Stand: 15.01.2020 17:49 Uhr

Neuregelung der Organspende: "Großes Unbehagen"

Am Donnerstagvormittag hat der Bundestag in Berlin neue Regeln für die Organspende beschlossen. Künftig soll die sogenannte Erweiterte Entscheidungsregelung gelten. Alle Bürgerinnen und Bürger werden demnach künftig regelmäßig gefragt, ob sie Spender sein wollen.

Der Gesetzentwurf von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn stand am Donnerstag zur Debatte. Danach soll jeder Mensch nach Feststellung des Hirntodes automatisch zum Organspender werden, wenn sie oder er zu Lebzeiten nicht ausdrücklich dagegen Widerspruch erhoben hat und das nach dem Tod die Angehörigen auch nicht tun. Deshalb ist in dem Entwurf auch von einem "doppelten Widerspruch" die Rede. Der Widerstand gegen diese Änderung des Transplantationsgesetzes ist beträchtlich. Ein Gespräch mit der Medizinethikerin Jutta von Campenhausen.

VIDEO: Das lange Warten auf ein Spenderorgan (4 Min)

Frau von Campenhausen, wenn Sie im Bundestag mit abstimmen dürften, wie würden Sie sich entscheiden?

Jutta von Campenhausen: Ich würde mich gegen die Widerspruchslösung entscheiden.

Warum?

Von Campenhausen: Weil wir in der Medizinethik immer großen Wert auf die Informierte Einwilligung legen. Das heißt, man sollte Entscheidungen treffen, weil man das aktiv tut und sich informiert hat. Wenn der Staat sagt: "Dein Körper gehört mir - es sei denn, du hast den Wunsch, deine Leber mit ins Grab zu nehmen", dann finde ich das sehr befremdlich.

Aber wir müssen doch konstatieren, dass wir in Deutschland viel zu wenige Menschen haben, die bereit sind, Organe nach dem Tod zu spenden. Wir importieren derzeit Organe für diese Fälle. Ist das ethischer?

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Eine Box mit einem menschlichen Organ. © DSO Foto: J. Rey

Organspende: Spendenbereitschaft aktiv erklären

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Von Campenhausen: Das ist in der Tat ein Problem, dass wir zu wenig Spenderorgane haben. Aber die Frage ist, ob die Widerspruchslösung das ändern würde - da gibt es große Zweifel. Gerne wird als Beispiel Spanien genannt, wo es die Widerspruchslösung gibt und viel höhere Spenderraten. Das stimmt. Aber die hatten zehn Jahre lang, nachdem die Widerspruchslösung eingeführt wurde, überhaupt keine erhöhten Spenderraten. Erst als die Infrastruktur geschaffen und Transplantationsbeauftragte installiert wurden, gingen die Zahlen hoch. Offensichtlich war nicht die Widerspruchslösung, sondern strukturelle Maßnahmen maßgeblich dafür.

Und meinen Sie, die wären bei uns ausreichend?

Von Campenhausen: Die sind nicht ausreichend, aber die sind gerade aufgestockt worden. Die Kliniken bekommen mehr Geld für die Organentnahme. Das heißt nicht, dass sie damit Geld verdienen, sondern dass sie keine Miesen mehr machen oder nicht so viele. Denn das ist aufwendig. Es soll auch verbessert werden, dass mehr Spender gemeldet werden. Nicht immer ist es so, dass jeder, der potenziell ein Organ spenden könnte, auch entsprechend behandelt wird.

Warum tun wir Deutschen uns eigentlich so schwer?

Von Campenhausen: Das ist eine gute Frage. Ich kann darüber nur spekulieren. Ich weiß gar nicht, ob wir uns so schwer damit tun. Es gibt Umfragen, denen zufolge 84 Prozent der Deutschen der Organspende positiv gegenüberstehen.

Wenn sie selbst ein Organ erhalten würden - aber als Organspender eher weniger.

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Im OP wird ein Organ transplantiert. © DSO Foto: J. Rey

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Von Campenhausen: Ja, das stimmt. Ich glaube, dass es viel mit Emotionen und mit Kommunikation zu tun hat. Wenn ich Leute frage, wie sie das sehen, wofür sie stimmen würden, dann merke ich ein großes Unbehagen bei der Widerspruchslösung. Die Menschen haben Angst, dass man dann in der Klinik nicht mehr als Patient, als Mensch behandelt wird, sondern irgendwann nur noch als potenzielles Ersatzteillager.

Viele Menschen sind bereit, ein fremdes Organ anzunehmen, wenn es ihnen sehr schlecht geht, aber sie sind nicht bereit, selber etwas zu spenden. Wie kommt es zu diesem Ungleichgewicht?

Von Campenhausen: Ich kann mir das nur so erklären, dass diese Leute nicht richtig informiert sind. Das ist auch ein etwas grotesker Zustand, zu sagen: nehmen, gerne - geben, lieber nicht so gerne. Das kann man zwar irgendwie verstehen, aber das ist keine praktikable Lösung für eine Gesellschaft.

Wenn der Hirntod festgestellt worden ist - das ist ja die Voraussetzung -, dann geht es oft sehr schnell. Ist es dann nicht für die Angehörigen sehr schwierig, den soeben Verstorbenen direkt freigeben zu müssen?

Von Campenhausen: Ja, das ist ein Riesenproblem. Ich habe versucht herauszubekommen, wie viele potenzielle Spender es gibt, die man "nutzen" könnte, wenn es die Widerspruchslösung gäbe, aber es ist ganz schwer, an Zahlen heranzukommen. Aber ich habe gelesen, dass es im vorletzten Jahr über 700 Angehörige gab, die der Organentnahme nicht zugestimmt haben. Da würde die Widerspruchslösung nichts ändern, denn wenn die Angehörigen aktiv sagen, dass sie das nicht wollen, dann sind das offensichtlich Leute, die Widerspruch einlegen. Ich glaube, in der Situation war es vielleicht so, dass das Gespräch nicht geschickt geführt wurde. Damit meine ich nicht, dass man "verkäuferisch" sein muss und die Leute überreden muss, sondern man braucht sehr viel Einfühlungsvermögen.

Das Gespräch führte Jürgen Deppe

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 15.01.2020 | 19:00 Uhr

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