Autorin Irene Dische © NDR Foto: NDR

Nach der US-Wahl: "Ich bin über Amerika total erschrocken"

Stand: 04.11.2020 15:52 Uhr

Irene Dische hat 2017 mit ihrem USA-Roman "Schwarz und Weiß" intensiv in das gespaltene Land hineingeleuchtet. Im Interview erzählt sie, warum sie von dem Zwischenergebnis der US-Wahl überrascht ist.

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Frau Dische, erste Analysen deuten auf eine Stimmenmehrheit für Joe Biden. Trotzdem hat Donald Trump heute den Wahlsieg für sich reklamiert. Wie interpretieren Sie das?

Irene Dische: Das hat er schon angekündigt, dass er das machen würde. Insofern finde ich das überhaupt nicht überraschend und nicht besonders bedrohlich. Ich finde es viel bedrohlicher, dass so viele Amerikaner für ihn gestimmt haben. Auch dass der Senat so unentschieden ausgeht und vorläufig republikanisch bleibt, ist ein viel wichtigerer Aspekt.

Sie haben Donald Trump in den letzten Jahren genau beobachtet. Als er heute Morgen in Washington vor die Presse trat, war er scheinbar ruhig und abgeklärt. So erlebt man ihn ja eigentlich eher selten. Was geht gerade in ihm vor?

Dische: Es ist ja nur manipulativ. Es hat irgendjemand einen schlauen Aufsatz darüber geschrieben, dass Trump auch anders kann und dass er das macht, was der Bevölkerung gefällt: diese Diktator-Attitüde, die er drauf hat. Das gefällt der Bevölkerung offensichtlich, und da kann man nur sagen, dass die den irgendwie verdient haben. Ich bin vollkommen verzweifelt.

Trump hat auch angekündigt, den Obersten Gerichtshof einzuschalten, um die Auszählung der Wahlstimmen womöglich zu verhindern. Seit Monaten schürt er Zweifel an der Rechtmäßigkeit der Abstimmung, auch der Briefwahl. Ist die Ankündigung typisch Donald Trump?

Dische: Ja, natürlich. Es ist eine Drohgebärde und Drohgebärden sind seine Spezialität. Alle Leute erwarten, dass er solche Drohgebärden macht. Ob er die durchziehen kann, das weiß niemand. Meine Freunde, die etwas vom Recht in Amerika verstehen, glauben, dass er da nicht durchkommt. Ich habe weniger Angst davor als vor Krawallen. Ich glaube nicht, dass er diese Verfassung so schnell ändern kann.

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Lassen Sie uns auf das heutige Amerika gucken: Wie sieht Ihr Bild gerade aus - mit einem Präsidenten Trump oder Biden?

Dische: Es kommt sehr darauf an, was im Senat passiert. Wenn Biden gewählt wird und der Senat republikanisch bleibt, dann wird Biden so schwach sein, dass vier Jahre lang gar nichts passieren wird. Das werden vier Jahre Chaos, und dann kommen die Republikaner noch einmal dran. Das ist meine Angst. Wenn der Senat demokratisch wird, wäre mir das wichtiger, als ob Biden oder Trump gewählt wird. Denn mit einem demokratischen Senat kann Trump gar nichts machen. Wenn Biden Präsident wird und es einen demokratischen Senat gibt, wäre das die Traumsituation. Dann werden die Rechten in Amerika einen Aufstand machen und dann dann wird es Probleme geben. Ich bin über Amerika total erschrocken. Es passt überhaupt nicht in mein Bild von meinem Land, dass so viele Leute Trump wählen. Das hätte ich nie gedacht. Ich habe mich sehr gefreut, weil ich dachte, dass die Frühwähler alle Biden wählen, aber das war ein Irrtum.

Das Interview führte Claudia Christophersen.

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NDR Kultur | Journal | 04.11.2020 | 18:00 Uhr