Eine Männerhand hält ein Stadtmodell © picture alliance / Zoonar Foto: Elnur Amikishiyev

Nachhaltiges Wohnen: Wie sieht der Wohnraum der Zukunft aus?

Stand: 24.02.2021 18:33 Uhr

Ein Gespräch mit dem Professor für Stadt- und Raumentwicklung in einer diversifizierten Gesellschaft, Tim Rieniets, über die Zukunft des Wohnens.

Eine Männerhand hält ein Stadtmodell © picture alliance / Zoonar Foto: Elnur Amikishiyev
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Ob Grünen-Fraktionschef Anton Hofreiter geahnt hat, welche Welle er damit lostritt, als er kürzlich in einem "Spiegel"-Interview den Eigenheim-Bau hinterfragt hat? Der Sturm der Entrüstung jedenfalls ist enorm. En passent rückte der Wohnraummangel plötzlich wieder auf die Tagesordnung, die Mietenexplosion trotz Pandemie, das Zurückbleiben hinter dem selbstgesetzten Wohnungsbauziel der Bundesregierung.

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Herr Rieniets, die derzeitige Wohnungspolitik ist ein großer Erfolg - so hat es die Bundesregierung zumindest am Dienstag verkauft. Kanzlerin Merkel hat festgestellt, dass man "doch einiges zustande gebracht" habe, und Bundesinnenminister Horst Seehofer hat zweieinhalb Jahre nach dem Wohngipfel sogar eine "stolze Bilanz" gezogen. Wie hoch fallen Ihre Luftsprünge aus?

Tim Rieniets: Die fallen nicht ganz so hoch aus wie die der Bundesregierung. Auf den ersten Blick sehen die Zahlen nicht ganz schlecht aus: 2018, beim Wohnungsgipfel, wurde der Bau von 1,5 Millionen Wohnungen anvisiert, und es sind aktuell 1,2 Millionen geworden. Das könnte man als einen relativen Erfolg verkaufen, aber es kommt ja nicht auf die Erfüllung von Zahlen an, sondern auf die Erfüllung des Ziels, was mit den Zahlen erreicht werden sollte. Und da ging es in erster Linie darum, den Wohnungsmarkt in einer Art und Weise zu entlasten, dass er sozial, also bezahlbar ist, und das scheint leider nicht der Fall zu sein. Die Mieten steigen zwar nicht mehr ganz so dramatisch wie noch vor ein paar Jahren, aber sie haben längst das Maß überstiegen, das für viele Menschen leistbar ist. Ich finde, daran muss sich die Bundesregierung und die Instrumente, die dort eingesetzt worden sind, messen lassen, und nicht daran, ob die Zahlen stimmen.

Wie sieht das Wohnen der Zukunft Ihrer Meinung nach aus?

Rieniets: Das Wohnen der Zukunft wird vermutlich nicht so wahnsinnig anders aussehen, als das Wohnen heute aussieht. Das hat damit zu tun, dass es wenig Lebensbereiche gibt, die so sehr auf kulturellen Prägungen und Gewohnheiten basieren wie das Wohnen. Aber nichtsdestotrotz müssen wir versuchen, ein bisschen an diesen Gewohnheiten zu rütteln, wenn wir Sozial- und Nachhaltigkeitsziele erreichen wollen. Das betrifft die Bürgerinnen und Bürger und die Art und Weise, wie wir in Zukunft unsere Wohnpräferenzen wählen. Das liegt auch an der Politik, entsprechende Voraussetzungen dafür zu schaffen, und nicht zuletzt auch an den Planern und Architekten, entsprechende Angebote zu schaffen, die es uns ermöglichen, nachhaltiger zu wohnen, als wir das bisher getan haben.

Zu unserer Kultur des Wohnens gehört auch das Eigenheim. Das braucht aber mindestens so viele Ressourcen auf wie der Wohnungsbau in den Städten - und die Ressourcen sind begrenzt. Wie gehen wir jetzt damit um?

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Rieniets: Zunächst mal ist es erstaunlich, dass wir uns in den letzten 20, 30 Jahren sehr intensiv mit der Frage des Energiesparens im Wohnsektor beschäftigt haben und da auch messbare Fortschritte erzielen konnten. Wir haben aber völlig aus dem Auge verloren, dass der Bausektor der mit großem Abstand ressourcenintensivste Wirtschaftszweig ist, den wir haben; es gibt keinen anderen Wirtschaftszweig, der mehr nicht-erneuerbare Ressourcen verschlingt als dieser. Das kann und darf nicht so bleiben. Und da stellt sich die Frage, wie wir damit umgehen, dass wir es nicht nur bewerkstelligen können, weniger Energie im Wohnsektor zu verbrauchen, sondern auch weniger Ressourcen dafür zu verschlingen.

Ein anderes großes Problem, wenn es um die Ressourcen geht, ist der Verkehr. Wenn wir die Trias "Wohnen, Arbeiten, Freizeit" unter einen Deckel kriegen wollen, dann ist das immer auch mit Energie verbunden. Wie geht ein Stadtplaner damit um?

Rieniets: Das sind genau die Punkte, die Anton Hofreiter ansprechen wollte. Auch wenn man sich darüber streiten kann, ob es kommunikativ der richtige Weg ist, über Verbote zu sprechen, so ist die Analyse nicht falsch. Das Wohnen im Einfamilienhaus ist tatsächlich ressourcenintensiver, verbraucht mehr Energie als andere Wohnformen und löst auch mehr Verkehrsbewegungen aus, die wiederum Folgen für die Umwelt haben. Aber der Individualverkehr ist nicht nur ein Umweltproblem - er hat dem öffentlichen Straßenraum in unseren Städten auch ihre Aufenthaltsqualität geraubt: weil es laut ist, weil es ungesund ist, weil es gefährlich ist. Und wenn ich von Aufenthaltsqualitäten spreche, dann meine ich nicht bloß die Möglichkeit, sich als Fußgänger ohne Belastungen im öffentlichen Raum bewegen zu können. Ich meine damit auch die Möglichkeit, den öffentlichen Raum dafür zu nutzen, wofür er in der europäischen Stadt eigentlich immer da war: für den Austausch, für den Dialog, für das Miteinander von Menschen. Das ist auch ein Herzstück der europäischen Stadt, wenn man sich nicht nur als gebaute Realität versteht, sondern auch als eine Sozialform. Auch deswegen müssen wir die Mobilitätswende ernst nehmen - nicht nur in dem Sinne, dass wir weniger Emissionen ausstoßen, wenn wir uns technischer Verkehrsmittel bedienen, sondern dass wir auch den öffentlichen Straßenraum entlasten und damit unsere Städte wieder aufwerten.

Wie kann Stadtplanung, wie kann Raumplanung stattfinden, ohne dass es eine Art von Gängelei oder Freiheitseinschränkung ist?

Rieniets: Es geht zum einen darum, Angebote zu schaffen. Ich kann nachvollziehen, dass es viele Menschen gibt, für die das Einfamilienhaus der Wohntraum ist, insbesondere dann, wenn man sich in der Phase der Familiengründung befindet. Das zeigen auch die Zahlen des Statistischen Bundesamtes: Es werden jährlich über 80.000 solcher Einfamilienhäuser genehmigt. Da ist auch meine Profession gefragt. Ich glaube, es geht zum einen darum, Angebote zu schaffen, die Menschen dazu bewegen, sich für eine andere Wohnformen zu entscheiden als die draußen vor der Stadt. Da ist Erfindungsreichtum gefragt. Da ist auch der Gesetzgeber gefragt, der an der einen oder anderen Stelle über seine Verordnungen gehen müsste, die das Wohnen extrem teuer und kompliziert gemacht haben. Und es geht nicht zuletzt auch um die Bewohnerinnen und Bewohner, die sich selber die Frage stellen müssen, welchen Beitrag sie im Rahmen ihrer Wohnortwahl für eine nachhaltige Entwicklung leisten können.

Das Interview führte Jürgen Deppe.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 24.02.2021 | 18:00 Uhr