Nadia Nashir-Karim © IMAGO / epd Foto: IMAGO / epd

Nadia Nashir-Karim: Die Situation unter den "neuen" Taliban

Sendedatum: 18.08.2021 18:00 Uhr

Die Taliban, die am Sonntag die Macht am Hindukusch übernommen haben, behaupten, anders zu sein als jene Taliban, die Afghanistan in den 1990er-Jahren ins tiefste Mittelalter tyrannisiert haben. Nadia Nashir-Karim, Vorsitzende des afghanischen Frauenvereins, im Gespräch.

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Frau Nashir-Karim, noch herrscht Unklarheit darüber, was von diesen neuen Taliban zu halten ist. Sie gestatten zumindest in diesen ersten Tagen Frauen den Zugang zu Bildungsinstitutionen und zu Medien. Sie haben Kontakt mit vielen Frauen vor Ort. Kann man diesem Eindruck trauen?

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Nadia Nashir-Karim ist Vorsitzende des afghanischen Frauenvereins, mit Sitz in Hamburg.

Nadia Nashir-Karim: Auf jeden Fall können wir sagen, dass wir von den 14 Projekten mit fünf wieder begonnen haben, darunter eine Jungen- und eine Mädchenschule in der Provinz Kundus, zwei Kliniken, in denen auch Frauen arbeiten. Sie liegen auf dem Land, nahe Kabul. Außerdem sind wir gerade dabei, ein Nothilfeprogramm, das wir begonnen haben und das aufgrund der Unruhen gestoppt wurde, weiter zu planen. Es ist schwierig eine Zukunftsprognose abzugeben. Wir entscheiden uns von Stunde zu Stunde, von Tag zu Tag. Momentan können wir arbeiten. Wir sind im Kontakt mit unseren weiblichen Mitarbeitern. Und das geht.

Sie haben Projekte in großen Städten, aber Sie kümmern sich auch sehr stark um die Regionen. Da haben wir Anfang der Woche schon einmal gehört, dass insbesondere dort die Zustände zum Teil sehr eklatant sind. Können Sie das auch schon bestätigen? Haben Sie da Kontakte?

Nashir-Karim: Ich kann aus den drei Regionen berichten, in denen wir arbeiten. Wir arbeiten nicht in den Städten, viele Projekte liegen bei uns im ländlichen Bereich. Das ist notwendig, aber auch schwierig und auch mit Gefahren verbunden, vor allem weil die Wege gefährlich sind. Die Frauen sind sich im Moment nicht sicher, was sie in Zukunft erwartet, aber momentan können wir arbeiten.

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Sie sind auch an der vor zwei Jahren eröffneten Safaa-Schule in Gedenken an Roger Willemsen beteiligt. Kann sie ihren Schulbetrieb aufrechterhalten?

Nashir-Karim: Momentan ist die Safaa-Schule vom Erziehungsministerium gestoppt. Das heißt, es ist alles in einer Wartehaltung. Wir haben vier Schulen. Eine in Kundus ist geöffnet. Das ist momentan so, dass die Regierung ja noch nicht klar ist, dass die Minister sich nicht gesammelt haben. Wir wissen gar nicht, wer unser Ansprechpartner ist. Viele Banken sind seit dem Sonntag geschlossen. Man hat uns zugesichert, dass die Kinder ab der nächsten Woche mit ihren Prüfungen weiter machen können. Auch die Safaa-Schule, mit über 1100 Mädchen und Jungs, vom ersten bis zum sechsten Schuljahr.

Derzeit versuchen Zehntausende das Land zu verlassen. Das ist natürlich auch ein großer Aderlass. Man hofft, dass es vielen von ihnen gelingt. Andersrum muss man auch fragen: Was bedeutet es für Afghanistan, wenn so viele Menschen das Land verlassen?

Nashir-Karim: Das ist natürlich ein Verlust der gebildeten Elite. Aber man kann die jungen Menschen verstehen, wenn sie Angst haben und eine bessere Zukunft wollen. Es gibt viele junge Menschen, die den Krieg nicht direkt erlebt haben, aber die Folgen des Krieges aufgrund der Erzählungen ihrer Eltern kennen. Ich glaube, jeder Mensch würde dann, wenn er zwei Perspektive hat, die aussuchen, die ihm eine Zukunft bietet, wo es dann friedlicher und sicherer ist.

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Die Bundesrepublik hat alle Hände voll damit zu tun, Deutsche auszufliegen. Was wäre Ihrer Meinung nach darüber hinaus zu tun?

Nashir-Karim: Auf jeden Fall brauchen wir weiterhin diplomatische Beziehungen, auch was die Friedensverhandlungen angeht und was die Teilnahme der Frauen an der zivilen Gesellschaft für die Zukunft Afghanistan betrifft. Und vor allem brauchen wir wirtschaftliche und humanitäre Hilfe, auch für die Zivilisten und zivile Projekte.

Ist es jetzt die richtige Entscheidung, die Entwicklungshilfe einzufrieren?

Nashir-Karim: Nein, es ist keine richtige Entscheidung, weil Millionen von Zivilisten darunter leiden werden. Afghanistan droht ein sehr harter Winter. Wir haben ein kontinentales Klima bis minus 20 Grad im Winter. Corona war sehr schlimm und das Land braucht dringend Impfstoff. Es sind viele Menschen gestorben und es droht der Hunger. Es gibt kein sauberes Trinkwasser. Die Zivilisten leiden, darunter tausende von Frauen und Kinder. Ihnen wurde ja so viel versprochen, das wäre nicht gut. Deutschland ist ein Land, das eine jahrelange gute Beziehung zu Afghanistan hat. Die Menschen würden sehr enttäuscht sein.

Das Gespräch führte Jürgen Deppe.

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