Stand: 10.09.2018 18:18 Uhr

"Die Diskussion ist politischer und rauer geworden"

Wie wollen wir miteinander umgehen? Wie wollen wir uns die Meinung sagen? So wie es derzeit oft im Internet geschieht? Eher nicht. Besonders Menschen, die sich in Diskussionen nach vorne wagen, die eine eigene Haltung vertreten, werden nicht selten von Hass-Kommentaren im Netz überrollt. Verändert sich also unsere ganze Diskussions- unsere Debattenkultur? Gehören am Ende Beleidigungen zum "guten Ton"? Fragen an Niels Rasmussen, den Leiter des Programmbereichs Online und Multimedia beim NDR.

Herr Rasmussen, spüren Sie bei Ihrer täglichen Arbeit, dass der Ton bei den Kommentaren im Netz rauer wird?

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Niels Rasmussen ist Leiter des Programmbereichs Online und Multimedia des NDR.

Niels Rasmussen: Ja, das können wir feststellen. Das ist ein Prozess, der seit ein paar Jahren anhält. Wir haben das mit dem Beginn der Ukraine-Krise gemerkt, dass die Diskussion politischer und rauer wurde, auch 2015 mit dem Thema Migration. Es wird rauer, es wird mehr geschimpft, mehr gebrüllt, und wir müssen mehr Kommentare nicht freischalten.

Sie sind schon lange mit dabei und haben auch den Beginn der Kommentarfunktion miterlebt. Die Verschärfung des Tones scheint aber erst ein Phänomen der letzten Jahre zu sein.

Rasmussen: Ja, die Kommentarfunktion selbst ist natürlich schon älter: Es sind vielleicht 15 Jahre, dass man Artikel kommentieren kann. Es hat mit der Veränderung der Onliner zu tun. Heute ist quasi jeder online - früher war es eine ausgewählte Zielgruppe. Facebook und die großen sozialen Netzwerke spielen seit sechs, sieben Jahren eine wichtige Rolle. Aber der Ton hat sich sukzessive nicht zum Positiven entwickelt; gerade in den letzten vier, fünf Jahren merken wir das sehr massiv.

Es wird ja nicht alles, was den NDR erreicht, auch veröffentlicht, da wird gefiltert. Ab wann entscheiden Sie, wenn etwas zu weit geht? Wo ist da die Grenze?

Rasmussen: Wir machen das sehr transparent. Der NDR, wie auch alle großen Anbieter, haben eine sogenannte Netiquette, wo bestimmte Verhaltensregeln festgelegt sind. Dazu gehört unter anderem, dass man keine rassistischen, sexistischen Äußerungen machen darf, keine Schmähkritik, keine persönlichen Vorwürfe ohne irgendeine Art des Belegs bringen kann und natürlich keinerlei Beschimpfungen. Es gibt also eine Reihe von Spielregeln, die wir setzen müssen, damit die Diskussion im Rahmen bleibt, und die versuchen wir dann auch durchzuhalten.

Es geht oft auch darum, dass Sie die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter schützen, denn einige stehen ziemlich im Rampenlicht und werden sehr hart angegangen. Können Sie da ein paar Beispiele nennen?

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Rasmussen: Das merken wir besonders dann, wenn sich Menschen klar positionieren. Ich denke zum Beispiel an Kommentare von Anja Reschke - da gibt es sehr viele Angriffe von Menschen, die anderer Meinung sind. Überall da, wo wir denken, dass es den Rahmen sprengt, schalten wir es nicht frei. Man muss das ein bisschen unterscheiden: Wenn man bei uns auf den Seiten einen Kommentar abgibt, dann lesen wir den zuerst und veröffentlicht nur das, was diesen Spielregeln entspricht. Bei Facebook oder in sozialen Netzwerken ist es in der Regel erst öffentlich, und wir können es nachgelagert ausblenden.

Es gibt verschiedene Mittel und Wege, mit dieser Kommentarflut umzugehen: Die Deutsche Welle etwa hat sich entschieden, die Kommentarfunktion ganz abzuschalten. Können Sie diese Haltung nachvollziehen?

Rasmussen: Nachvollziehen kann ich das schon. Wir haben das intern in den letzten Jahren immer mal wieder diskutiert, gerade mit den Kollegen der Tagesschau, bei denen noch sehr viel mehr kommentiert wird als beim NDR. Das ist auch immer eine Frage des Aufwands. Beim NDR, bei unseren verschiedenen Facebook-Präsenzen reden wir über viele Tausend Kommentare pro Tag - bei Tagesschau sind das 12.000 bis 15.000. Auf den eigenen Seiten haben wir auch etwa 750 am Tag, und das bedeutet auch Aufwand. Das heißt, ich kann das nachvollziehen. Ich kann auch ein Stück weit nachvollziehen, dass man nicht immer den Eindruck hat, dass das, was am Ende auf den Seiten steht, förderlich ist, dass es eine gute Debatte ist, die auch für den unbeteiligten Leser einen Mehrwert bringt. Aber wir haben uns entschieden, das weiterzumachen, weil wir als öffentlich-rechtlicher Rundfunk auch das Ziel verfolgen, eine Plattform für eine Diskussion zu bieten. Wir wünschen uns manchmal etwas mehr Sachlichkeit, dass wir Inhalte kriegen, von denen auch ein Leser dieser Kommentare profitiert. Ich denke, als öffentlich-rechtlicher Rundfunk sind wir gut beraten, hier offen zu sein und eine Plattform für den Diskurs anzubieten.

Es ist vielleicht auch eine Haltung für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk, dass man sagt: Wir sind in der Lage, manchmal unfaire, hitzige, auch beleidigende Debatten auszuhalten.

Rasmussen: Ja, ich glaube, das gehört dazu. Wir als öffentlich-rechtlicher Rundfunk sind gut beraten, wenn wir uns der Diskussion stellen. Wir haben alle erlebt, dass in den letzten Jahren die Rufe lauter werden, die unsere Glaubwürdigkeit infrage stellen, die hinterfragen, wie unparteiisch wir sind. Einer solchen Diskussion kann man sich nicht entziehen. Ein gutes Beispiel gab es bei der Tagesschau bei dem Format "Sag's mir ins Gesicht", wo bekannte Programm-Protagonisten oder der Chefredakteur im Videostream mit den Leuten selber in die Diskussion eingestiegen sind. Und man kann es sich fast denken: Das war eine sehr viel ruhigere, sachlichere Diskussion, und viel von dem, was im Schutz der Anonymität an Schmähkritik geäußert wird, kommt in so einem Format nicht vor.

Denken Sie allgemein, dass das Internet die Menschen ungehobelt, unfreundlich, respektlos macht und das dann auch Auswirkungen auf unser gesellschaftliches Miteinander hat?

Rasmussen: Zunächst einmal lässt sich festhalten, dass wir im Internet mit denselben Leuten reden, mit denen wir auch im Sportverein spielen oder die wir beim Einkaufen treffen. Es gibt nicht diese ominöse Netzgemeinde, die aus ganz anderen Leuten besteht. Etwa 30 Millionen Deutsche sind bei Facebook - das ist ein nicht unwesentlicher Teil unserer Bevölkerung. Ein Aspekt ist der Schutz der Anonymität, der Leute Dinge sagen lässt, die sie öffentlich, mit ihrem Namen verbunden, nicht sagen würden. Das Zweite ist der Effekt, dass man sehr schnell auf Gleichgesinnte trifft. Außerdem gibt es diesen Filterblaseneffekt, dass ich mich immer in meiner bestimmten Welt aus Menschen, die eine ähnliche Meinung haben, und Quellen, die diese Meinung stützen, bewege. Diese Effekte führen dazu, dass sich Leute eher bestätigt fühlen und der Meinung sind, dass man dieses oder jenes doch sagen könnte. Klar, gerade durch die Anonymität der Kommunikation verrohen die Sitten ein bisschen. Allerdings ist es nicht per se ein Internet-Thema, sondern grundsätzlich eine Frage der anonymen Kommunikation, die das Internet bereitstellt.

Das Interview führte Martina Kothe

Niels Rasmussen © NDR Foto: Christian Spielmann

"Die Diskussion ist politischer und rauer geworden"

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NDR Kultur | Journal | 10.09.2018 | 19:00 Uhr

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Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: https://www.ndr.de/kultur/Niels-Rasmussen-zur-NDR-Debatte,journal1442.html
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