können.

Ihr Kollege Jörg Baberowski arbeitet in seinem Buch "Räume der Gewalt" Dynamik und Eigenlogik heraus, die Gewaltverhältnissen innewohnen. In Räumen der Gewalt sei zuletzt alles anders: Hier gelte nichts, was außerhalb gelte, so in etwa Baberowski. Ließe sich das für die Entwicklung der Geschichte der Konzentrationslager in Anschlag bringen?

Wachsmann: Mir war es natürlich wichtig, über die Täter und ihre Motivationen zu schreiben. Es wird aber sehr schnell klar, dass es den typischen SS-Täter in der Form nicht gibt. Das Bild, was sich oft in Memoiren von Häftlingen erschließt, ist das Bild von Bestien, von Sadisten - und natürlich gab es die. Aber wie Primo Levi schon schrieb, seien die Bestien dann doch relativ gering an der Zahl, und gefährlicher seien die "normalen" Menschen. Und da gibt es ganz verschiedene Motivationen: Es gibt Leute, die vollkommen an die NS-Ideologie glauben und sich ihr verschreiben; es gibt die, die in den Lagern Karriere machen wollen, die dort pekuniär und anderweitig groß verdienen; es gibt diejenigen, die sich einfügen - und das ist vielleicht die größte Zahl derjenigen, die mitmachen, die sich dran gewöhnen. Und das ist eine der Lehren des Buches: wie einfach es doch zu sein scheint, Taten zu begehen, von denen man früher gesagt hätte, das sei unmöglich. Es gibt den SS-Arzt, der in Auschwitz ankommt, die erste Selektion an der Rampe mitmacht und zusammenbricht und sagt, er könne das nicht, er werde da nicht mitmachen. Aber innerhalb von ein paar Wochen macht er mit, weil er sich daran gewöhnt hat und wird sogar von seinen Vorgesetzten belobigt.

Im sogenannten kollektiven Gedächtnis der Deutschen verengt sich die Geschichte der Konzentrationslager oft auf den emblematischen Namen Auschwitz. Hat dieser Blick auf Auschwitz - so nötig er ist - den Blick auf die Geschichte der Lager insgesamt und auf das, was diese Geschichte lehren könnte, verstellt?

Wachsmann: Ja und nein. Man kann natürlich keine Geschichte der Konzentrationslager schreiben ohne Auschwitz. Trotzdem muss man sagen, dass Auschwitz kein Synonym für den Holocaust oder für die Lager war. Auschwitz war immer mehr als der Holocaust. Auschwitz wurde 1940 von den Nationalsozialisten nicht zur Ermordung der Juden Europas gebaut, sondern zur Vernichtung der polnischen Opposition. Gleichzeitig ist der Holocaust mehr als Auschwitz. Zwar gibt es keinen mörderischeren Ort als Auschwitz und nirgends anders wurden mehr Juden umgebracht als dort. Dennoch wurden mehr Juden anderswo getötet: in Gräben, in Feldern in Osteuropa, in speziellen Tötungsanstalten wie Treblinka, die keine Konzentrationslager waren. Auschwitz war das größte und das tödlichste Lager. Gleichzeitig ist Auschwitz Teil eines Netzes von Lagern und wird von diesen Lagern beeinflusst. Dachau, das erste Lager der SS, ist schon sieben Jahre alt, wenn Auschwitz eingerichtet wird. Es wird beeinflusst von den Regeln, die sich in Dachau herausgebildet haben. Das sieht man auch am Personal: Der erste Kommandant von Auschwitz, Rudolf Höß, kommt aus der Dachauer Schule. Er hat in Dachau gelernt, wie man Gefangene misshandelt, dann, in Sachsenhausen, wie man Gefangene umbringt, und lernt schließlich in Auschwitz, wie man den Völkermord umsetzt.

Ich habe anfangs Mauriac zitiert, die Lager würden die Überzeugung vom guten und hamanen Kern unserer Spezies auf alle Zeiten erschüttern. Sie warnen davor, allzu universelle Einsichten aus der Lagergeschichte ableiten zu wollen, eine Mystifizierung zu betreiben. Warum?

Wachsmann: Wenn es eine einfache Antwort auf die Frage gibt, was die Lager waren, hätte ich kein Buch schreiben müssen, was 1.000 Seiten lang ist. Mauriac hat zum Teil Recht, aber doch gibt es immer wieder Geschichten, die sogar im Lager, im Ort der größten Unmenschlichkeit, Menschliches zeigen. In einem Kapitel schreibe ich über Ungehorsam, wie Gefangene einander helfen, wie sie Formen finden, gegen die SS zusammenzuarbeiten. Es gibt sogar erstaunliche Beispiele aus Auschwitz, wo es Gefangenen gelingt, die Judenermordung zu fotografieren und diese Fotos aus dem Lager zu schmuggeln. Es gibt also auch im Lager, trotz der Übermacht der SS, immer wieder Möglichkeiten für die Gefangenen, einen gewissen Widerstand zu leisten und zu versuchen, ihre Menschlichkeit zu behaupten.

Das Interview führte Ulrich Kühn.

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NDR Kultur | Journal | 03.05.2016 | 19:00 Uhr

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Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: http://www.ndr.de/kultur/Nikolaus-Wachsmann-ueber-sein-Buch-KL,journal352.html

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