Stand: 06.08.2020 10:12 Uhr  - NDR Kultur

NDR Kultur zu Gast bei Comiczeichner Ralf König

von Martina Kothe

Die Knollennasen von Ralf König kennt vermutlich fast jeder. Mit Ironie und dem Talent, menschliche Macken zu beobachten, erzählt er Geschichten, die mit Vorliebe die Schwulenbewegung parodieren, die Vorurteile enttarnen und Zeichen gegen jede Radikalisierung setzen. Seine Comics haben es in Verlagshäuser und auf Kinoleinwände geschafft. Welche Erlebnisse und Projekte sind ihm nach 40 Jahren zeichnen wichtig? Welche Musik hört er bei der Arbeit? Martina Kothe hat sich bei NDR Kultur à la carte mit Ralf König unterhalten. Einige Auszüge aus dem Gespräch:

Comiczeichner Ralf König arbeitet aus seinem Kölner Home-Office an kleinen Corona-Comics. © NDR Foto: Martina Kothe
Ralf König in seinem Kölner Atelier und Home-Office.

Martina Kothe: Mit 19 Jahren veröffentlichten Sie Ihre ersten Comics in einem Magazin. War das Zeichnen damals schon ein konkreter Berufswunsch?

Ralf König: Nein, das Zeichnen ist mir in die Wiege gelegt worden. Ich war ca. neun Jahre alt und hatte einen Cousin, der etwas älter war als ich. Er konnte den besseren Donald Duck zeichnen, das habe ich sehr neidisch zur Kenntnis genommen, habe mich hingesetzt und diesen Schnabel so lange gezeichnet, bis ich das auch gut konnte. Ich denke, dass ich auch Comics zeichnen würde, wenn ich nicht schwul wäre. 1979 habe ich in Frankfurt an einer der ersten größeren Schwulen-Demos teilgenommen und natürlich kam es dann dazu, dass ich meine auf Umweltschutz-Papier gedruckten Zeichnungen an alle möglichen alternativen, linkspolitischen, schwulen Heftchen zu schicken begann. Damals wurde alles gedruckt, was mit Homosexualität zu tun hatte. Das waren wirklich schlechte Cartoons und schlechte Zeichnungen, es war aber toll, dass jemand über dieses damals noch sehr tragische Thema Witze machte. Homosexualität war in der "Schmuddelecke", darüber sprach man nicht. Ohne dass ich es verstand, fanden meine Witze jedoch sofort ein Publikum.

Wie lange hat es dann gedauert, bis sie von Ihren Comics leben konnten?

Cover des Buchs "Der Bewegte Mann" von Ralf König aus 1992 © Rowohlt Verlag
1991 erschien das Buch von Ralf König - 1994 die Leinwandadaption von Sönke Wortmann. Beide Werke wurden zu Kassenschlagern.

König: Zunächst war ich in der Schwulenszene ein absoluter Insider-Tipp, der dann aber in die linke Studenten-Szene überschwappte. Ich höre heute noch, dass meine Bücher häufig auf WG-Klos lagen. 1987 beendete ich dann mein Kunst-Studium und musste mir überlegen, was ich in meinem Leben machen möchte. Also habe ich angefangen, mich ganz frech bei den damaligen Verlagen zu bewerben. Der einzige Verlag - von dem ich wohlgemerkt am wenigsten erwartet hatte, dass er anbeißen würde - war tatsächlich Rowohlt. Die verlegten dann "Der bewegte Mann". Das wurde, ohne dass ich damit gerechnet hatte, mein großer Durchbruch. Ab dann konnte ich vom Zeichnen leben.

Sie sind nun 60 Jahre alt geworden. Das Älterwerden hat sie aber schon mit 30 beschäftigt und immer wieder Einzug in Ihre Comics gefunden.

König: Ja, es hat mich schon immer beschäftigt. Diese Trostsprüche brachten mich schon immer auf die Palme. Dieses "Es ist doch nur eine Zahl." oder "Man ist nur so alt, wie man sich fühlt.". Ich fand es schon immer unehrlich, darüber zu klagen, dass man älter wird. Schließlich ist es ein Luxusproblem, eigentlich sogar ein Geschenk. Ich werde also vorsichtig damit sein, über meinen 60. Geburtstag zu jammern. Über den körperlichen Verfall wird allerdings niemand, der ihn erlebt, Beifall klatschen. Ich habe darüber ein Buch gemacht, das heißt "Herbst in der Hose" und hatte mir damals vorgenommen, gnadenlos ehrlich mit dem Thema umzugehen. Ich wollte den Finger wirklich in die Wunde legen. Das Älterwerden wird besonders im Internet häufig wie eine Krankheit abgehandelt, bei der man Pillen und Hormone schlucken muss. Dahinter steckt ja auch eine riesige Industrie. Ich habe all dies, was mit dem Altern einhergeht, angesprochen und sehr viel Applaus bekommen als das Buch herauskam. Ich habe auch ganz viele meiner Leser, die zwischenzeitlich das Interesse verloren hatten, weil ich ihnen vielleicht mit meinen religiösen Sachen nicht schwul genug war, wieder zurückgewonnen. Die sind jetzt auch alle in meinem Alter und haben sich wohl darin wiedererkannt.

Ein Thema, das nun nicht ausschließlich die ältere Generation beschäftigt, ist die Corona-Pandemie. Wie erleben Sie diese außergewöhnliche Zeit?

König: Ich arbeite wegen dieses Corona-Mists momentan von zu Hause. Normalerweise habe ich meinen Arbeitsplatz in einem Gemeinschaftsbüro am Kölner Hauptbahnhof. Dort sind viele kreative und junge Menschen. Diese zu sehen und das gesamte Miteinander fehlen mir schon sehr. Seit dem 23. März bin ich alleine im Home-Office und finde das weniger schön.

Sie haben die Zeit aber auch dahingehend genutzt, dass sie auf Facebook eigentlich jeden Tag einen neuen Comic posten, der die derzeitige Lage aufs Korn nimmt. Ist das Zeichnen also auch eine Art Ventil für Sachen, die sie beschäftigen?

König: Das war es schon immer, auch vor Corona. Die Situation war jedoch folgendermaßen: Ich hatte gerade ein Buch, "Roy und Al" heißt das, fertig. Ich habe den Stift zugemacht und wollte den nächsten Stift für Rowohlt aufschrauben. Dort hatte ich schon einen Vertrag unterschrieben, die Zeit lief also. Es sollte um politische Korrektheit gehen und darum, was man noch sagen darf und was nicht. Ich wusste, dass dies ein sehr schwieriges Buch werden würde. Plötzlich kam jedoch der Lockdown. Das war genau in diesem Moment, als ich mit dem Buch anfangen wollte. Als dann plötzlich die Welt draußen still stand - und ich wohne hier mittendrin in Köln, hier ist immer etwas los - fand ich das wunderschön! Das hat mir unheimlich gut gefallen. Köln ist ja wirklich sehr eng und laut. Plötzlich war alles weg und Köln ein Kurort.

Inhaltlich hat mich das völlig von den Socken gehauen, weil niemand mehr über Political Correctness sprach. Das fand ich bezeichnend. Ganz andere Dinge waren nun wichtig. Da konnte ich mich doch nicht monatelang mit einem Buch beschäftigen, das vielleicht gar keine Aktualität mehr hat. In meiner Hilflosigkeit habe ich begonnen, auf Facebook kleine Cartoons zum Thema Corona, Lockdown und Quarantäne zu veröffentlichen. Das kam super an. Alle machten zu dieser Zeit die selben Erfahrungen, sodass jemand, der darüber Cartoons machte, hoch willkommen war. Mir hat das so viel Spaß gemacht, dass ich sogar Konrad und Paul wiederbelebt habe. Dass Paul, diese schwule Ledersau im Frühling nicht rausgehen und Party machen durfte, war natürlich gefundenes Fressen für mich. Da sind die Leute total drauf abgegangen, also habe ich Rowohlt gefragt, ob ich anstelle des geplanten Buchs nicht lieber diese Comics gesammelt als Buch herausbringen sollte. Die fanden die Idee super und seitdem mache ich jeden Tag diese kleinen Dinger aus vier Bildern und das macht immer noch wahnsinnigen Spaß.

Das gesamte Gespräch von Martina Kothe und Ralf König hören Sie hier:

Der Comiczeichner Ralf König sitzt in seinem Atelier und hält einen roten Filzstift in der Hand. © picture alliance/Oliver Berg/dpa Foto: Oliver Berg

AUDIO: Ralf König: Zeichenkunst und Engagement (55 Min)

Weitere Informationen
Ralf König lächelt © xC.xHardtx/xFuturexImage

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | NDR Kultur à la carte | 07.08.2020 | 13:00 Uhr