Ein Impfpass mit zwei Impfzertifikaten und dem Schriftzug Impfpflicht auf Holzwürfeln. © picture alliance / Eibner-Pressefoto / Fleig

NDR Kultur kontrovers: Impfpflicht durch die Hintertür?

Stand: 10.08.2021 13:27 Uhr

In diesen Wochen lässt die Impfbereitschaft so langsam nach. Verpflichtet werden soll niemand, beteuern Regierungsvertreter. Aber bekommen wir durch immer strengere Maßnahmen nicht doch eine Impfpflicht durch die Hintertür? Ein Streitgespräch.

von Anina Pommerenke

Beim Thema Impfen kann es in jedem harmlos beginnenden Alltagsgespräch mit Freunden oder Bekannten zu hitzigen Diskussionen kommen: Für Viele ist es das einzige wirksame Mittel im Kampf gegen die Corona-Pandemie. Anderen ist der Impfstoff noch zu unerforscht oder sie sprechen sich grundsätzlich gegen Impfungen aus. Was wiegt schwerer? Die individuelle Selbstbestimmung oder die gesamtgesellschaftliche Verantwortung?

Die große Frage: Impfpflicht? Ja oder Nein?

Darüber diskutiert NDR Kultur Redakteur Jürgen Deppe mit drei Gästen. Und stellt gleich zu Beginn die wohl schwierigste Frage: Impfpflicht? Ja oder Nein? Tagesspiegel-Redakteur Joachim Huber spricht sich dafür aus. Er selbst war im vergangenen März schwer an Corona erkrankt. "Ich hatte ja einen sehr schweren Verlauf und wäre fast ums Leben gekommen, nach diesen Erfahrungen bin ich natürlich einer der sagt: Hätte ich eine Impfung gehabt, wäre mir das sehr wahrscheinlich nicht passiert", berichtet Huber. "Denn der Virus ist im Endeffekt ein Arschloch. Der kümmert sich nicht um unsere Befindlichkeiten, sondern der Virus sucht Opfer. Vor diesem Hintergrund müssen wir alle mit uns selber strenger werden, und mit den anderen gleich mit."

Armin Nassehi würde mehr Druck begrüßen

Claudia Wiesemann ist Direktorin des Instituts für Ethik und Geschichte der Medizin an der Uni Göttingen. Sie findet, es sollte eine moralische Impfpflicht geben, aber keine rechtliche. Sie setzt auf weitere Anreize: "Ich glaube, dass wir noch lange nicht alles ausgeschöpft haben, Menschen davon zu überzeugen, wie sinnvoll es für sie selbst und dritte ist, sich impfen zu lassen. Diese Mittel müssen wir erstmal ausschöpfen. Da gibt's ja noch eine ganze Reihe von Wegen, die wir im Moment gerade beschreiten."

Der Soziologe Armin Nassehi argumentiert, dass sich eine Impflicht ohnehin nicht politisch legitimieren ließe. Er würde aber mehr Druck begrüßen: "Es geht nicht um eine Erkrankung, in der es ausschließlich um mich selbst geht. Sondern man kann von sozialen Erkrankungen sprechen, weil wir sie durch soziale Interaktionen weitergeben."

Joachim Huber: kein Verständis für Impfgegner

Journalist Huber hat wenig Verständnis für Menschen hat, die sich nicht impfen lassen wollen: "Diese Pathologisierung der Skeptiker - dieses Streicheln, als ob Sie Hunde streicheln, das ist mir alles nicht genug. Die lassen dem Virus freien Lauf! Wir können jetzt reagieren und wir müssen jetzt reagieren.

Die Ethikerin Wiesemann sucht nach Gründen für die Skepsis. Sie erinnert daran, dass die Impfstoffe gerade mal seit etwas mehr als einem halben Jahr verabreicht werden und es ausführliche öffentliche Diskussionen über deren Wirkung und Folgen gegeben hat. "Ich kann es den Bundesbürgerinnen und Bürgern nicht übel nehmen, dass sie das mit einem gewissen Misstrauen verfolgen", so Wiesemann. "Ich würde sagen, das ist sogar eine rationale Reaktion auf das was wir erlebt haben."

Unbürokratische Impfangebote nötig

Eine Impfpflicht durch die Hintertür sollte es laut Ethikerin Wiesemann und Soziologe Nassehi erst geben, wenn alle Möglichkeiten ausgeschöpft sind, Anreize für den "Pieks" zu schaffen. Sie glauben, dass die Impfbereitschaft noch steigen wird, wenn der Zugang einfacher wird. Die Politik müsse Möglichkeiten schaffen, mehr Menschen mit unbürokratischen Angeboten und ausführlichen Informationen zu erreichen und vom Sinn des Impfens zu überzeugen. Ohne lange Wartezeiten am Telefon oder Online-Registrierungen. Egal ob nun auf dem Ikea-Parkplatz oder beim Bratwurst-Essen.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | kontrovers | 10.08.2021 | 18:30 Uhr