Stand: 18.04.2019 17:29 Uhr

Neue "alte" Protestkultur? Ostermärsche im Aufwind

von Wieland Gabcke

Bei den aus Großbritannien stammenden Ostermärschen wird traditionell für Frieden und Abrüstung demonstriert. Im Kalten Krieg gingen Tausende gegen Atomwaffen auf die Straße - aber seit dem Fall des Eisernen Vorhangs ist es stiller um die Friedensbewegung geworden. Doch die weltpolitische Lage und junge Protestbewegungen wie "Fridays for Future" lassen die Friedensbewegung wieder aktiver werden, etwa in Göttingen.

Bild vergrößern
Bei den Ostermärschen wird traditionell für Frieden und Abrüstung demonstriert.

Ostermärsche in Göttingen - das ist lange her. 1982 hatte Anne Schreiner einen großen Ostermarsch gegen den Nato-Doppelbeschluss mitorganisiert. Mitte der Neunziger zog dann die Bundeswehr aus Göttingen ab, damit hörten auch die Ostermärsche auf, erzählt die heute 75-Jährige: "Das ist natürlich lange vorbei, aber, das wissen viele nicht: Bundesweit gibt es sehr beständige Gruppierungen, die friedensbewegt und auch organisatorisch arbeiten. Es gibt also ein gutes Gerüst. Aber nicht an jedem Ort sind so viele Menschen, dass sie einen Ostermarsch hinkriegen."

Zumindest wieder eine Kundgebung

1982 haben rund 1.200 Menschen in Göttingen demonstriert, beim Ostermarsch um ein damaliges Truppenübungsgelände, erzählt Schreiner. Heute sind dort Wald und Wiesen für Spaziergänger. Ostermärsche hat Göttingen schon lange nicht mehr gesehen. Jetzt gibt es zumindest wieder eine Kundgebung. Nicht auf dem Marktplatz am Gänseliesel, dort herrscht der Ostermarkt mit Frittenbuden und Karussell, sondern am Nabel, einem bekannten, aber deutlich kleineren Treffpunkt in der Göttinger Innenstadt.

Ein Anlass für die Kundgebung: der Streit zwischen den USA und Russland um Atomraketen. "Trump habe ich einiges zugetraut, aber als das INF-Abkommen gekündigt wurde, war ich sehr entsetzt und habe auch geweint", erinnert sich Schreiner. "Aber nachdem ich so verzweifelt war, wurde ich wütend und habe mich informiert. Dann kam diese Idee auf, dass wir etwas machen sollten, und ich war sofort dabei."

Ein Bündnis für Umweltschutz und Frieden

Ganz wichtig war Anne Schreiner ein breites Bündnis aus alten Friedensaktivsten, Gewerkschaftsgruppen und den jungen Leuten von "Fridays for Future": "Als wir diese Kundgebung planten, habe ich sofort versucht, diese Gruppe zu erreichen, per Mails und auch über Telefon - das war nicht ganz einfach."

Weitere Informationen

#FridaysForFuture: In den Ferien auch mit Lehrern

Trotz Osterferien haben sich in Niedersachsens Städten Schüler zu den #FridaysForFuture-Protesten getroffen. Unterstützt wurden sie unter anderem von Eltern und Lehrern. mehr

Nicht einfach, auch deshalb, weil sich "Fridays for Future" vor allem über Whatsapp organisiert und nicht mehr per Mail oder Telefon. Leonard Krayer von "Fridays for Future" Göttingen erzählt, warum die Gruppe bei der Ostermarsch-Kundgebung mitmacht: "Wir haben mit Frieden natürlich überhaupt kein Problem. Dieser ökologische Aspekt bildet die Schnittmenge."

Es gebe große Gemeinsamkeiten zwischen der alten Friedensbewegung und "Fridays for Future", sagt der 18-jährige angehende Abiturient: "Umweltschutz und Frieden - das sind Sachen, die sich jeder wünscht, und das passt thematisch sehr gut zusammen. Wir sind gegen die Verwendung von Atomenergie als Waffe."

"Oma für Klimarettung"

Zu den "Fridays for Future"-Kundgebungen kommen immer wieder auch ältere Leute, was Leonard Krayer freut. Diesen Eindruck hat auch die Organisatorin der Göttinger Ostermarsch-Kundgebung, Anne Schreiner: "Ich habe mir so ein Schild gemacht: 'Oma für Klimarettung' - und die freuen sich natürlich, wenn ich dahin komme."

Es sei ein unendlich gutes Zeichen, dass die Schüler auf die Straße gingen, meint die 75-jährige Friedensaktivistin. Und sie glaubt, dass da noch mehr kommen wird. Um an Ostern auch wirklich für den Frieden zu demonstrieren, statt nur bei einer Kundgebung herumzustehen, müssen die Göttinger Friedensaktivisten aber woanders hin. Etwa zum Ostermarsch nach Kassel.

Interview

Warum demonstrieren wieder hip ist

Seit einiger Zeit wird in der Öffentlichkeit wieder vermehrt protestiert. Ein neues altes Phänomen? Ein Gespräch mit dem Protestforscher Sebastian Haunss. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 19.04.2019 | 14:20 Uhr

Mehr Kultur

04:47
Kulturjournal
05:41
NDR Fernsehen
54:22
NDR Info