Stand: 07.09.2020 12:26 Uhr  - NDR Kultur

"Ghost Light": Berührend ohne Berührungen

von Annette Matz

An der Hamburgischen Staatsoper feierte am Sonntagabend die Oper "Ghost Light" Uraufführung. Vorher gab es eine große Frage: Wie soll ein Ballett unter Corona-Regeln funktionieren? Gerade dort, wo das Berühren und die körperliche Nähe alles sind. Doch Ballettchef John Neumeier hat Corona ausgetrickst: In seiner neuesten Kreation hat er den Abstand nicht nur eingehalten, sondern zur emotionalen und choreografischen Grundlage gemacht.

Das Publikum an der Staatsoper Hamburg sitzt im Corona-Abstand vor der Uraufführung von "Ghost Light" © NDR Foto: Annette Matz
Mit Abstand wartet das Publikum auf den Beginn des Balletts.

Alles ist in diesen Zeiten anders. Nicht nur, dass gerade einmal 500 statt knapp 1.700 Zuschauer und Zuschauerinnen auf den samtroten Stühlen der Staatsoper Platz nehmen. Auch die Begrüßung fällt anders aus. Hamburgs Ballettchef John Neumeier bittet vom Tonband um die Einhaltung aller Corona-Maßnahmen, kommt dann aber vor der Vorstellung sogar noch persönlich auf die Bühne.

VIDEO: "Ghost Light" - Ballett in Corona-Zeiten (3 Min)

Ballettchef Neumeier bedankt sich tief bewegt

Choreograph John Neumeier (Mitte) verbeugt sich mit seinem Ballett-Ensemble an der Staatsoper Hamburg nach der Uraufführung von "Ghost Light" © NDR Foto: Annette Matz
Choreograf John Neumeier (m.) hat mit seinem Ensemble unter schwierigen Bedingungen gearbeitet.

Wie schwierig und emotional die Arbeit unter Corona-Bedingungen war, spürt man bei Neumeiers tief bewegter Rede: "Am meisten bedanke ich mich bei meinem Ensemble, und meinen Ballettmeistern." Die Tänzer und Tänzerinnen seien auch Hauptthema des Abends: ihre Beziehungen und alles, was man in dieser sonderbaren Zeit erlebt habe - wie Unsicherheit, Hoffnung, Hoffnungslosigkeit. Das spiegelt dieses Ballett in der Tat: Es geht um Ängste, Humor und Liebe, aber auch die Angst, diese Liebe zu verlieren und die über allem schwebende Frage, wie mit dieser neuen Situation umzugehen ist.

Minutenlange Stille zu Beginn von "Ghost Light"

Ein Tänzer tanzt im Hamburger Ballett "Ghost Light" neben einer Glühbirne. © Kiran West Foto: Kiran West
Wenig lenkt von den Tänzern ab: Nur das "Ghost Light" erhellt die Bühne.

Verstört kommt zu Beginn Tänzerin Anna Laudere herein, redet, geht nach vorne und zuckt - wohl vor Shutdown-Übelkeit. Auch als die anderen kommen, ist es erst einmal minutenlang still. Es gibt keine Musik, nur endlich wieder Bewegung. Auf der riesigen schwarzen Bühne ist dafür viel Platz: Dort steht sonst nur noch das "Ghost Light" - eine brennende nackte Glühlampe auf einem schweren Eisenständer. Ein Licht, das die Bühnengeister wieder wecken soll. Musikalisch beginnt der Abend dann aber wunderbar weich und zart: Pianist Michał Białk spielt Schuberts Klaviermusik rein und mit voller Tiefe.

Zusammen tanzt nur, wer auch zusammen lebt

Drei Tänzer mit weitem Abstand zueinander bei der Premiere des Balletts "Ghost Light" in Hamburg. © Kiran West Foto: Kiran West
Mit weitem Abstand zueinander tanzen die meisten der Tänzer die "sorgsam arrangierten" Miniaturen.

55 Tänzer und Tänzerinnen wechseln sich auf der Bühne ab und erzählen ihre Geschichten. Manche tauchen immer wieder auf - wie Aleix Martínez, der sich so verquer bewegt, als wäre nichts mehr richtig in dieser Zeit. Oder Karen Azatyan und Atte Kilpinen, die in fast fröhlicher Bewegung alles mit Humor zu nehmen scheinen. Das alles ist eine Folge "sorgsam arrangierter" Miniaturen, so beschreibt John Neumeier selbst seine Kreation. Manchmal könnte man den Abstand gefühlt mit dem Maßband kontrollieren. Allein auf der Bühne, und trotzdem zusammen. Oder umgekehrt? Nur wer auch privat zusammenlebt, durfte sich näher kommen. So gab die Compagnie bei den beeindruckend berührenden Pas de Deux auch noch ganz Privates preis.

Reduzierter Ballett-Abend voller Emotionen

Es ist ein reduzierter Abend, nur begleitet von Franz Schuberts Klaviermusik und ohne aufwendige Kostüme, dafür mit viel Applaus am Schluss. "Gerade in dieser Zeit sowas zu erleben, macht einen so richtig glücklich", sagt eine Besucherin über "Ghost Light". John Neumeier schreibt mit diesem Corona Ballett so etwas wie Zeitgeschichte. Und eine berührende noch dazu.

"Ghost Light": Berührend ohne Berührungen

Hamburgs Ballettchef John Neumeier inszeniert "Ghost Light" an der Staatsoper Hamburg. Am Sonntag war Uraufführung dieses berührenden Stücks, das Zeitgeschichte schreiben könnte.

Art:
Bühne
Datum:
Ende:
Ort:
Staatsoper Hamburg - Großes Haus
Dammtorstraße 28
20354  Hamburg
Telefon:
040 / 35 68 0
Preis:
5 bis 87 Euro
Öffnungszeiten:
1 Stunde 40 Minuten Aufführung - keine Pause
Kartenverkauf:
Große Theaterstraße 25
20354 Hamburg
Öffnungszeiten: montags - sonnabends 10.00 - 18.30 Uhr

Tel. 040 / 35 68 68 (10.00 - 18.30 Uhr) oder ticket@staatsoper-hamburg.de
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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 07.09.2020 | 06:20 Uhr