Eine junge Frau mit gepunkteter Bluse am Corona-Telefon © NDR Foto: Susann Moll

Neue Aufgabe für Schauspieler: Corona-Telefon statt Theater

Stand: 03.02.2021 17:20 Uhr

Während ihr Theater geschlossen ist, arbeiten vier Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Vorpommerschen Landesbühne beim Gesundheitsamt - und übermitteln am Telefon Corona-Testergebnisse.

von Susann Moll

Keine Vorstellungen, keine Proben, nichts zu tun - so geht es vielen Schauspielern in diesen Tagen. Auf der anderen Seite wissen die Mitarbeiter in den Gesundheitsämter im Land teilweise nicht, wo ihnen der Kopf steht. Ergebnisse positiver Corona-Tests müssen überbracht und Quarantäne verhängt werden. Die Vorpommersche Landesbühne hat dem Landkreis Vorpommern-Greifswald deshalb Hilfe angeboten. Vier Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Theaters sitzen dort regelmäßig am Corona-Telefon - darunter auch eine Schauspielschülerin und ein Schauspielschüler, die gerade an der Theaterakademie Vorpommern ihre Ausbildung machen.

Kontaktnachverfolgung systemrelevanter als Schauspielerei?

Eine junge Frau mit gepunkteter Bluse am Corona-Telefon © NDR Foto: Susann Moll
Karen Kanke war bei ihren ersten Anrufen so aufgeregt wie vor einer Premiere.

"Das ist leider positiv ausgefallen. Genau, sie haben leider das Corona-Virus. Wann genau wurde denn der Test durchgeführt?" Seit gut drei Wochen überbringt Karen Kanke regelmäßig Menschen die Nachricht, dass sie sich infiziert haben. Viel lieber würde die 23-Jährige natürlich auf der Bühne stehen. "Ansonsten ist es natürlich eine, ich sage mal, wichtigere Arbeit. Natürlich kann man jetzt auch sagen, Kultur ist doch auch wichtig, das finde ich natürlich auch. Aber natürlich auf einem anderen Level als diese Arbeit. Gerade am Anfang bin ich da auch schon mit mehr Angst reingegangen. Es war denn wirklich jedes Mal so, als ob ich gleich Premiere hätte", erzählt die Schauspielschülerin.

Corona-Testergebnisse mitteilen - große Verantwortung

Die Verantwortung ist groß - Kanke weist schließlich Menschen an, mehrere Tage das Haus nicht mehr zu verlassen und untersagt ihnen persönliche Kontakte. Über einige Fälle muss Karen Kanke auch noch nach Feierabend nachdenken. "Ältere Personen, die hilflos sind, die sich selber nicht versorgen können, wo dann auch natürlich die Angehörigen mit dabei sind, die dann auch zum Teil nicht mehr wissen, wie macht man weiter - das bleibt auf jeden Fall im Kopf. Das ist auch super schwierig während des Telefonats damit umzugehen, wenn man dann hört wie es diesen älteren Personen geht und dass man da irgendwie nichts machen kann", berichtet Kanke.

Letzter Auftritt im Theater Anklam: "Der kleine Muck"

Eine junge Frau mit gepunkteter Bluse am Corona-Telefon © NDR Foto: Susann Moll
Auch Schauspielschüler Ole Riebesell hilft nun dem Landkreis.

Ähnlich geht es Ole Riebesell. Auch er ist wie Karen Kanke Student an der Theaterakademie Vorpommern und hilft nun dem Landkreis. Dass sie zusammen auf der Bühne standen, ist schon eine Weile her. Es war im Dezember im Theater Anklam bei der Inszenierung von Wilhelm Hauffs Klassiker "Der kleine Muck" - oder besser "Die kleine Muck", denn Karen Kanke spielt den Muck, das hinaus zieht, um das Glück zu suchen. Ole Riebesell begleitet sie im Stück musikalisch. Wann sie das nächste Mal vor Publikum spielen werden, ist ungewiss. Für die beiden Studenten im letzten Ausbildungsjahr sei das besonders frustrierend, sagt Ole Riebesell: "Das große Plus der Ausbildung hier an der Theaterakademie Vorpommern ist das vierte Jahr, in dem man spielt und Spielerfahrung sammelt. Ich starte jetzt in den Beruf, ich hab 60 Bewerbungen geschrieben, es gibt kaum Einladungen, es gibt keine Vakanzen. Sowieso ist es schon schwierig, wenn man nicht von einer extrem prestigeträchtigen Schule kommt, aber dann fange ich irgendwo an und habe nicht die Berufserfahrung, die ich eigentlich bei dieser Ausbildung hätte."

Nachdenken über Bedeutung der Kultur für die Gesellschaft

Die Arbeit am Corona-Telefon hat Karen Kanke dennoch weitergebracht. "Es gibt mir schon mehr Selbstbewusstsein, glaube ich. Und Selbstbewusstsein, gerade auf der Bühne, ist auf jeden Fall immer sehr gut", findet die junge Frau. Die Corona-Pandemie hat Ole Riebesell dagegen oft daran Zweifeln lassen, ob seine Berufswahl tatsächlich die richtige ist. Am Ende kommt er aber immer zum selben Fazit: "Es ist ein richtig geiler Beruf und es ist auch wichtig. Vielleicht in diesem Moment nicht so systemrelevant wie Kontaktnachverfolgung. Aber wir wollen ja nicht nur eine Bürokratie-Gesellschaft sein. Wir wollen auch eine Gesellschaft sein, die genießt und die Freude hat und die sich auf einer anderen Ebene mit Dingen auseinandersetzt. Deswegen ist es glaube ich ganz wichtig, dass unter Berücksichtigung aller Vorsichtsmaßnahmen schnell wieder mehr Kunst gemacht wird und mehr Kunst konsumiert oder genossen werden kann."

Kommende Woche gehen für die Studenten zumindest die Proben wieder los. Als letzte Inszenierung der Ausbildung steht "Zorn" auf dem Plan - ein Drama von Nino Haratischwili über acht Menschen, die genau wie die Schauspielschülerinnen und -schüler an einem Wendepunkt in ihrem Leben stehen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 03.02.2021 | 19:00 Uhr