Stand: 25.01.2017 13:31 Uhr

Niedersachsen: Politische Bildung ist wieder zugänglich

"Fake news" und "alternative Fakten", Populismus und Politikverdrossenheit, Verschwörungstheorien und antidemokratische Hetze - all das scheint heute fast Alltag zu sein. Um dem entgegenzusteuern gibt es die Bundeszentralen und in allen Bundesländern auch die Landeszentralen für politische Bildung. Und das seit heute tatsächlich in allen Bundesländern: Nämlich auch wieder in Niedersachsen, wo diese Institution im Jahr 2004 mal geschlossen worden war. Ein Gespräch mit der neuen Direktorin Ulrika Engler.

NDR Kultur: Ein paar der schlimmsten Phänomene habe ich gerade schon beschrieben. Und Sie haben diesen Mangel an politischer Bildung nun auszuwetzen. Wie kann das im Jahr 2017 funktionieren?

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Die Theologin Ulrika Engler ist die Leiterin der wiedereröffneten Landeszentrale für politische Bildung in Niedersachsen.

Ulrika Engler: Ja, Sie haben da ganz wichtige Stichpunkte genannt. Die Landeszentrale hat erstmal die Aufgabe und den Ansatz, die politische Bildung, die es ja auch in den ganzen Jahren ohne Landeszentrale in Niedersachsen gab und die auch gute Arbeit gemacht hat, wieder miteinander zu vernetzen, ins Gespräch zu bringen und insgesamt weiter zu entwickeln. Und der inhaltliche Schwerpunkt ist, erstmal auch junge Menschen für die politische Bildung und für eine lebendige Demokratie zu erreichen. Weil junge Leute in einer Phase sind, in der es darum geht, eigene Positionen zu entwickeln; zu gucken, was ist meine Meinung; wofür will ich stehen im meinem Leben und in meinem Umfeld. Und sich da einzuklinken und ins Gespräch zu bringen und diese Prozesse zu unterstützen, ist natürlich eine tolle Aufgabe für eine Landeszentrale für politische Bildung.

Was sind da Ihre Kriterien? Wer wird Ihnen da womöglich auch mit politischen Interessen reinreden wollen?

Engler: Erstmal geht es einfach darum, wirklich Angebote für die jungen Leute zu schaffen. Und da gilt es, ein sehr breites Spektrum zu erreichen, das ist Aufgabe einer Landeszentrale. Da nicht nur einzelne Gruppierungen anzusprechen, sondern eben Menschen, die wirklich verschiedene Interessen vertreten. Und auch zu gucken, dass wir da Angebote für alle schaffen. Das ist für mich die Grundlage. Dafür ist eine Landeszentrale da.

Bei Schülern ist es ja verhältnismäßig einfach, stellt man sich vor: Da treten Sie mit Unterrichtsmaterial hervor und da bleibt den Schülern eigentlich gar keine große Wahl, wenn die Lehrer das auf den Tisch legen, die müssen sich dann damit beschäftigen. Wie wollen Sie aber langfristig mit jüngeren Menschen arbeiten oder die auch an diese politische Bildung heranführen?

Engler: Wir wollen gerade gezielt auch den außerschulischen Bereich ansprechen. Und auch da gibt es ja viele spannende Methoden und Möglichkeiten und darauf setzen wir mit der Landeszentrale. Da ist das Internet eben besonders spannend. Neben allen Risiken, die Sie ja auch schon genannt haben, ist es natürlich ein super Instrument für die Demokratie. Es ist klasse, wie viel Informationen da bereit stehen, die man schnell recherchieren kann. Man kann sich super darüber austauschen, ganz unkompliziert, und man kann sich beteiligen und seine Meinung äußern. Und darüber junge Leute anzusprechen und sie mitzunehmen - das ist ein super Instrument in der Landeszentrale.

Sie sprechen jetzt viel von jungen Menschen. Wir erleben aber gerade auf den Straßen und an den politsch äußeren Rändern, dass da sehr viele Menschen über das politische Establishment schimpfen, über die Verschwörungen, die sich angeblich an der Staatsspitze zusammenfinden et cetera. Sind diese Menschen überhaupt erreichbar?

Engler: Wir müssen mit der politischen Bildung natürlich breiter denken. Erstmal geht es darum, alle anzusprechen, jedenfalls allen Möglichkeiten zu schaffen, an Informationen zu kommen und mitzumischen. Der Schwerpunkt liegt auf jungen Leuten. Und dann werden wir verschiedene Formate und Angebote entwickeln, um uns da auch breit aufzustellen.

Wie hat man sich das vorzustellen? Sie sprechen jetzt davon, Projekte und Konzepte zu entwickeln. Wie sieht das dann am Ende konkret aus?

Es gibt schon zwei Projektideen, zwei Konzepte, die auch direkt an den Start gehen: Einerseits arbeiten wir da mit Methoden wie Geocashing oder auch Games, um die Lebenswelt abzubilden und Zugänge zu schaffen, auf die junge Leute Lust haben, in denen sie sich eh bewegen und an denen sie Spaß haben. Wie Leute in Bewegung zu bringen und selber kreativ zu werden, indem man zum Beispiel ein Cash entwickelt und legt (Anm. d. Red.: eine Schnitzeljagd mit GPS-Koordinaten) und damit für andere wieder spannende Informationen hinterlässt. Dann sind natürlich jetzt im Superwahljahr 2017 mit der Landtagswahl 2018 die Wahlen ein wichtiges Thema. Da ist mit dem Wahl-O-Maten im Grunde ein Standardinstrument geplant, den ich aber ganz wichtig finde, um ein Wahlprogramm auch verständlich darzustellen. Und um die oft komplexen Zusammenhänge und langen Texte, die die Politik aufstellen muss, um verschiedene Aspekte unterzubringen, nochmal breit und verständlich aufzubereiten und über ein paar Klicks auch einen ersten Zugang zu schaffen.

Wessen Sprache sprechen Sie dann, beispielsweise in Streitfragen? Nehmen wir in Niedersachsen den Islamvertrag: Der wird sehr kontrovers diskutiert, die Diskussion ist im Moment auch bis zur Landtagswahl auf Eis gelegt, bzw. deren Abschluss. Wenn ich mich jetzt bei Ihnen über diese Streitigkeiten informieren will, müssen Sie ja im Grunde Position beziehen, um mir klar zu machen, was da aufeinandertrifft und worum es geht. Wie verhalten Sie sich da?

Wir beziehen insofern Position, als wir möglichst die verschiedenen Interessen, die dahinter stecken, und die verschiedenen Meinungen sehr genau darstellen. Wir stehen als Landeszentrale nicht auf einer festen Seite, sondern es geht ja darum, den Leuten die Chance zu bieten, eine eigene Meinung zu entwickeln. Und welche Meinung sie am Ende vertreten, das ist nichts, was wir vorgeben - auf gar keinen Fall.

Lassen Sie uns abschließend noch einmal praktisch werden: Wie ist der Weg der Zuhörerinnen und Zuhörer zu Ihnen? Früher konnte man ankreuzen, welche Hefte man von der Bundes- oder Landeszentrale zugeschickt bekommen möchte und bekam dann zum Bespiel ein Grundgesetz zugeschickt. Das sind heute natürlich nicht mehr adäquate Mittel. Wie erreichen Sie die Menschen oder wie erreichen die Menschen Sie?

Da wählen wir ganz bewusst eine andere Form: Aktuell erreichen Sie die Landeszentrale über unsere Webseite und da sind natürlich auch die verschiedensten Kontaktmöglichkeiten angegeben. Und das werden wir Schritt für Schritt ausbauen. Über Social Media werden wir auf jeden Fall präsent sein. Aber man kann auch zum Telefonhörer greifen. Und wenn es irgendein Anliegen gibt, das politische Bildung betrifft, dann sind wir die richtigen Ansprechpartner.

Das Interview führte Jürgen Deppe.

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NDR Kultur | Journal | 25.01.2017 | 19:00 Uhr

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