Ein afghanisches Mädchen in einem Krankenhaus in Kabul © picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Bram Janssen Foto: Bram Janssen

Afghanistan: "Situation viel schlimmer, als wir gedacht haben"

Stand: 20.12.2021 13:58 Uhr

Nadia Nashir-Karim ist Vorsitzende des Afghanischen Frauenvereins in Hamburg, einer Nichtregierungsorganisation, die in Afghanistan mehrere Schulen und medizinische Hilfsprojekte betreibt.

Ein afghanisches Mädchen in einem Krankenhaus in Kabul © picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Bram Janssen Foto: Bram Janssen
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Frau Nashir-Karim, wie stellt sich die humanitäre Situation mit dem anbrechenden Winter dar?

Nadia Nashir-Karim: Die Situation ist viel schlimmer, als wir gedacht haben. Die Winter in Afghanistan sind extrem hart, bis zu minus 20 Grad, die Sommer sehr heiß. Wir haben gerade begonnen, in sechs Provinzen Nothilfeaktionen zu machen. Wir erfahren täglich schlimme Nachrichten: In zwei Flüchtlingscamps, in denen wir bereits Lebensmittel, kleine Gasöfen und Decken verteilt haben, gab es Familien, die vier Tage lang nichts zu essen hatten. Sie haben nur Tee getrunken und trockenes Brot gegessen. Die Unterernährung ist extrem groß: Zwölf Millionen Menschen drohen Hunger und Unterernährung. 3,5 Millionen Kinder sind unterernährt, zwei Millionen Menschen sind obdachlos. Der Winter ist extrem schlimm und vor allem die Folge der Dürre, weil es im Sommer so wenig Regen gegeben hat. Es gibt viel zu wenig Essen. Während der Kämpfe war Erntezeit, und die Menschen konnten zum Teil ihre Ernte in bestimmten Gebieten nicht mit nach Hause nehmen und für den Winter horten. Es gab gestern an bestimmten Orten ein bis zwei Meter hohen Schnee - die sind von der Außenwelt absolut abgeschnitten, weil die Infrastruktur fehlt. Es ist viel schlimmer, als wir gedacht haben, und es wird noch schlimmer werden.

Inwiefern ist es durch den Machtwechsel noch einmal schlimmer geworden?

Nashir-Karim: Nachdem die Taliban an die Macht gekommen sind, funktioniert die Wirtschaft gar nicht. Viele Menschen haben ihre Jobs verloren. Es gibt Menschen in der Mittelschicht, die seit mehreren Monaten kein Gehalt kriegen, weil der Staat pleite ist. Es gibt keine Möglichkeit des Geldtransfers. Viele große Hilfsorganisationen haben ihre Arbeit aufgegeben. Die Mitarbeiter stehen vor dem Nichts, alle Projekte sind gestoppt und sie können ihre Familien nicht ernähren. Afghanistan ist ja ein Agrarland, 80 Prozent der Menschen leben von der Landwirtschaft. Sie haben keine Möglichkeit der Unterstützung. Wir versorgen 24.000 Menschen mit Lebensmitteln, und ein Großteil dieser Menschen sind Tagelöhner, und sie haben tagelang überhaupt keine Einnahmen. Sie sagen, sie seien froh, wenn sie in einer Woche zwei bis drei Dollar verdienen. Und eigentlich braucht eine vier- bis sechsköpfige Familie 500 bis 600 Euro monatlich, weil die Lebensmittelpreise extrem gestiegen sind, alles ist um 70 Prozent teurer geworden. Die Menschen verhungern. Ein Vater hat mir heute morgen am Telefon weinend erzählt, dass er seinen älteren Kindern beim Essen gesagt hat, nicht so viel zu essen, damit die jüngeren etwas haben. Wir wissen gar nicht, wie es jetzt weitergehen soll. Die internationale Hilfe ist ganz dringend und wichtig, und die Weltgemeinschaft darf Afghanistan nicht vergessen.

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Wie schätzen Sie die politische Lage ein? Viele Staaten haben nach der Machtübernahme der Taliban den Geldhahn zugedreht. Das hat die Lage jetzt zum Eskalieren gebracht. Sollten die den Menschen helfen, oder sollten sie aufgrund der Wiedereinführung der Scharia dieses System nicht unterstützen?

Nashir-Karim: Was können die Zivilisten dafür? Sie werden geopfert für dieses System. Die Opfer dieser Schwankungen der Politik sind die Ärmsten der Ärmsten. Menschen, die viel Geld haben, haben die Möglichkeit in die Türkei, nach Dubai oder nach Indien gehen. Momentan bekommen wir eine Genehmigung von den Ministerien, sie hindern uns nicht daran zu arbeiten, wir sind ganz autark. Das ist ja eine humanitäre Hilfe, und es ist die Verpflichtung eines jeden Staates - auch Deutschlands -, dass man die Menschen nicht im Stich lässt und humanitäre Hilfe leistet. Das wurde den Afghanen versprochen.

Was das System angeht, wissen wir gar nicht, wie die Zukunft aussieht. Momentan kann ich berichten: Von unseren 16 Projekten laufen vier: Die Mädchen können bis zum sechsten Schuljahr zur Schule gehen, danach nicht. Wir hoffen, dass im nächsten Jahr auch Mädchen aus höheren Klassen zur Schule gehen können. Es gibt viele Lehrerinnen und viele Staatsbeamtinnen, die seit drei, vier Monaten keine Gelder bekommen haben. Zum Teil sind die Gelder eingefroren, auch von der internationalen Gemeinschaft. Das Problem liegt hier auf mehreren Ebenen. Für die Ärmsten aller Ärmsten muss etwas getan werden. Wir können die Tausenden von Kindern und Frauen nicht verhungern lassen. Es gibt viele Todesfälle von Frauen, die schwanger sind, die einfach nicht medizinisch versorgt werden können, weil Tausende von Kliniken geschlossen sind. Das geht auf Kosten der Zivilisten, das darf nicht passieren.

Das Gespräch führte Jürgen Deppe.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 20.12.2021 | 18:00 Uhr

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